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Pál BÉKÉS
( 1956 - 2010 )

Biographie

1956 (27. März) in Budapest geboren
1975–1980 Studium der ungarisch-englischen vergleichenden Literaturgeschichte an der Budapester Universität ELTE
1974–1975 leitete Befragungen am MRT Forschungszentrum für Massenkommunikation
1980–1984 Englischlehrer an einer Sprachenschule
1984–1994 freischaffender Schriftsteller (Prosa, Drama, Hörspiel, Drehbuch, Übersetzung)
1992–1993 Fulbright-Stipendiat an der Columbia University (New York, NY)
1994–2000 Studioleiter, Redakteur für Literatur- und Theatersendungen beim Ungarischen Fernsehen
1997 Stipendiat des International Writing Programms der Iowa University (Iowa City, IA)
2000 freischaffend, Mitglied des PEN-Klubs, des Schriftstellerverbands, der Belletristengesellschaft und des IBBY (International Board on Books for Young People)
2000 Vorsitzender des ungarischen Ausschusses des IBBY
er starb am 28. Mai 2010 in Budapest

Preise
Zsigmond Móricz-Stipendium (1981); Stipendiat als Dramenautor am Lustspieltheater (1984–1985), Soros-Stipendium; Preis für das Neue Ungarische Hörspiel; László Wessely-Preis (1988), Erzählerpreis der Zeitschrift Holmi (1991); Kinderbuch des Jahres; József Fitz -Buchpreis (1992); Tibor Déry-Preis (1998); Künstlerpreis der Soros-Stiftung; Attila József-Preis (2000); Preis beim Wettbewerb Unsere Muttersprache (2004), Verdienstorden der Republik Ungarn, Ritterkreuz (2006), Sándor Hevesi-Preis (2006), Sándor Márai-Preis (2009), Ehrenbürger der XIII. Kreis (2011, posthum)

Stammesverhältnisse
1990

In diesen autobiografisch inspirierten Novellen – vom Kindesalter bis zur Zeit als junger Erwachsener – beschreibt Békés, wie ein Kind die Welt entdeckt und in seinen Besitz nimmt. Dabei dosiert er die zur Pointe notwendigen Informationen mit einem außerordentlich guten Gespür für Anekdoten. Besonders jene Novellen aus dem frühen Kindesalter sind unterhaltsam, bei denen der naive kindliche Erzähler von Situationen erzählt, die ihm unverständlich sind, beispielsweise von einem mitten durch die Erde gebohrten Tunnel, oder später in seiner Pionier-Zeit, als bei der so genannten Wahl nur für eine einzige Person gestimmt werden konnte, und trotz dessen alle, die krank waren und daher nicht kommen konnten, mit der Urne aufgesucht werden mussten, da die Wahl ja allgemein und geheim zu sein hatte. Doch handelt es sich bei diesen Erzählungen nicht nur um lustige Geschichten, es kommen durchaus auch die Brutalität der Kindheit und die vorherrschenden Kräfteverhältnisse zur Sprache, die später in ihrer Wirkung in das Leben als Erwachsener hineinreichen.

Das Bangewesen
1991/2001

Im Kleinen Wald wohnt das Bangewesen mit seinen Freunden, das sich schrecklich vor den Ungeheuern fürchtet, von denen sie bedroht werden. Vor allem auf das Bangewesen, das sich am allermeisten fürchtet, sich in seinem Bau verriegelt, haben sie es abgesehen, denn es hat eine große Bibliothek voller Märchen, in denen wie wir wissen am Ende das Gute siegt. Die Freunde überreden den kleinen Kobold, sich bei den Ungeheuern einzuschleusen, um das Böse, das, was uns Angst macht, so zu besiegen. Das Bangewesen erkennt: Gegen die Furcht kann es nur dann gewinnen, wenn es sich ihr stellt. Und obwohl die Ungeheuer, unter ihnen auch sein ehemaliger Freund, der ihn verraten hat, all seine Bücher verbrennen, lässt es sich nicht unterkriegen. So ermuntert es am Ende des Romans seine Freunde: Die Ungeheuer sind ungeheuer dumm, mir könnt ihr s glauben. Sie wissen nicht, dass sie meine Bibliothek vergebens verbrannt haben, die Geschichten bleiben doch erhalten. Und solange es Geschichten gibt, besiegen sie die Ungeheuer in ihnen. Und solange sie die Ungeheuer in den Märchen besiegen, gibt es die Möglichkeit, dass sie sie auch in der Wirklichkeit besiegen. Und der kleine Kobold beginnt ein neues Märchen zu erzählen, das davon handelt, wie aus dem einstigen Bangewesen für immer und ewig ein Lebewesen wurde.

Und der pinkfarbene Plüschelefant haut und haut auf die Drums
1999

Die Novellen dieses Bandes handeln von dem persönlichen Amerika-Erlebnis des Autors, seinem Amerikabild. Er erzählt in lockerem Stil, der der Situationskomik nicht entbehrt, von seinen dortigen Erlebnissen, wobei er Fiktion mit Elementen aus einem realen Reisetagebuch vermischt. Sein Blick ist der kritische, ironische Blick eines intellektuellen Mittelost-Europäers auf Amerika, auf die Gegensätze zwischen dem American Dream und der amerikanischen Realität in den 80er und 90er Jahren. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die Veränderungen, die in dieser Zeit vonstatten gehen, und überhaupt das Motiv der Zeit: das Dahinfließen der Zeit, die Erfahrung von Zeit am Ende des Jahrtausends. Im zweiten Teil des Bandes schreibt er über außergewöhnliche Personen, die er im Rahmen eines Schriftstellerprogramms in Iowa kennengelernt hat, und über die komischen Situationen, die sie gemeinsam erlebt haben (so zum Beispiel die Verwendung eines Fieberthermometers mit Farenheit-Skala mit Hilfe von Menschen verschiedener Muttersprache – und all das bei Stromausfall).

Chicago
2006

Ein eigenwilliges Genre präsentiert sich hier: der "Gangroman". Wir sind in Csikágó (das ist die ungarische Schreibweise von Chicago), unweit vom Ostbahnhof in Budapest, in jenem berühmt-berüchtigten Winkel des VII. Bezirks, der während des großen Wirtschaftsaufschwungs am Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Boden gestampft wurde. Szene reiht sich an Szene, nur die immer wieder auftauchenden Schauplätze und Figuren lassen die Verbindung zwischen den einzelnen "Kapiteln"; erahnen. Wer in der einen Geschichte die Hauptfigur war, spaziert in der anderen als Nebenfigur herum. Der Bogen spannt sich über Generationen. Die Figuren des "Gangromans" lassen auch die Geschichte dieses Stadtteils spürbar werden. Das Wort "Gang" ist zweideutig, im Ungarischen wie im Deutschen. Denn mit "Gang" werden die zum Innenhof zeigenden Rundbalkone in den kleinbürgerlich-halbproletarischen Mietshäusern bezeichnet. Natürlich denkt man auch an die amerikanischen Gangsterbanden, die "gangs". Und tatsächlich: Einer der Protagonisten, Frigyes Sumin, flieht 1922 vor dem weißen Terror nach Amerika, ausgerechnet nach Chicago, wo er sogar mit den dortigen Gangsterbanden in Berührung kommt. Sonderbare, skurrile Charaktere bevölkern den Roman: ein Zeitungsverkäufer mit düsterer Vergangenheit, ein zum Tode verurteilter Eisenbahner, Marktweiber, Saufkumpane, sogar ein russischer Rekrut, dessen Mutter Ungarin war, der selbst aber erst 1956 als Rotarmist nach Ungarn kam. Das Schicksal der Romanfiguren lässt ein Jahrhundert ungarischer Geschichte lebendig werden. Kunstvoll gestaltet und in sich geschlossen ist jede einzelne Szene, ganz wie die Schuhe des Kunsthandwerkers Vendel Sumin... Das Genre "Gangroman" erlaubt eine offene, sich aus Mosaiksteinen zusammenfügende, durch lockere Motivkongruenzen dichter werdende, eine verdichtbare Erzählweise..." Sándor Bazsányi, Élet és Irodalom "Der Roman Csikágó - eine Legende wird Mythos." Judit N. Kósa, Népszabadság

Alles in Ordnung
2007

Wenn man die Erzählungen von Pál Békés liest, kommt einem das Bild von einem beredten Onkel in Tweedjacke in den Sinn, von dem man immer das gleiche Geschenk bekommt, über das man sich jedoch auch stets freut. Semmi baj ist eine Sammlung von alten Erzählungen und kurzen Geschichten (diese nennt Békés „Briefmarken“), welche von neuen ergänzt werden. Das so entstandene Gerüst erinnert an den Aufbau eines autobiographischen Romans. Nach der Zeichnung des Schicksals oder der Schicksalslosigkeit der Großeltern und der Eltern, kommt der Autor bei seinem eigenen Leben an, das 1956 beginnt. Der Säugling reagiert auf die Niederschlagung des Aufstandes mit einem Schweigensgelübde, verstummt und fängt nach dem Einmarsch der Sowjets, die das Land im Grunde gar nicht verlassen hatten, plötzlich zu schreien an. Der Familie ist es nicht möglich, das Land zu verlassen, so dass das Kind im Kádár-Regime aufwächst. Momentaufnahmen: Eislaufbahn im Budapester Stadtwald, Ferienlager, der Frühling ’68, ausgerechnet in einem tschechoslowakischen Urlaubsort, Ferienarbeit in einer Fabrik, Wohnen mit Unterhaltsvereinbarung bei einer alten, jüdischen Frau, durchübersetzte Nächte, Telefonzellen und Unterführungen, Spitzel im Café, Treffen einiger alter Klassenkameraden und die Nachricht vom Tod anderer. Ein Leben in paarunddreißig Erzählungen. Die Briefmarken kleben mal an der Lebensgeschichte, mal machen sie auf die eine oder andere Widersinnigkeit der Welt und der Geschichte aufmerksam. Das Vorbild dieser Kurztexte sind ganz unverhüllt István Örkénys Minutennovellen. Ebenso wie dieser, weiß Békés, wie man eine Geschichte gut erzählt, wie man in Geschichten denkt. Für Békés’ Stil ist der Pragmatismus und die Natürlichkeit der von ihm hervorragend übersetzten anglo-amerikanischen Prosa charakteristisch. Und der Titel des Bandes fasst folgende, in den Geschichten vorherrschende Weltsicht prägnant zusammen: Wir können zu einer noch so schlechten Zeit auf die Welt kommen, möge dieses oder jenes furchtbare Ereignis in unserem Leben geschehen – die Lage ist aussichtslos, aber nicht schlimm.

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