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Zsófia BALLA
( 1949 )

» Zweite Person (1980)
» Die dritte Geschichte (2002)

Biographie

1949 (15. Januar) in Klausenburg (heute Cluj-Napoca, Rumänien) geboren
1956-1968 Besuch der Klausenburger Musikschule im Fach Geige
1968-1972 Studium an der Musikakademie in Klausenburg, Abschluss mit dem Lehrerdiplom
1972-1985 Redakteurin ungarischer Musik- und Literatursendungen beim Rundfunk
1975 Eintritt in den Rumänischen Schriftstellerverband
1978-1982 Leiterin des Literaturkreises der Klausenburger Literaturgesellschaft; behördliches Verbot des Kreises und Auflösung; Schließung aller Radiostudios in der Provinz
1985-1990 Korrespondentin der ungarischen Tageszeitung Előre (Vorwärts) für den Bereich Industrie und Landwirtschaft; Ausreiseverbot und teilweise Publikationsverbot
1990-1994 Redakteurin bei verschiedenen literarischen Zeitschriften, Mitglied im Ungarischen Schriftstellerverband und ab 1994 Mitglied des Vorstandes
1993 Übersiedlung nach Ungarn, Budapest
1994-2001 verschiedene Stipendienaufenthalte in Deutschland (u.a. 1994 Stipendiatin des Kulturfonds Wiepersdorf in Deutschland; 1999-2000: Gast des Berliner Künstlerprogramms der DAAD; 2001 Herrenhaus Edenkoben; Villa Waldberta, Feldafing)

Wichtige Preise:
1983, 1991 Preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes; 1992 Tibor-Déry-Preis; 1996 Attila-József-Preis; 2001 Ungarischer Literaturpreis, 2003 Palládium-Preis

Zweite Person
1980

Zsófias Ballas literarische Wurzeln sind zwar im Siebenbürgischen zu suchen, ihre Texte gehören aber längst zur gesamten ungarischen Dichtung. Sie konnte aus ihrer Heimat, die - mit Csaba Báthoris Worten - "aus heutiger Sicht ein bruchstückhafter Traum von kultureller, ethnischer, künstlerischer Vielfalt und Vielseitigkeit" darstellt, die Treue zur Form, die volksliedhaften Klänge, den ursprünglichen Sprachduktus und auch den politisch zu verstehenden Widerstandsgeist als charakteristische Eigenschaften ihrer Dichtung mit nach Ungarn bringen. Die Texte ihrer frühen Bände vermitteln die Schwere der Kriege, Vertreibungen, der verlorenen Heimat und der persönlichen Tragödien. Dabei sind sie allerdings nie als politische Botschaften zu verstehen, sondern sie halten die Geschichte moralisch motiviert in Evidenz: "Der Körper ist davongekommen - und die Sprache? / Die Stummheit entweicht, / Es ermattet, welkt einer Dürre gleich, / Glühendes, brennendes Leid; / Das Haus spricht; tönend und dröhnend wächst es, / Die Erbauer stürzen ab, / In wortlose Einsamkeit; Nacht und Erde / Nehmen sie in sich auf; // Es stöbern Schneeflocken, es dröhnen Trommeln, / Feuer, Körper brennen aus, Augen verlöschen, / Gemeinsam mit kriechenden Gräsern sprudelt hervor, / Als Wort-Denkmal, die Melodie -" ("Aus dem Turm zu Babel")

Die dritte Geschichte
2002

In seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Palládium-Preises für den Lyrikband "A harmadik történet" bringt Péter Bíró die Hiob-Geschichte in Zusammenhang mit Zsófia Ballas dichterischer Praxis, die sich thematisch mit den ewigen und unvermeidlichen Themen des menschlichen Schicksals auseinandersetzt: "Was geschah? Man müsste es wissen. Und wann? Und wie denn? / Es wurde längst erzählt. Job hats längst festgestellt. / Es kreist da jeder Schuß, der jemals traf, im Äther. /Wäre durch unsre Taubstummheit besser die Welt?" Die Gedichte sind zu einem starken, einheitlichen Gesamttext komponiert, der mit dem ersten Stück "A lélekzet" (Der Atem) anhebt und einen Weg, der alle elementaren Weltangelegenheiten berührt, abschreitet bis zum Schlussgedicht "A tárgy" (Der Gegenstand): "Mein Gegenstand ist das, was ich sehe. Davon / kann ich mich nicht befreien. Davon schreibe ich meine Gedichte. Wie / man mit den Alten das Pferd, den Kelch und den Anhänger beerdigt / hat, so mit mir das, was ich sah." Die durchscheinende Sichtweise ist kristallklar und gleichzeitig sich selbst bloß als Bild begreifend. Die Dichterin kennt den Unterschied zwischen Anschein und Anblick: "In der Tiefe des Objektes schimmert ein anderes Objekt" ("A történet mögött", Hinter der Geschichte), "Eine andere Rose steht in der Tiefe der Rose" ("A rózsa", Die Rose), und es ist die Sache des Dichters, dass er gerade das hinter den Dingen Liegende aufspürt und benennt. Die einzelnen Gedichttexte erschließen ihre Verwobenheit erst nach mehrmaliger Lektüre, dann eröffnen sich immer neue Zusammenhänge und Parallelen, auch in Beziehung zum Gesamtoeuvre. "Eine Frau sagt Worte, ordnet sie zueinander, will nichts, nur verstehen, nur nachdenken, nur lieben, nur ja und nein sagen, nur hoffen, aber dies alles geschieht nicht durch ihren Willen, sondern aus ihren Worten heraus." (Péter Esterházy)

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