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Lajos GRENDEL
( 1948 )

Biographie

1948 in Léva (heute Levice, Slowakei) geboren
1968-73 Studium der Hungarologie und Anglistik an der Universität von Bratislava
1973-90 Lektor beim Madách-Verlag
1990 Parlamentsabgeordneter der Unabhängigen Ungarischen Initiative in der Slowakei
1990-92 leitender Redakteur der Zeitschrift Irodalmi Szemle (Literarische Rundschau)
1991 Gründungsredakteur beim Kalligram-Verlag in Bratislava
1992 Gründer und Chefredakteur der Zeitschrift Kalligram
1994 Leiter des Kalligram-Verlags
seit 1997 Tätigkeit am Lehrstuhl für Ungarische Sprach- und Literaturwissenschaft an der Komenský-Universität Bratislava

Wichtige Preise:
1982, 1990 Imre-Madách-Preis; 1986 Preis des Slowakischen Schriftstellerverbandes; 1987 Prämierung für das „Buch des Jahres“; 1989 Tibor-Déry-Prämierung; 1989 Verdienter Künstler; 1990 Attila-József-Preis, Preis der Vereinigung der Slowakischen Schriftstellergewerkschaften; 1995 Milán-Füst-Preis; 1996 Endre-Ady-Preis; 1999 Kossuth-Preis

Die Treulosen
1979

Nach zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften trat Grendel 1979 mit dem elf Erzählungen umfassenden Band an die literarische Öffentlichkeit und variierte den thematischen Kontext früherer Prosaarbeiten: moralische Mutproben und Reflexionen über das gesellschaftliche Allgemeinbefinden. Die Novelle Samuka illustriert am deutlichsten Grendels Verfahren: Die geschlossene Welt eines Internats ist der gesellschaftliche Ausschnitt, an dem die Ananlyse der reduzierten Verhaltensweise eines Studenten vorgenommen wird. Samuka, ein ungeschickter und serviler Student, ordnet sich völlig dem Willen seiner älteren Mitbewohner unter, er wird so zu ihrem Laufburschen. Natürlich geht er auf die ihm gestellte Mutprobe ein und klettert in einer bitterkalten Winternacht über das Dach in die Mädchendusche. Diese Mutprobe verwandelt seine Persönlichkeit, und er wird zum Mann. In der titelgebenden Geschichte Die Treulosen zeigt Grendel anhand der aussichtslosen Flucht zweier Heimkinder die beklemmende Sinnlosigkeit der Weltordnung. Die drei sich überschneidenden inneren Monologe bleiben auch in Wirklichkeit Monologe, denn das Lebensgefühl und die Erwartungen, die Sehnsucht nach Freiheit und die gegebenen Möglichkeiten driften auseinander. Das erzählerische Werk von Lajos Grendel greift auf einen breiten Traditionshorizont zurück, der von Poe kommend über die ungarische Erzählprosa der Jahrhundertwende bis zur amerikanischen Postmoderne reicht. Der ungarische Literaturwissenschaftler András Görömbei kennzeichnet Grendels Erzählungen als „eine intellektuelle Prosaform, die auf die Analyse aus unterschiedlichen Perspektiven und auf mosaikartige Konstruktionen baut.“ Der Einfluss von Miklós Mészöly und Péter Esterházy ist unverkennbar, wenngleich Grendel mit seiner kritisch reflektierenden Gestaltung des Minderheitenbewusstseins seiner Prosa sehr individuelle Züge verleiht.

Scharfschießen
1981

Mit den in der ersten Hälfte der achtziger Jahre entstandenen drei Romanen (Scharfschießen, 1981; Galerie, 1982; Transpositionen, 1985) konnte Lajos Grendel die Aufmerksamkeit der Literaturkritik erregen und sich als Erneuerer der ungarischen Prosaliteratur in der Slowakei profilieren. Mit dem Kurzroman Scharfschießen kann Grendel einen deutlichen Bruch mit der Tradition des „Minderheitenromans“ vollziehen, da er die streng lineare Erzählweise aufbricht und unterschiedliche narrative Verfahren zur Anwendung bringt. Er erzählt die Geschichte einer Kleinstadt vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dabei wechseln zwar die Protagonisten, aber „die Dramaturgie bleibt unverändert. Das Leiden, Gemetzel, die Denunziationen und Verfolgungen sind bis zum Überdruss wiederholte Schauspiele.“ Die Stadt steht modellhaft für jede, nicht nur im ethnischen, sondern auch im allgemeinen Sinn zu verstehende Minderheit. Die auf dem Speicher des Olsavszky-Hauses gefundenen Rollen enthalten verschiedene Texte, deren historisches Faktenmaterial sich bei vergleichender Zusammenschau gegenseitig untergräbt, die Geschichte wird somit relativiert, und die Suche nach ihrem Sinn muss versagen. Péter Szirák verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Funktion der mosaikartigen und mehrsträngigen Erzählweise, nämlich „die Diskontinuität des Privat- und öffentlichen Lebens und die Zersplitterung der Zeit, des Raumes und der Sprechsituation gegenüber linear-kausalen Vorgängen aufzuzeigen.“

Meine Heimat, Absurdistan
1998

Der 1998 erschienene Band versammelt Essays und Artikel, deren Entstehungszeit von 1979 bis in die unmittelbare Gegenwart reicht. Darin setzt sich Grendel mit dem Konflikt zwischen Slowaken und Ungarn sowie mit dem Verhältnis der slowakischen Ungarn zu den Ungarn im Mutterland auseinander. Seine Reflexionen über die Identitätsproblematik in Mitteleuropa berühren auch die Rolle der Literatur und des Schriftstellers unter den Bedingungen einer Minderheitenliteratur und im Verhältnis zur so genannten Nationalliteratur. Nach 1989 stellten sich diese Fragen unter den veränderten historischen Bedingungen auch für Grendel neu: „Heute, 25 Jahre später, da alle Besatzer unser überdrüssig geworden sind, finden wir unseren Platz weder diesseits noch jenseits des Fensters. Wir haben unsere Identität inzwischen ganz verloren oder sind im Besitz gleich mehrerer Identitäten, was auch kein Normalzustand ist. Wenn jemand seinen Platz nicht findet, dann ist entweder er nicht an der richtigen Stelle oder der Platz ist nicht mehr da. Musil, Kafka, Gombrowicz, Danilo Kiš und anderen war dieses bizarre mitteleuropäische Lebensgefühl wohl vertraut; Schriftsteller können in Mitteleuropa nur schwer davon loskommen.“ (Mitteleuropa und seine Gespenster)

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