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Ádám BODOR
( 1936 )

» Schutzgebiet Sinistra. Ein Roman in Novellen (1992)
» Der Besuch des Erzbischofs (1999)
» Der Geruch des Gefängnisses (2001)
» Die Vögel in Verhovina (2011)

Biographie

1936 (22. Februar) in Klausenburg (heute Cluj-Napoca, Rumänien) geboren; Schüler am Reformierten Kollegium Klausenburg
1952-1954 wegen staatsfeindlicher Aktivitäten und Verteilung von Flugblättern zu einer Gefängnisstrafe verurteilt
1955-1960 Diplom an der Reformierten Theologischen Hochschule Klausenburg
1960-1968 zunächst Tätigkeit als Archivar, dann als Übersetzer
1965 seine erste Novelle erschien in der Zeitschrift Utunk (Unser Weg)
seit 1968 freischaffender Schriftsteller
1970-1975 Mitglied des Rumänischen Schriftstellerverbandes
1982 Übersiedlung nach Ungarn
1984 Lektor im Magvető-Verlag
1998 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD

Wichtige Preise:
1970, 1975 Prosapreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes; 1985, 1989, 2002 Prämie für das Buch des Jahres; 1986 Attila-József-Preis; 1989, 1992 Tibor-Déry-Prämierung; 1992 Preis der Soros-Stiftung für das Lebenswerk; 1996 Sándor-Márai-Preis; 1998 Lorbeerkranz der Ungarischen Republik; 2002 Preis für Ungarische Literatur; 2003 Kossuth-Preis

Schutzgebiet Sinistra. Ein Roman in Novellen
1992

Auf der Suche nach seinem entlaufenen Stiefsohn gelangt der Ich-Erzähler in das titelgebende "Schutzgebiet Sinistra", ein fiktives Naturschutzgebiet irgendwo zwischen Balkan und Karpaten und gleichnishafter Ort, wo Gewalt und Idylle nebeneinander existieren und sich menschliche Schicksale unerbittlich erfüllen. In fünfzehn Kapiteln oder - wie es im Untertitel heißt - Novellen, macht der Antiheld Andrej Bodor, der in der Erfassungsstelle für Waldfrüchte arbeitet, Erfahrungen mit der Macht der Gebirgsjäger, die unter der Führung des Obersten und Forstkommissars Borcan eine Art Strafkolonie kontrollieren. Borcan erliegt aber schon bald dem "tungusischen Fieber", einer mysteriösen, stets bei Wintereinbruch auftretenden Epidemie. Seine Nachfolge übernimmt ein ältliches, aber Bodor freundlich gesonnenes Fräulein, so dass dieser als stellvertretender Leichenbeschauer und Straßenmeister auf der Karriereleiter vorankommt. Bodors Roman ist wie eine Landkarte entworfen, die Orientierung bietet, um die einzelnen Zeichen der fremden Welt zu deuten. Das Dechiffrieren der Zeichen - im Romangeschehen werden oft "Spuren" verfolgt - bleibt aber ein nie endendes Unterfangen; die jegliche zeitliche Ordnung unterlaufende Erzählweise trägt dazu bei, den Eindruck der fragmentarischen Welterfassung zu verstärken. "Ádám Bodor ist ein fabelhafter Erzähler, den es im deutschsprachigen Raum noch zu entdecken gilt. Weder schwere östliche Kost noch kalorienreduzierte westliche Mode hat er anzubieten [...] Was er, der suggestive Bilder von Gewalt und Zerstörung, von gesellschaftlichem Niedergang und menschlichem Verfall zu entwerfen weiß, im Schutzgebiet Sinistra entdeckt und gleichnishaft gestaltet, ist vielmehr eine erschreckende Erkenntnis: dass der Ruin, wie er Lateineuropa lähmt, keine Ausnahme darstellt, sondern ein Modell." (Karl-Markus Gauß, Die Zeit)

Der Besuch des Erzbischofs
1999

In dem fiktiven Karpatenstädtchen Bogdanksi Dolina wird der Erzbischof erwartet. Anlässlich seines Besuches wollen die Behörden den alten vernachlässigten Friedhof einebnen und neu anlegen. Doch zuvor müssen alle Gräber exhumiert werden. Gabriel Ventuza kehrt auf Geheiß seines älteren Bruders, der in der Hauptstadt im Gefängnis sitzt, zurück, um die sterblichen Überreste ihres Vaters, der auf jenem Friedhof begraben liegt, zu holen. Als Ventuza aus dem Zug steigt, versetzt ihn der von einer riesigen Müllhalde herrührende Gestank in einen fünftägigen Dämmerschlaf. Die Erzählung ist von Anfang bis Ende durchzogen von dem Licht und Aroma der riesigen Müllhalde, die Schilderung der ausweglosen und absurden Hölle erinnert an Beckett. Das Warten auf den Erzbischof ist in den "Müllkarpaten" zum Dauerzustand geworden und erscheint als "eine verschärfte Variante des Wartens auf Godot" (Klaus Kastberger). Die Zeit wurde hier schon immer nach den Amtsperioden der Bischöfe gemessen, die im fernen Ivano-Frankovsk residieren. Auf das Eintreffen des Erzbischofs Zilaves hat man in der Stadt ebenso lange gewartet wie auf das seines Amtskollegen Butin; der Bischof Cozia ist niemals angekommen. Nur der Bischof Zelofan kam vor einigen Jahren in die Müllstadt und hat auf dem Hauptplatz das Geld von den Leuten eingesammelt und achtzehnfache Zinsen versprochen. Seitdem hat sich in Bogdanski Dolina kein hoher Kleriker mehr sehen lassen. Die Erzählung folgt keiner linearen Zeitstruktur, und es sind immer wieder kleine Geschichten eingewoben. Dabei ist die Sprache knapp gehalten und erinnert in ihrer Einfachheit an Kafka: "Wieder und wieder bewundere ich diese Dichte der Wörter, den kompakten, brillanten Stil!" (Péter Esterházy, Weltwoche)

Der Geruch des Gefängnisses
2001

Die bekannte, auch aus Siebenbürgen stammende Dichterin Zsófia Balla führte mit Ádám Bodor ein Interview, das teilweise im Rahmen einer Sendereihe im Bartók-Radio gesendet wurde. Die überarbeitete Fassung liegt nun als eigenständiger Band mit dem Titel "A börtön szaga" (Der Geruch des Gefängnisses) vor. Das Motiv des Geruchs ist in Bodors Prosa ein immer wiederkehrender Topos: In Der Besuch des Erzbischofs war es der Müllgeruch in der Karpatenstadt Bogdanksi Dolina, der die herrschende düstere Atmosphäre sinnlich wahrnehmbar machte. Die im Interview gestellten Fragen, die einen thematischen Rahmen für die monologisierende Rede Bodors vorgeben, beziehen sich auf Siebenbürgen nach dem Friedensvertrag von Trianon (1921), auf die Situation im heutigen Ungarn, auf seine schriftstellerische Tätigkeit und schließlich hauptsächlich auf seine Gefängniserlebnisse in den fünfziger Jahren. Mit Sensibilität und mit Distanz erzählt Bodor die Geschichte seiner Person und Umgebung und behauptet dabei nicht, im Besitz der ausschließlichen Wahrheit zu sein. Der Geruch des Gefängnisses kann daher nicht nur als ein kathartischer Text, Interview und als Memoiren gelten, sondern als wirklicher Roman.

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