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Sándor BRÓDY
( 1863 - 1924 )

Biographie

1863 (23. Juli) in Eger als Sohn einer kleinstädtischen jüdischen Bürgerfamilie geboren
1878 nach dem Tod des Vaters zog die Familie nach Pest
1880-1883 Schreiber in einer Rechtsanwaltskanzlei in Gyula, daneben publizistische Arbeiten
1883 erster literarischer Erfolg mit dem Novellenband Nyomor (Elend)
1889-91 in Klausenburg (heute Cluj-Napoca, Rumänien) journalistisch aktiv
ab 1890 Journalist und Schriftsteller in Budapest, Mitarbeit bei der angesehenen Zeitung Magyar Hírlap (Ungarisches Nachrichtenblatt), kurze Aufenthalte in Paris und Berlin
1905 Selbstmordversuch
1921 infolge der antisemitischen Stimmung nach 1920 Flucht nach Wien und Italien
1924 Rückkehr nach Ungarn und plötzlicher/früher Tod am 12. August desselben Jahres

Elend
1884

Im Alter von 21 Jahren gab Bródy unter dem Eindruck der Zola-Lektüre den "programmatisch naturalistischen" Novellenband "Nyomor" (Elend) heraus. Die Reaktionen der Literaturkritik reichten von heller Begeisterung bis zu heftigem Widerspruch. Seine Novellen füllen mehrere Bände und kreisen, wie auch seine Romane und Dramen, immer wieder um zwei Motive: Zum einen um den aus seiner traditionellen Lebensform herausgerissenen und in die unübersichtliche städtische Welt geworfenen Menschen, und zum anderen um den von Karriereplänen getriebenen Kleinbürgerlichen. Bródy wurde angezogen von dem extrem-individualistischen und von Leidenschaften erfüllten Leben und näherte sich dieser Realität mit einem am französischen Naturalismus geschulten akribischen Stil. Die Erzählungen und Novellen veränderten sich im Laufe seines Schaffens von der romantischen, geschlossenen Erzählung hin zu einer der Lyrik nahe stehenden Textsorte, die manchmal nur eine Stimmung, eine Figur oder ein menschliches Moment beschreibt oder anreißt. In seinen sprachlich individuellen Erzählungen nahm Bródy die wichtigsten Zeitströmungen wie den Naturalismus, Symbolismus, Impressionismus und die Sezession auf. Zu seinen wichtigsten Novellen gehören "A bölény" (1893, Der Büffel) und der auch auf Deutsch vorliegende Text "Kaál Samu"" (1894, Samu Kaál). Die so genannten "Dienstmädchen-Novellen" (1902, "Erzsébet dajka és más cselédek" - Die Amme Elisabeth und andere Dienstboten) thematisieren das tragische Schicksal der vom Dorf nach Pest kommenden Dienstmädchen: ihr anfängliches Vertrauen und ihr naiver Glauben, ihr Ausgeliefertsein und gnadenlose Wirklichkeit, die die Sehnsucht nach einem schönen, wahrhaftigen Leben als Illusion entlarvt. Einige der Prosaarbeiten dienten als Vorlage für spätere Dramen, so geht das erfolgreiche Drama "A dada" (1902, Die Amme) auf drei frühere Novellen aus dem Dienstmädchen-Zyklus zurück. Die Geschichte des Stücks "A tanítónő" (1908, Die Lehrerin) basiert auf der 1895 in einer Zeitschrift erschienenen Novelle "Petrovics Katalin" und handelt von einer jungen, klugen Dorfschullehrerin, die versucht, geworfen in eine auf Hierarchien gebaute, gewalttätige Welt, ein selbst bestimmtes Leben als Frau zu leben.

Die silberne Ziege
1898

Bei diesem wie auch bei dem 1902 entstandenen Roman "A nap lovagja" (Der Held des Tages) handelt es sich um einen so genannten Karriereroman, der in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts spielt und die Kindheits- und Jugenderlebnisse des Autors reflektiert. Es werden die Schicksale von drei Jugendlichen der ersten städtischen Generation verfolgt: das von Sándor Robin, einem angehenden Juristen, und seiner Freunde Gyula Bem, Malerschüler, und des zukünftigen Lehrers Hirsy. Die Jugendlichen leben in ärmlichen Verhältnissen, sind aber durchdrungen von Tatendrang und wollen wie ihre großen historischen Vorbilder (u.a. der Dichter Sándor Petőfi) dem Land dienen. Doch ihre hehren Werte erweisen sich im realen Leben, das von Unsicherheit aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Krisen geprägt war, als nicht tragfähig. Robin, der eigentliche Protagonist des Romans, wird durch Hanna, die Tochter eines Wucherers, auf eine erfolgreiche Karriere eingeschworen. Hanna, Prototyp der neuen Weiblichkeit um die Jahrhundertwende, ist voller Lebenshunger und verfügt über grenzenlosen Willen: Sie realisiert ihre eigenen Ziele wie Macht, Geld und Anerkennung über den willensschwachen Robin, der ihr emotional vollständig ergeben ist. In dem kometenhaften Aufstieg des jungen Juristen als Politiker ist aber der tiefe Fall schon angelegt. In der Figur des Gyula Bem problematisiert Bródy das Verhältnis von Kunst und Leben und fragt wie zahlreiche andere Autoren seiner Zeit nach dem Sinn der Kunst im Dasein des Menschen angesichts der als zerrissen empfundenen Welt. Auch Bem scheitert, ihn rettet nicht die Flucht vor dem Leben in die weiß gestrichenen Atelierräume; er stirbt an einer Lungenkrankheit, wenn auch nicht vereinsamt, sondern in den Armen von Piroska, der ersten Liebe Robins. Der dritte Strang des Romans verfolgt den versuchten Neubeginn Sándor Robins, der nicht wegen seiner Korrumpierbarkeit, sondern wegen seiner Schwäche aus dem gesellschaftlichen Karrieresystem ausgeschlossen wird.

Rembrandt. Ein Porträt im Licht und Schatten
1924

Bródys letztes Werk entstand während eines Sanatoriumsaufenthalts in der Nähe von Wien, wohin sich der fast sechzigjährige, die Öffentlichkeit scheuende und kranke Schriftsteller 1922 zurückgezogen hatte. Bereits 1906 war Bródy durch den Besuch der großen Jubiläumsfeierlichkeiten zu Ehren des 300. Geburtstags des großen holländischen Malers in Amsterdam mit dessen Person als Thema in Berührung gekommen. Es entstanden Artikel, später Novellen, Bródy gab 1910 einen Band mit dem Titel "Rembrandtfejek" (Rembrandtköpfe) heraus. 17 Jahre hatte ihn die Figur des van Rhyn nicht losgelassen, bis schließlich der Roman geschrieben war. "Dichter oder Maler, egal: vor allem das eigene Selbstbewusstsein, der eigene Kopf und das eigene Ich machen sie aus. Das immer zuerst, alles andere ist untergeordnet. Das gefällt mir, diese Eigenschaft ist das stärkste Zeichen der modernen Seele, und deshalb war van Rhyn einer der ersten Modernen", schrieb Bródy in einem Essay 1906, wobei er auf die Selbstporträts des Malers anspielte. Das Genre des Rembrandt-Zyklus lässt sich nur schwer eingrenzen: Roman, Kunstessay oder Drama. Die Texte lesen sich einerseits als Bekenntnisse des alternden Bródy, der sich in das Schicksal des alten, beiseite gestoßenen Rembrandt einlebte. Andererseits sind aber Zeit und Raum im Text einer kausalen, linearen Abfolge enthoben; der Leser ist vielmehr aufgefordert, die einzelnen Bilder und Geschichten, die der Autor durch Erinnerung oder Vision entwickelt, für sich neu anzuordnen und zu erschließen. In der Novelle "Rembrandt verkauft seine Leiche" wird Bródys Nähe zu dem holländischen Maler besonders deutlich: Der verschuldete alte Rembrandt versucht seine Geldsorgen mit dem Verkauf eines Bildes zu lösen. Dabei geht es aber nicht nur um die materielle Existenzgrundlage, sondern auch um seinen Wert als Künstler. Am Ende bekommt er zwar Geld, aber nicht für seine Kunst, sondern nur für seine Leiche. Der tragikomische Schluss, als Rembrandt nach dem Handel mit Mosus resümierte: "Ich habe ihn hineingelegt", lässt dem Leser das Lachen im Halse stecken bleiben, wurde doch Rembrandt, der Künstler, zu einer Ware degradiert. Bródy treibt hier auch die Frage nach dem eigenen Wert als Künstler um.

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