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Erzsébet GALGÓCZI
( 1930 - 1989 )

Biographie

1930 (27. August) in Ménfőcsanak (Westungarn) geboren
1950-1955 Dramaturgiestudium in Budapest, Tätigkeit als Journalistin
1953 erster Erzählband erschienen
ab 1959 freischaffende Schriftstellerin
1981-1985 Parlamentsabgeordnete
1989 (20. Mai) in Ménfőcsanak gestorben

Wichtige Preise:
1962, 1969, 1976 Attila-József-Preis, 1978 Kossuth-Preis.

Lieber soll es wehtun!
1969

E. G. verfügte über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe der sie umgebenden Welt, ein Talent, das sie zu einer genauen Erzählerin einer der härtesten Zeiten in der ungarischen Geschichte prädestinierte. Den Mittelpunkt ihrer zahlreichen Erzählungen bilden ethische und existentielle Probleme, mit denen ihre Helden, leidende, vom Schicksal geschlagene und ausgelieferte Menschen, zu kämpfen haben. In der Mitte der sechziger Jahre entstand eine Reihe von Novellen, die sich durch eine Zuspitzung an dramatischen Konstellationen, viele soziographische Details und den Einsatz von Elementen der literarischen Reportage auszeichnen. Einen anderen Ton als die meisten Novellen weisen einige balladeske Texte auf, die eine gewisse Affinität Galgóczis zum Volkslied offenbaren. „Seit ich mich für eine Schriftstellerin halten kann, bin ich ständig bestrebt, aus der Welt, in der ich lebe, und aus mir selbst, die sie erlebt, ein so großes Reich wie nur möglich für meine Kunst zu erobern. Meine Kritiker haben mich – ob zu Recht, sei hier dahingestellt – für eine mehr oder weniger durch ihren Lebenslauf inspirierte Schriftstellerin, für die ’lyrische’ Novellistin der Kindheit, der Einsamkeit, des engen dörflichen Milieus ausgerufen. Für eine, die sich auf einem kleinen, überschaubaren Terrain bewegt – wenn auch mit Sicherheit. Dieses wohlgemeinte, aber immerhin einengende Urteil möchte ich mit meinen neuen Erzählungen widerlegen. Sich ein neues Terrain erobern, geht natürlich mit dem Risiko einher, dass die Bewegung vage wird. Jemand aber, der die Asymmetrie zwischen dem, was bereits gesagt ist, und dem, was noch zu sagen ist, spürt, muss dieses Risiko in Kauf nehmen.“ (Erzsébet Galgóczi)

Die St. Christophoruskapelle
1971

Zsófia Tüü, eine charakteristische Galgóczi-Figur: Mitte dreißig, einsam, depressiv, sitzt hinter dem Lenkrad ihres Wagens: mager, unausgeschlafen und übernächtigt. Vor ihr liegt das Dorf mit der kleinen Kapelle, wo sie das Altarbild des heiligen Christophorus restaurieren wird. Sie hat den Auftrag übernommen, um der Einsamkeit der Großstadt Budapest und ihren Problemen zu entfliehen. In aussichtsloser, höriger Liebe zu einem höheren Funktionär des Regimes ringt sie um ihre Befreiung, was auch die Freiheit vom Alkohol bedeutet. Sie wird herzlich von der Dorfgemeinschaft aufgenommen und kann ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu ihrem Auftraggeber, dem Dechanten Timót Zsidány, aufbauen. Schließlich vertraut er ihr im Zusammenhang mit der Kapelle ein Geheimnis an: In einer Krypta befindet sich seit 1949 ein Kirchenschatz, von dem nur er Kenntnis hat. Zur öffentlichen Übergabe reisen Politiker an, u. a. auch Zsófias Geliebter. Zsófias neuer Lebensinhalt wird die Kapelle: Viel wird sie noch zu sprechen haben über die Jahrhunderte dann, wenn sie wieder zu sprechen beginnt.

Die Falle
1984

Als das wohl bedeutendste Werk von Erzsébet Galgóczi 1984 erschien, löste es einiges Aufsehen aus, behandelt es doch die so genannte stalinistische Periode der Nachkriegszeit in Ungarn. Das Bauernmädchen Orsolya Rév geht zum Studium nach Budapest und wird zur glühenden Anhängerin des Kommunismus. Als sie jedoch wegen ihrer Herkunft von der Hochschule verwiesen wird und der aufs Land deportierten und in das Haus der Familie Rév eingewiesenen Frau Simon begegnet, bricht für das Mädchen, das sich anfänglich so naiv für die neue Ordnung begeistert hatte, eine Welt zusammen. Sie erfährt vom Schauprozess gegen Pál Simon, vom Polizeiterror und den Machenschaften der führenden kommunistischen Funktionärsschicht. Die Figur der Orsolya Rév trägt stark autobiographische Züge, die Romanfigur Pál Simon ist mit dem bekannten Geologen und Direktor der Erdölwerke Maort, Simon Papp, identisch. Gegen ihn wurde nach der Verstaatlichung der Erdölindustrie ein Schauprozess geführt. Gyula Borbándi unterstreicht die von der Soziographie beeinflusste Erzählweise: Die Autorin arbeitet mit dokumentarischer Sachlichkeit und Genauigkeit, [...] mit beispielhafter Einfühlungskraft und einer starken Darstellungskunst. Die Episoden und Dialoge sind authentisch, die kühl und leidenschaftslos vorgetragenen Fakten überzeugend, die ganze Geschichte wirkt in ihrer künstlerischen Gestaltung aufregend und mitreißend. Der Roman ist ein Gewebe aus realen und fiktiven Elementen und zeichnet ein umfassendes Panorama dieser geistigen Eiszeit und der ersten Anzeichen des Volksaufstands von 1956.

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