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Szilárd BORBÉLY
( 1964 - 2014 )

Biographie

SZILÁRD BORBÉLY wurde 1964 in Féhergyarmat geboren. Er studierte Ungarische Literatur und Sprache an der Universität Debrecen und promovierte 1998 im Fach Literaturwissenschaft. Heute lebt er als Schriftsteller und Dozent für Alte Ungarische Literatur in Debrecen. Daneben ist er auch als Übersetzer aus dem Deutschen und Englischen tätig, u.a. von den Autoren Rumjana Zacharieva, Monika Rinck, Hendrik Jackson, Robert Gernhardt und Durs Grünbein.

Noch während seines Studiums erschien sein erster Gedichtband „Adatok“ („Daten“, 1988), den literarischen Durchbruch aber brachte ihm das Langgedicht „Hosszú nap el“ („Langer Tag fernab“, 1993), dem etablierte Autoren wie Péter Nádas, Miklós Mészöly und Péter Esterházy große Anerkennung zollten. Seitdem veröffentlicht er regelmäßig Gedichtbände (u.a. „Berlin – Hamlet“ 2003), aber auch Schauspiele und Essays. In diesem Jahr trat er mit dem Buch „Árnyékképrajzoló“ („Schattenrißzeichner“) zum ersten Mal auch als Prosaautor hervor.

Begleiterscheinungen eines Mordes
2008

Diese Textsammlung Szilárd Borbélys ist eine der spannendsten und außergewöhnlichsten Bücher der letzten Jahre. Die in verschiedenen Gattungen (Essay, Interview, Kritik, Fotobeschreibung, Antwort auf eine Rundfrage, Meditation, Erzählung) geschriebenen Texte werden durch ein existentielles Thema verbunden: die spröde Tatsache und gleichzeitig der metaphysische Skandal des Mordes. Der Mord ist zugleich der Tod Jesu (auf dem Umschlag des Buches ist Holbeins Der tote Christus im Grabe zu sehen, bei dessen Anblick, zumindest nach Ansicht des Dostojewskij-Helden Fürst Myschkin „mancher sogar seinen Glauben verlieren kann“), der von Attila József und Miklós Radnóti, die Tragödie der Shoa und die Ermordung der Eltern von Szilárd Borbély. Borbélys Eltern sind in einem brutalen Raubüberfall ums Leben gekommen, im letzten Text des Buchs, Begleiterscheinungen eines Verbrechens, erzählt der Autor haarsträubend genau, scharf gezeichnet und sensibel das, was von so einem Trauma erzählbar ist. Die im Titel des Buchs erwähnten Begleiterscheinungen heben die Absurdität und die Tatsache des Mordes als Ereignis hervor. Die Pfade, auf denen er geht, führen weit, sehr weit, ganz gleich, ob er über Imre Kertész’ Romane, Attila Józsefs Tod spricht oder eine ergreifende Beschreibung einer über hundert Jahre alten Fotografie gibt. Der Gegensatz und die Spannung zwischen einem ganz persönlichem Trauma und den intellektuellsten Gedankenformen werden durch Szilárd Borbélys Person, seiner seelischen Einstellung und seiner Glaubwürdigkeit aufgelöst. Dies bezeugen unter anderem die mit ihm geführten Interviews. Dieses in der Essayreihe des Vigilia Verlags erschienene, sehr durchdacht zusammengestellte Buch, welches ist ein aufwühlendes, radikales Leseerlebnis, welches den Leser, schattengleich, noch lange begleiten wird. --------------------- Heike Fleming über das Buch: Der vorliegende Gedichtband „LEICHENPOMP“ („Halotti pompa“) erschien erstmals 2004. Er knüpft an die vorangegangenen Lyrikbände an, radikalisiert deren Grundhaltung aber auf beeindruckende und fesselnde Weise, indem er sowohl die existentialistische Thematik verdichtet als auch die Formensprache vergrößert und zuspitzt. Dabei ist es der metaphysische Konflikt zwischen dem (christlichen) Glauben an das Gute und der Existenz des Bösen, der Borbély zur Poesie treibt, und den er versucht zu verarbeiten. In den engen Schranken des christlichen Glaubens erzogen, äußerte er einmal in einem Gespräch, er könne das Credo in der Kirche nicht mehr sprechen, es komme einfach nicht mehr über seine Lippen. Um der Last der Negation durch Schöpfung – poesis – Herr zu werden, greift Borbély auf Formen zurück, die unsere Zeit und unser alltägliches Sprechen längst vergessen haben – auf barocke Stilfiguren und Motive der „ars moriendi“, in die er zahlreiche Verweise auf die Apokryphen einflicht. „Im Bewußtsein unserer Zeit hat der Tod zwischen den wichtigen Werten keinen Platz. Dennoch ist der Mord überall anwesend – Krimis, Action-, Horror- und Phantasyfilme, aber auch die unschuldig scheinenden Nachrichtensendungen zeigen jeden Abend eine Unmenge an Morden. Die Welt lebt im Bann des Mordes… Der Barock, aber auch die auf ihn folgende Epoche setzte den Tod ins Zentrum und war gerade deshalb ihm gegenüber mit einem mächtigen Fundus an Riten, sprachlichen Ausdrücken und seelischen Mechanismen gewappnet. Der Barock sah noch die Möglichkeit des Heils oder des Glücks hinter dem Tod sich eröffnen… Ich habe das Gefühl, daß die Menschen heute sterben, ohne daß ihr Leben für sie selbst oder für ihre Angehörigen irgendeinen Sinn hätte. Nicht nur, daß ihr Leben nicht zum Tod führt, aus ihrem Tod ziehen auch die um sie herum keinerlei Lehre. Ich meine dabei nicht den eigenen Tod, von dem Rilke vor fast einhundert Jahren gesprochen hat. Der ist vielleicht für immer verloren. Wir haben kein eigenes Leben, wie sollten wir dann einen eigenen Tod haben? Ich meine nur so viel, daß der Tod einen Sinn haben sollte in Bezug auf das Leben. Die ars moriendi, die Kunst des Todes war wirklich eine große Wissenschaft, zu dieser Ansicht bin ich gekommen.“ Der Band „Leichenpomp“ umfaßte bei seinem ersten Erscheinen zwei Zyklen (mit je vierzig Gedichten) – die „Sequenzen zur Karwoche“ und die „Sequenzen von Amor und Psyche“ –, die jeweils Motive des christlichen Glaubens und Elemente des Mythos um Amor und Psyche aufgreifen und diese mit dem heutigen Bewußtsein konfrontieren. Aber auch formal werden alte (mittelalterliche und frühneuzeitliche), heute ungebräuchliche Formen der Dichtung – Sequenz, Hymnus, Sonett, Klage, Allegorie – zitiert. Dabei werden diese mitunter durch elliptische Satzkonstruktionen gebrochen oder mit dem Sprachduktus der Prosa kontrastiert. Nach der Erstveröffentlichung entstand in einer weiterführenden Auseinandersetzung mit den Gedichten ein dritter Zyklus mit dem Titel „Chassidische Sequenzen“ (und ebenfalls vierzig Gedichten), der Elemente der jüdischen Aufklärung und Mystik aufgreift, in diese die grausamen Ereignisse des Holocaust hineinschreibt und somit die geschichtsphilosophisch-theologische Thematik um eine weitere Dimension ergänzt. Die Folgen von Rationalisierung und Massenkultur sind demzufolge nicht allein ein fehlendes Bewußtsein des Todes, des Unglücks, des Bösen, sind nicht allein Mord und Totschlag als Ausnahme und Einzelfall, sondern gerade in unserem blinden Streben nach oberflächlicher Befriedigung und schnellem Glück sind wir zu den schlimmsten Grausamkeiten und zum Massenmord fähig, erzeugen wir unendliches Leid. „Auch der Chassidismus war Teil jener großen europäischen Wiederbelebung der Religion, die die persönliche Religiosität, die Verpersönlichung des Glaubens anstrebte. Das waren große Revolutionen, doch dann vergaß die Aufklärung, die sich der Wissenschaft und den neuen Technologien öffnete, und die Religion des Rationalismus in Europa einführte, diese sehr sehr bedeutenden Bewegungen, ohne die der Rationalismus übrigens gar nicht hätte siegen können, und ohne die es die Religion des modernen Europa nie gegeben hätte. Heute, wo wir am Ende der Epoche des Rationalismus stehen, würde es ich lohnen, auf diese Bewegungen zurückzublicken. Der Chassidismus als ein Zeuge dieser alten Zeit hat schon im zwanzigsten Jahrhundert jeden irritiert. In Osteuropa sind die chassidischen Bewegungen in der Zeit des Holocaust ohne Spur verschwunden… Ich meine, daß der Chassidismus einen Dialog mit dem Christentum angeknüpft hatte. Eine Welt ist mit diesen Menschen untergegangen, und das ist ein nicht wieder gut zu machender Verlust. Der Holocaust ist die gemeinsame Tragödie von Juden und Christen, und ich frage mich, warum das Christentum das heilsgeschichtliche Moment darin nicht erkannt hat.“ Im deutschen Sprachraum ist Szilárd Borbélys lyrisches und essayistisches Werk bisher nahezu unbekannt. Einen ersten Eindruck davon konnte der deutsche Leser lediglich auf dem 7. Internationalen Literaturfestival Berlin im Jahre 2007 gewinnen, für dessen Programmreihe „Literaturen der Welt“ Borbély nominiert war und auf dessen Veranstaltungen einzelne Gedichte aus dem Band „Leichenpomp“ vorgestellt wurden.

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