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György DRAGOMÁN
( 1973 )

Biographie

1973 (10. Sept.) in Marosvásárhely [Tîrgu Mureº/Rumänien] geboren
1988 mit der Familie Umsiedlung nach Ungarn
1992 Abitur am Lajos Nagy Gymnasium in Szombathely
1992 – 1998 Studium der Fächer Anglistik und Philosophie an der Budapester Universität ELTE; Student des Eötvös Collegiums und des Láthatatlan Kollegiums
1998 – 2001 Doktorand an der ELTE mit dem Thema: moderne englische Literatur
2003 Ungarischer Teilnehmer am Europäischen Festival des Debütromans

Preise
Soros-Stipendium 2002; Niveaupreis der Zeitschrift Mozgó Világ 2002; Bródy-Preis 2003, Márai-Preis 2005, Attila-József-Preis 2007

Das Buch der Zerstörung
2002

"Das Buch der Zerstörung" ist der erste Roman von György Dragomán. Das Werk des jungen Autors spielt irgendwo in einer unbekannten Stadt am Ende der Welt. Der Protagonist des Romans, Fabian, ist ein junger Mann von sechsundzwanzig Jahren, der etwas begangen hat, wofür er als Strafe in diese Stadt verbannt worden ist. Der Herr über diese Stadt ist der ebenfalls namenlose Gouverneur. Auch die Handlungszeit ist keine konkrete, das heißt keine Zeit, die historisch exakt bestimmbar wäre. Als Fabian in der Stadt eintrifft, erfährt der Leser, dass er im Grunde genommen einen Befehl verweigert hat, das heißt, er hat nichts begangen, sondern wollte geradewegs nichts begehen, denn er wollte nicht töten. Selbst im Krieg nicht. Es war also Krieg, ist Krieg, oder es wird Krieg geben. Die Zeit des Buches lässt sich schließlich erahnen, denn die verwendeten Mittel wie etwa Maschinengewehr, Jeep und verschiedene Arbeitsmaschinen lassen auf eine Zeit schließen. Und auch der Schauplatz der Geschichte liefert Anhaltspunkte: kalte Krankenhausflure, heruntergekommene, schäbige Kneipen, kühle Gebäude, verlassene Fabriken. Der Autor geht in einer ähnlichen Weise wie Ádám Bodor in seinem Roman "Schutzgebiet Sinistra" vor: Er benennt nichts, und doch weiß der Leser sehr gut, wann und wo die Handlung spielt. Auch der Roman Dragománs spielt heute, noch dazu in (Mittel-) Osteuropa. Die Struktur der Erzählung kann gewissermaßen als traditionell bezeichnet werden: Irgendwo erscheint ein Fremder und jeder erwartet etwas von ihm. Vielleicht die Befreiung? Nicht nur die Nebenfiguren des Romans - Ghiárfás, Német und Dzsukics - sowie die Frauen Léna und Sára sind erwartungsvoll, sogar der gefürchtete Gouverneur will die Verantwortung für seine Schreckenstaten mit ihm teilen. Denn Fabian ist mit der Verweigerung des Tötens zu einer Art moralischem Meilenstein geworden. Dass das Buch Dragománs dennoch nicht ein osteuropäisches Schreckensmärchen bleibt oder etwa ein Lehrmärchen von dem Guten, der nicht töten wollte, ist vielleicht dem zu verdanken, worüber Győző Ferencz Folgendes schreibt: "Die Literatur mit siebenbürgischem Hintergrund bedeutete lange Zeit die frischen Impulse, die sprachliche Idylle, die Landschaftsidylle. Heute zeichnet eine äußerst starke Strömung die Bilder von zu wüsten Depots zerstörten Städten nach. Die Prosa von György Dragomán ist mit der gnadenlosen Kunst von János Székely und Ádám Bodor verwandt: mit seinen scheinbar unbeteiligten Sätzen schneidet er tief in die höllische Erfahrungswelt ein."

Der weiße König
2005

Das zweite Buch von György Dragomán, "Der weiße König", führt den Leser in dieselbe Welt wie sein erster Roman, "Das Buch der Zerstörung". Dragomán ist im Alter von dreißig Jahren sozusagen ein Profi in der Darstellung osteuropäischer Diktaturen geworden. Im Unterschied zu seinem vorangegangenen Roman besitzt dieser nun einen konkreten Schauplatz und eine konkrete Zeit: Es handelt sich um das Rumänien zur Zeit der kommunistischen Diktatur in den achtziger Jahren. Der Erzähler ist ein Junge, dessen Vater aus einer siebenbürgischen Stadt in ein Straflager verschleppt wird, um am Bau des Donaukanal eingesetzt zu werden. In der ungarischen Literatur erscheinen derzeit zahlreiche Vater-Romane, im Roman Dragománs ist der Vater der verlorene (verschleppte) Vater. Die dramatische Stärke und Schönheit des Romans liegt in der Perspektive des Erzählers: ein kleiner Junge, der versucht, die Welt zu verstehen, zu begreifen, der sich bemüht, in ihr zu bestehen. Dies ist freilich auch in den "normalen" Welten nicht einfach, geschweige denn in einer Diktatur, in einer Welt, in der ein alter Bekannter der Mutter, ein Diplomat, der einstmals in einem afrikanischen Land tätig gewesen ist, die Bitte der Mutter um Hilfe ausnutzen will, damit sie mit ihm ins Bett geht. Das Elend und die Tragödie erscheinen aus dem Blickwinkel des Kindes eher sonderbar und merkwürdig (was den ganzen Roman bereichert). Das Buch besteht aus achtzehn Kapiteln, wobei jedes Kapitel auch als eigenständige Novelle gelesen werden kann. Doch liest man das ganze Buch, erhält man eine spannende und aufregende Schilderung vom Rumänien vergangener Zeiten.

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