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Biographie

1962 (17. Oktober) in Törökszentmiklós geboren
1986 Lehrer-Diplom an der Pädagogischen Hochschule Szeged
1989 Leiter des Feuilletons der Zeitschrift Délmagyarország (Südungarn)
1990-1998 Redakteur der in Szeged erscheinenden Zeitschrift Pompeji
ab 1993 Mitarbeiter bei Élet és Irodalom (Leben und Literatur), Ungarns literarischer Wochenzeitung
1996 Stipendium des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf bei Berlin
1997 Literaturstipendium der Stadt Graz
2000/2001 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD

Wichtige Auszeichnungen:
1989/90 Zsigmond-Móricz-Stipendium; 1993 Preis der Tibor-Déry-Stiftung; 1994 Prämierung „Buch des Jahres“, Ernő-Szép-Preis; 1996 Alföld-Preis; 1998 Attila-József-Preis; 2003 Preis für das beste ungarische Kinderbuch des Jahres; 2004 zusammen mit seinem Übersetzer Heinrich Eisterer Preis „Brücke Berlin“ 2088 Márai-Preis

Die Legende von den Tränengauklern
1999

Darvasi hat seine menschliche Komödie in die Zeit der Türkenkriege in Ungarn verlegt. Dennoch hat er keinen historischen Roman verfasst, sondern entwirft mittels verschiedener Erzählstränge ein barockes Panorama eines vom Krieg verwüsteten Mitteleuropas und deckt auf ironische und verfremdende Weise die menschliche Grundstruktur und ihre Konflikte auf. Fünf Gaukler, die die damals in Ungarn ansässigen Volksgruppen (Juden, Serben, Kroaten, Ungarn, Muslime) repräsentieren, ziehen durch das Land, um die Menschen in ihrem hoffnungslosen Schicksal mit besonderen Kunstfertigkeiten zu trösten: Einer von ihnen weint flammenden Honig, die Tränen eines anderen sind aus Eis, während dem Dritten Blut aus den Augen tritt, der Vierte weint Spiegelscherben und der Fünfte schließlich schwarze Steinchen. Die Tränengaukler weinen wegen der Grausamkeit des Menschen und seinem fehlenden Mitgefühl, sie stehen zwischen Himmel und Erde, sind Herren der Illusionen und Sehnsüchte der Menschen. Wem einmal ihre Zuwendung zuteil wurde, der steht ein Leben lang unter ihrem Schutz und geht auch mit ihren anderen Schützlingen eine schicksalhafte Verbindung ein. So entsteht ein Panorama der damaligen Welt, das sich aus Episoden aus den Leben der Herrscher und Untertanen, aus Märchen und Sagen der Feen- und Hexenwelt speist. Da ist Franz Pillinger, der als einziger seiner Familie die Zerstörung des Ortes Balaszentmiklós überlebt und nach einer abenteuerlichen Odyssee schließlich mit dem außergewöhnlichen Mädchen Kamilla, das ebenfalls den Schutz der Gaukler genießt, zusammentrifft. "Die Welt, wie sie der ungarische Schriftsteller und Journalist László Darvasi in seinem ersten Roman, der "Legende von den Tränengauklern", entwirft, hätte tatsächlich dringend einen Zauber nötig, der ein wenig Leid von ihr nimmt, und gleichzeitig wird mit jeder Seite deutlicher, dass es diesen Zauber nicht geben kann, dass es in dem großen Gemetzel dieses Romans für die meisten Figuren kaum eine andere Hoffnung gibt als den raschen und schmerzlosen Tod - denn vom langsamen und qualvollen Sterben ist oft und in großer Variationsbreite die Rede. Dass der Roman bei aller Anteilnahme die Fallstricke des Sentimentalen konsequent meidet und sogar stellenweise eine groteske Komik entfaltet, macht ihn überhaupt erst genießbar; daß er sich im Verlauf der Handlung als anspielungsreiches, souverän komponiertes Werk einer anscheinend uferlosen Phantasie darstellt, macht ihn zu einem ästhetisch außergewöhnlich geglückten Buch; dass er schließlich eine erschreckend eindringliche Atmosphäre der allgegenwärtigen Gewalt entwirft, lässt ihn trotz der historischen Einkleidung zu einem eminent aktuellen Text werden." (Tilman Spreckelsen, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Die Hundejäger von Lojang
2002

Die Geschichten sind in einem fiktiven China zur Zeit des ersten, äußerst grausamen Kaisers angesiedelt. Plötzlich tauchen in der Stadt Hunde auf. Sie erwürgen die Schafe, bedrohen die Frau des Färbers Wu und beißen ein Kind tot. Sie herrschen über die Stadt, die Menschen sind wehrlos. Jemand hat von den Hundejägern von Lojang gehört, doch die Suche nach ihnen verläuft vergeblich. Ilma Rakusa lobt Darvasis "borgesianische Poesie" und hebt besonders hervor, dass die Geschichten immer wieder "befremdlich aus dem Ruder laufen" und nie in "gängige Topoi" oder in eine "Moral" münden, sondern den Leser in Unwissenheit lassen.

Trapiti oder der große Kürbisgemüsekrieg
2002

Der Hauptheld des Romans ist Trapiti, ein kleiner Kobold, der unerwartet in Kieselburg auftaucht. In den Eingangskapiteln ist die alte Zeit dargestellt, als in der Kleinstadt noch das wilde Volk Bizurr-Mizurr lebte. Der letzte König, König Koch der "Gute", der eigentlich böse ist, hatte unter merkwürdigen Umständen die Macht übernommen, während sein Vorgänger, Alfred Bökkelöki III. der Gerechte, auf rätselhafte Weise verschwand. Wir ahnen schon, dass Trapiti der Sohn des guten Königs - der von den Chroniken verschwiegen wird - ist, und dass König Koch die Geschichte gefälscht hat. In der kleinen freundlichen Stadt wohnen gut dargestellte Charakterfiguren: beispielsweise der Maler Oliver Wehmut, Onkel Ühüm, der verspielte Bürgermeister, die Straßenkehrer Géza Pepe und Pista Pepe, die ständig das Gleiche sagen, und Mutter Holle, die das beste Kürbisgemüse der Welt kochen kann. Der Leiter der grau uniformierten Beamten des Haupthauptstädtischen Haupthauptrates, der Haupthauptrat, plant gegen die kleine Stadt einen Angriff. Aber Trapiti kann helfen. Trapiti wurde 2003 als bestes ungarisches Kinderbuch ausgezeichnet.

Trapiti und der schreckliche Hase
2004

Die neue Trapiti-Geschichte ist die Verbindung eines Liebesromans mit einem Krimi, und Darvasi hat nicht einfach nur eine Fortsetzung des ersten Buches geschrieben, sondern einen neuen Schauplatz, neue Figuren und Ereignisse eingebaut. Um auch den neuen Leser in die Welt von Trapiti einzuführen, hat der Autor dem neuen Roman ein Vorwort vorangestellt, wo er anhand des Hochzeitsfotos vom Maler Oliver Wehmut und der Blumenverkäuferin Viola Blume aus dem Kieselburger Museum die erste Geschichte Revue passieren lässt. Die neuen Abenteuer sind noch aufregender - das Buch ist auch für größere Kinder und für Erwachsene gedacht -, es ist aktionsreich und voller spannender Momente. Eine geheime Stimme erschreckt die Menschen, ein leuchtender Hase treibt die Bewohner von Kieselburg fast in den Wahnsinn, und die Bösen sind sogar zu Menschenraub fähig - sie entführen Trapiti und Valika in einem Auto. Hauptkommissar Boleszláv nimmt die Ermittlungen gegen die Bösen auf. "Trapiti ist ein erfrischend gutes Märchenbuch. Es wird mit Freude von Erwachsenen gelesen, und Kinder lassen sich gern daraus vorlesen. Wir warten auf den dritten Teil." (Csaba Károlyi, Élet és Irodalom)

Das traurigste Orchester der Welt
2006

Darvasi erzählt groteske, doppelbödige und parabelhafte Geschichten, die durch "Dichte und Leuchtkraft" bestechen und sich jeder geradlinigen Deutung verschließen. "Gerade die gärende Ambivalenz seiner Erzählungen, ihre zwischen einander ausschließenden Stimmungen, zwischen Leiden an der Sinnlosigkeit und sinnlich umso tiefer erlebter Lust weniger schwankenden als schwebenden Atmosphäre, löst sie aus den Erklärungsmustern und Lesarten der Nachkriegszeit - und weist sie aus als neueste [...] postmoderne europäische Prosa." (Joachim Helfer, TAZ Hamburg) 2006 "Das glücklichste Orchester der Welt" Der Band ist eine Auswahl von zwischen 1993 und 1998 erschienenen Novellen. Von den 18 Novellen ist die erste jene mit dem Titel "Die Rosensträucher von Veinhagen" und die letzte "Meine Liebste, Genossin Dumumba". Darvasi ist mit seinem dritten Band im Jahr 1993, der zugleich sein erster Novellenband im klassischen Sinn war, mit "Die Rosensträucher von Veinhagen", in der ungarischen Literatur bekannt geworden. Zur Zeit der vier Erzählbände, die die Grundlage der Auswahl darstellen, schrieb er seinen ersten Roman "Die Legende von den Tränengauklern", und diese Werke bilden gemeinsam die erste Epoche seines bisherigen Lebenswerkes. Daher endet die jetzige Auswahl mit dem Ende der 90er Jahre. Sieben Novellen stammen aus seinem bekannten ersten Erzählband (unter anderem die oft erwähnte Arie des Kalaf oder Der Steintürke von Witemberg), nur eine aus dem darauf folgenden Band (Koller, der Ehemann), drei aus dem dritten (zum Beispiel Der blaue Wasserfall von Fulda) und sieben aus dem vierten Band (darunter Der Ball der Brasilianer). Darvasi hat ein originelles und außergewöhnliches Talent zum Erzählen, seine Erzählweise ist mal resigniert, mal melancholisch, mal derb, man könnte sagen brutal, mal ironisch, spielerisch und mal aufregend wie in einem Krimi. Doch immer ist sie leidenschaftlich und reich an Wendungen. Sie ist virtuos, doch nie zum Selbstzweck. Die dargestellte Welt ist häufig merkwürdig, fremdartig, die Schauplätze liegen oft in fremden Winkeln der Welt, die Figuren sind Gestalten mit merkwürdigen Namen. Die Themen des Autors sind immer die bedeutendsten der Literatur: Liebe, Verführung, Sehnsucht, Tod, Schmerz, Zerstörung. Häufig sind wir Zeugen einer konkreten, aufregenden Ermittlung, doch die größten Geheimnisse des Menschen sind nicht kriminalistischer Art. In der titelgebenden Novelle verspricht beispielsweise der außerordentlich dicke Bürgermeister der Stadt, József Kern, im Wahlkampf, dass es ein Orchester geben wird, doch Jahre lang kommt es doch nicht dazu. Schließlich organisiert sich das Orchester aus den Tieren des Tierhändlers; doch bis dahin ist schon die Hölle los, irrationale Morde nehmen ihren Anfang, für die es keine vernunftsmäßige Antwort gibt. Darvasi wurde von der ungarischen Kritik von Anfang an dafür gefeiert, dass er Geschichten mit Leidenschaft und auf besondere Weise zu erzählen vermag. Auch diese Sammlung zeigt, wie unterschiedlich und wie reich diese schriftstellerische Welt an Geschichten, Schauplätzen, Figuren und Wendungen ist. Liest man die Geschichten nacheinander, so erkennt man, wie bewusst er sie aufbaut, wie überlegt seine markante Erzählkunst die Elemente der Erzählungen dosiert, variiert, vergrößert oder deformiert. "[Dieser Band] versetzt den 1999 erschienenen großen Roman Die Legende von den Tränengauklern in einen neuen Kontext und gibt ihm - vielleicht - auch eine neue Lesart, er zeigt Wege, die zu diesem wichtigen, vielleicht noch nicht richtig verstandenen Text von unbestreitbar kanonischer Bedeutung führen und in bedeutendem Maße zu dessen Interpretation beitragen." László Szilasi, Élet és Irodalom

Wenn ein Mittelstürmer träumt
2006

Dieser Band mit dem Untertitel "Meine Weltgeschichte des Fußballs" entstand im Auftrag des Verlags Suhrkamp, wie auch das Buch Péter Esterházys, zur Fußball-Weltmeisterschaft. Nach maßgeblichen deutschen Pressestimmen waren die Bücher dieser beiden ungarischen Autoren die besten Fußballbücher der Saison, die in Deutschland erschienen sind. Darvasi schreibt schon seit langem Kurzgeschichten und Publizistiken zum Thema Fußball, die er hier in einem Band zusammengefasst hat. Sie sind nicht zu einer neuen Geschichte miteinander verbunden wie bei Esterházy, sondern er belässt sie so, wie sie einst in Zeitungen oder früheren Bänden bereits erschienen sind. Der Untertitel führt den Leser ein wenig in die Irre, denn es handelt sich bei dem Band nicht um die Geschichte des Fußballs, sondern nur im Zusammenhang damit um Themen wie Leidenschaft, Freude und Leid, Sehnsucht und Traurigkeit. Die Erzählungen konzentrieren sich auf tatsächliche oder erdachte Legenden im Fußball der vergangenen Jahrzehnte, geschehene Vorfälle wechseln sich mit den kühnsten Produkten der Fantasie ab. Beispielsweise taucht eine jamaikanische Mutter auf, die vor dem entscheidenden Spiel der Reihe nach mit den Spielern der gegnerischen Mannschaft ins Bett geht. Na, ob das wohl eine geschehene oder erfundene Story ist? "Traurige Geschichten sind das von den glücklichsten Momenten des Fußballs. Oder umgekehrt." Sándor Zsigmond Papp, Élet és Irodalom "Darvasis persönliche Weltgeschichte des Fußballs zieht ihren geheimen Reiz aus einem Wissen, das der Torhüter Albert Camus wie folgt formuliert hat: 'Das meiste, was ich vom Leben weiß, habe ich beim Fußball gelernt.' In Darvasis Fall also die Schönheit der Grätsche, den Mythos einstiger Helden, die Siege, die morgen schon wieder dem Verlieren weichen." Beat Mazenauer, Volltext.Net

Die Blumenfresser
2009

Es ist gewiss keine Übertreibung, bereits heute zu behaupten, Die Blumenfresser sei eines der wichtigsten Ereignisse und eine der spannendsten Leistungen der aktuellen ungarischen Prosa. László Darvasis Werk ist keine Überraschung, vielmehr ein erwarteter Höhepunkt, ja, da eine der zentralen Metaphern des Romans das Hochwasser ist, könnten wir sagen, es ist der langsam erreichte Höchststand, dessen Vorgeschichte wir bereits in den letzten Jahren mitverfolgen konnten. Wobei die früheren Zeitschriftenvorabdrucke eine starke Überarbeitung durchlaufen haben. Die Blumenfresser ist der Roman einer gesamten Epoche. Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, noch in der alten Welt, dessen Wurzeln, Bräuche, Traditionen mehrere Jahrhunderte tief reichen. Ein Teil des Romans spielt Mitte dieses langen Jahrhunderts, in den turbulenten Jahren 1848-’49. Der andere Teil nähert sich bereits dem Jahrhundertende, dem fin de siècle-Gefühl an. Die Blumenfresser ist der Roman einer Stadt. Der Roman der in Südungarn liegenden, multikulturellen, wirklich mitteleuropäischen Stadt Szeged. Darvasi hat Jahrzehnte in dieser Stadt gelebt, kennt alle ihre Ecken, Geheimnisse und Brücken. Die Brücke ist in diesem Fall auch ein besonders wichtiger Schauplatz, denn durch Szeged fließt die Theiß, welche in dieser Geschichte nicht nur fließt, sondern ansteigt und die Stadt überflutet. Sie schwemmt die alten Konturen dieser weg und erschafft das neue Szeged. Die Blumenfresser ist der Roman des freien, weit verzweigenden Geschichtenerzählens, das zu seinem klassischen Massstab und Tempo zurückfindet. Hier verselbstständigen sich wahrhaftige Narrationszweige und Märchenfäden und manchmal bitten auch postmoderne Spiele um das Wort. Und wenn sie schon einmal darum bitten, bekommen sie es auch. Mal blickt Darvasi zum fernen Horizont, mal hält er die ganz nah wachsenden Grashalme unter die Lupe. Die verliebte Geschichte Der Blumenfresser ist einmalig, deren Stimmung unbeschreiblich. In diesem Roman muss man sich verlieren, sich mit jenem glückerfüllten Bewusstsein verlieren, dass uns der Fluss dieser Epik irgendwohin trägt. Dieser Strom ist magisch und real. Märchenhaft und ironisch. Er ist von Ende des Jahrhunderts und vom Anfang des Jahrtausends. Historisch und von heute. Nebelverhangen und glasklar. Rund und bunt. Ein Meisterwerk und stop.

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