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Attila BARTIS
( 1968 )

» Der Spaziergang (1995)
» Blauer Dunst (1998)
» Die Ruhe (2001)
» Die Apokryphen des Lazarus (2005)

Biographie

1968 in Marosvásárhely (Tirgu Mureº, Rumänien) geboren
1984 mit der Familie nach Ungarn übergesiedelt; lebt als Fotograf und Schriftsteller in Budapest


1997 Tibor-Déry-Preis; 2002 Sándor-Márai-Preis; 2005 Attila-József-Preis, 2010 Ernő-Szép-Preis

Der Spaziergang
1995

Schauplatz des ersten Romans von Attila Bartis ist ein namenloses Land im Osten Europa. Seit Jahrzehnten wechseln hier Kriege und Revolutionen einander ab, werden Menschen getötet und die Mauern wieder und wieder mit Blut getränkt. Die Orte tragen keine Namen, doch man vermutet schon bald, daß das alte Wohnhaus, das Waisenheim, der heruntergekommene Badeort irgendwo in Siebenbürgen liegen. Vor dieser Kulisse wird die Geschichte eines klugen und sensiblen Kindes erzählt. Sie spielt irgendwann zwischen 1968 und 1992. Das Kind ist beim Großvater, einem erblindeten Tänzer, aufgewachsen. Im Hof des alten Miethauses widmet es sich neugierigen Experimenten an verschiedenen Haustieren, die meist tödlich enden. Als der Großvater stirbt, kommt das Kind in ein Waisenhaus. Hier wird Adél seine Erzieherin und Hauptbezugsperson. Rasch lernt es lesen und schreiben. Vor einigen Zumutungen, so dem Spaziergang durch die Stadt, beim dem die Kinder für das Heim singen und betteln müssen, bleibt es verschont. Als erste Unruhen eine Revolution ankündigen, beschließt die Erzieherin, das Kind bei einem Großonkel, der Photograph in einem Badeort am See ist, unterzubringen. Auf dem Weg zum Bahnhof geraten sie in die Wirren der Revolution und bringen sich in einer Schneiderwerkstatt in Sicherheit. Der Laden wird von den Aufständischen gestürmt, der Schneider und Adél werden getötet. Das Kind ist neun Jahre alt, sieht alles mit an und beschließt an jenem Abend, nie einen Menschen zu töten. Auf sich allein gestellt, muß es den Weg zum Großonkel finden. Der Großonkel nimmt das Kind auf. Es stellt sich heraus, daß Adél seine Tochter war. Nun beginnt eine relativ unbeschwerte Zeit: Das Kind geht im Photoatelier zur Hand und lernt den Freundeskreis des Großonkels kennen. Der besteht aus lauter älteren Herren, einem jüdischen Ladenbesitzer, dem ersten Astronauten des Landes, der aber nie einen Fuß auf den Mond gesetzt hat, und einem abwesenden Maler, dessen Bilder das Kind faszinieren. Die Welt dieser Männer ist längst untergegangen; sie leben zurückgezogen, geben sich dem Nichtstun hin oder hantieren mit alten Werkzeugen an alten Gegenständen herum. Auch das goldene Zeitalter des Badeortes ist vorbei, die Boote am See verrotten, alles ist heruntergekommen und dem Verfall preisgegeben. Von diesem Verfall handelt der Roman und zugleich handelt er auf geheimnisvolle und poetische Weise dagegen. "A séta (Der Spaziergang) ist eine traurige, eine wundervolle Geschichte." (István Kemény)

Die Ruhe
2001

Der zweite Roman Attila Bartis ist die Chronik einer familiären Katastrophe, die sich im Ungarn der achtziger und frühen neunziger Jahre zuträgt. Die Karriere der gefeierte Budapester Schauspielerin Rebeka Weer endet über Nacht, als sich Ihre Tochter Judit, eine hochbegabte Geigerin, in den Westen abgesetzt. Weder mütterliche Bitten noch Drohungen können sie zur Rückkehr bewegen. So läßt die Mutter ihre Tochter kurzerhand für tot erklären, inszeniert eine Beerdigung und verschickt Traueranzeigen an hohe Funktionäre des Kultur- und Parteiapparats. Doch die theatralische Inszenierung verfehlt ihre Wirkung, die Entlassung wird nicht rückgängig gemacht. Daraufhin zieht sich Rebeka in ihre Wohnung zurück und setzt, umgeben von den Requisiten ihrer großen Rollen, fünfzehn Jahre lang keinen Fuß vor die Tür. Voller Argwohn überwacht sie das Leben ihres Sohnes Andor. Zwischen Mutter und Sohn entspinnt sich das Drama einer Haßliebe. Das Buch setzt ein mit dem Tod der Mutter. Zögerlich, beinahe widerstrebend beginnt der Sohn, der inzwischen Schriftsteller geworden ist, die Fäden seines verwickelten Lebens auseinanderzuknüpfen. Jahrelang hatte er der Mutter gefälschte Briefe der Schwester zugesandt, denn tatsächlich hat sich Judit schon vor Jahren in Frankreich das Leben genommen. Andor selbst bringt seine Tage in der Eckkneipe herum und seine Nächte mit One-night-stands, die ihn anekeln. Eingelassen in die Familiengeschichte ist ein Panorama der ungarischen Gesellschaft, wie sie dem Schriftsteller auf einer Lesereise durch die Provinz entgegentritt. Und während draußen das politische System zusammenbricht, wird immer offensichtlicher, daß der Sohn dem aus Haß, Erpressung und Obsession geflochtenen Netz niemals entkommen wird. "Mit beeindruckender Sprachkraft gelingt es Bartis, die Ambivalenz seiner Figuren, ihre Haßliebe und selbstzerstörerischen Energien zu entblößen und dabei die Spannung über dreihundert Seiten zu halten." (Richard Kämmerling, Frankfurter Allgemeine Zeitung) "Die mitteleuropäische Leichtigkeit des Seins entsorgt dieser Erzähler wie Sperrmüll zwischen den Zeilen." (Lothar Müller, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Die Apokryphen des Lazarus
2005

»Schöner hat schon lange niemand von der Düsternis erzählt.« Frankfurter Rundschau In seinem neuen Buch erfindet sich Attila Bartis ein Alter ego, einen auferstandenen Lazarus, der ein Jahr lang monatlich einen Zeitungsartikel abliefern muß – »zwölf wahre Geschichen von Gott«. Unverhohlen autobiographisch, spielen einige im Rumänien der Ceauºescu-Diktatur, andere handeln von einer Reise in den Nahen Osten, an den »tiefsten Punkt der Welt«, wo ihn die Frage nach dem Ort Gottes umtreibt – ob seine Stelle am Ende leer sei. »Vielleicht war sie auch nicht leer, nur ließ er sich nicht richtig blicken. Oder er ließ sich blicken, doch der Mensch hatte sich ihn ganz anders vorgestellt. (vom Web-Seite vom Suhrkamp Vlg.)

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