Autorenseite

István EÖRSI
( 1931 - 2005 )

Biographie

1931 (16. Juni) in Budapest geboren
1949-1953 Studium der ungarischen und englischen Literatur an der Budapester Universität; Mitarbeit bei der Zeitschrift Szabad Ifjúság (Freie Jugend)
1956 Teilnahme als Journalist am Volksaufstand; im Dezember 1956 Verhaftung und Verurteilung zu acht Jahren Haft
1960 Freilassung nach einer Amnestie
1960-1967 Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeiten und Übersetzungen (u.a. von Allen Ginsberg, Shakespeare, Goethe, Heine und Brecht)
1967 Mitarbeiter bei der literarischen Wochenzeitung Élet és Irodalom (Leben und Literatur)
1977-1982, und ab 1989 Dramaturg am Gergely-Csiky-Theater in Kaposvár, das seit den siebziger Jahren als ein Ort für ein neues Theaterdenken in Ungarn gilt
ab 1982 als freischaffender Schriftsteller tätig; Arbeit für die Zeitschrift Magyar Narancs (Ungarische Apfelsine)
1983-1986 Aufenthalt in Westberlin, 1983 Stipendium des DAAD
1973-1989 Mitarbeit in der demokratischen oppositionellen Bewegung Ungarns, Angehöriger des inneren Kreises von Beszélő (Sprechzeit)
1989-2004 Mitglied des Landespräsidiums des SZDSZ (Bund Freier Demokraten)
2005 (13. Oktober) in Budapest gestorben

Wichtige Auszeichnungen:
1952 Attila-József-Preis; 1983 Preis der Frankfurter Autorenstiftung; 1988 Österreichischer Übersetzerpreis; 1989 Tibor-Déry-Prämierung; 1991 Verdienstmedaille für 1956, Sternorden mit Goldkranz der Republik Ungarn; 1993 Parnassus-Preis, IBBY-Sonderpreis; 1996 Preis der Soros-Stiftung für das Lebenswerk; 2005 Kossuth-Preis, die höchste literarische Auszeichnung Ungarns

Erinnerung an die schönen alten Zeiten
1956

In diesen so genannten Memoiren von 1956 berichtet Eörsi von den Jahren seiner Haft, die 1960 vorzeitig endete. 1956 wurde er, einer der engsten Vertrauten von Georg Lukács und Teilnehmer am Volksaufstand von 1956, zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein gesamtes schriftstellerisches Werk ist eigentlich auf dieses Ereignis und die nachfolgende Machtkonstellation hin zu lesen, die eine von Heuchelei, Bespitzelung und Verdrängung geprägte Gesellschaft nach sowjetischem Muster einrichtete. Nach seiner Entlassung fühlte sich Eörsi nach seinen eigenen Worten wie eine "Konserve", gefüllt mit Widerstandsluft. Eörsi bedient sich vor allem der Ironie, um auf die Differenz von Vorstellung und Wirklichkeit hinzuweisen, und so fasst er seine Inhaftierung von 1956 unter dem Slogan "Lernen wir die Gefängnisse der Heimat kennen!". In seinem, auch in deutscher Sprache erschienenen Essayband "Der rätselhafte Charme der Freiheit" (2003) nennt er sich selbst einen "Ritter des Widerspruchs", und zweifelsohne ist an den Ritter von der traurigen Gestalt zu denken, denn Eörsi hegte eine Vorliebe für Fragen, die "der Form nach humoristisch, dem Inhalt nach tragisch sind".

Tage mit Gombrowicz
1994

Das "Tagebuch" von Witold Gombrowicz, das während seines drei Jahrzehnte währenden Exils in Südamerika und Europa entstand, regte Eörsi zu eigenen Aufzeichnungen an, die er von September 1990 bis zum Februar 1994 anfertigte. Karl-Markus Gauss macht "eine irritierende Verwandtschaft zwischen beiden, eine Nähe im Geistigen, Ästhetischen, sogar im Persönlichen" aus, obwohl der polnische "Aristokrat, [...] ein Snob, der mit Formen, Masken, Riten zu spielen liebte", und der Menschenfreund Eörsi auf den ersten Blick den reinen Gegensatz verkörpern. Ausgehend von den zeitgeschichtlichen Bemerkungen Gombrowicz' reflektiert Eörsi über die Probleme der eigenen Zeit und zeichnet dabei ein Bild über die Wege und Alternativen von Intellektuellen in Mitteleuropa. Seine historischen Exkurse wechseln mit anekdotischen Einstreuungen und belletristischen Versuchen sowie zwei Studien über Kleist und Buòuel. Withold Gombrowicz, sein polnischer Schriftstellerkollege, der sich selbst als "Seiltänzer und Provokateur" bezeichnet hat, erweist sich für Eörsi als idealer imaginärer Gesprächspartner, denn beide haben früh schlechte Erfahrungen mit der geistigen Isolation kleiner Nationen gemacht und sich daher mehr oder weniger freiwillig in die Emigration begeben. Gombrowicz' Aufzeichnungen setzen bei Eörsi "eine nicht erahnte Erlebnis- und Gedankenfolge in Gang", aus der sich manchmal kleine Prosatexte entwickeln, wie zum Beispiel "Randbemerkung zu einem Callboy".

Fragen an meine Freunde
2004

Der Gedichtband ist - wie es Eörsis eigene Worte im Klappentext bezeugen - schon vom Tod gezeichnet: "[...] es fällt auf, dass sich auf den Seiten des Buches der Themenkreis des Todes ausbreitete wie die Tinte auf dem Löschpapier. Die alten Themen wie zum Beispiel die Politik und die Liebe sind nicht eliminiert, aber sie sind von einer Schwärze umgeben [...] In diesem Buch schreibe ich zwar über den Tod anderer, aber das Selbstlose sickert in die Traurigkeit, dass teilweise schon von mir selbst die Rede ist. [...] Es scheint, ich habe mich verändert, hoffe aber, nicht derart, dass mich meine Freunde und Feinde nicht wiedererkennen." Wilhelm Droste hebt in seinem Nachruf hervor, dass "vom Tod gezeichnet" bei István Eörsi "vom Tod verschönt" hieß: "Als ich ihn unlängst übermüdet und zufällig nachts im Fernsehen sah, da wurde ich wach von der Schönheit dieses alten Mannes, den ich nicht gleich wiedererkennen konnte. Das ewige Lächeln, das ihn jahrzehntelang gekennzeichnet, aber auch gezeichnet hat, halb unschuldig wie ein immer naives Kind, halb ironisch wie bei denen, die ständig zu viel wissen, es war aus seinem Gesicht verschwunden, stattdessen sah da ein beseelter Mann voll Weisheit und Leben durch das Glas des Gerätes hindurch."

PDF-Download

Neuigkeiten aus dem UNGARISCHEN LITERARISCHEN LEBEN