Autorenseite

János HÁY
( 1960 )

Biographie

Diesseits und jenseits der Ehe
2006

Der Autor hat seine neusten Novellen in diesem Band in vier Zyklen angeordnet. An den etwas merkwürdig klingenden Titel des Bandes knüpfen sich am ehesten die Novellen des ersten Zyklus an: Es geht hier um alltägliche Menschen (Frauen und Männer), die ein einfaches Leben führen, das jedoch voller kleiner Schicksalsdramen steckt. Winzige Geheimnisse, das ganze Leben kleinlicher, doch besonderer Figuren verdichtet sich in einigen Seiten. Sie befinden sich mal diesseits, mal eben jenseits der Ehe, doch scheint ihr Leben unabhängig dessen nicht allzu rosig. Die Darsteller des zweiten Zyklus sind ebenfalls einfache Leute, doch ihr Schicksal entfaltet sich ausführlicher, gründlicher, der Autor nähert sich ihnen mit einer kühlen, bitteren, zuweilen satirischen Darstellungsweise. Es gibt hier den trinkenden Vater, den kranken Greis und das erstgeborene Stiefkind, gemeinsam ist ihnen, dass sie allesamt von der Familie verstoßen werden. Háy betrachtet seine Helden einfühlsam und zugleich auf eine groteske Weise, er hat Verständnis für ihr Unglück, doch verschweigt er nicht ihre Borniertheit. Die Erzählungen des dritten Zyklus sind ursprünglich zu einem Fotoalbum von Gábor Fejér über die Brücken von Budapest entstanden, doch ist die Brücke in den Novellen immer nur der Ausgangspunkt zu einer sich entfaltenden Geschichte. Die Novellen des vierten Zyklus sind mit zwei Ausnahmen bereits in seinem Buch "Közötte apának és anyának, fölötte a nagy mindenségnek" (Zwischen Vater und Mutter und über dem großen Universum) im Jahr 2000 erschienen. "Würden wir wagen, den Autor mit einem einzigen Wort zu charakterisieren, dann würden wir am liebsten den Ausdruck umstürzlerisch verwenden." Boglárka Nagy, Élet és Irodalom "Das wichtigste Element der Begabung Háys ist die Wahrnehmung dessen, wo die Dinge aneinander vorbei- oder gerade aufeinandergleiten." Béla Bodor, Litera

Das Kind
2007

Es gibt Leute, die jede noch so neue Geschichte durch ihre Art zu erzählen sofort langweilig machen, aber auch solche, deren immer gleiche Geschichten stets spannend sind, ja, immer spannender werden. Zu Letzteren gehört János Háy, der in fast jeder literarischen Gattungsküche kocht (vom Drama über Lyrik bis hin zur Großepik) und aus den mitgebrachten Zutaten stets etwas Überraschendes zuzubereiten weiß. Seinen letztes Jahr erschienenen Roman "A gyerek" könnte man als Familienroman bezeichnen, als negativen Entwicklungsroman (Rückentwicklungsroman) oder als Thesenroman, der das Prinzip der Schicksalhaftigkeit beweist, doch kommen wir der Wahrheit wohl näher, wenn wir sagen, es handelt sich um ein auf spannende Weise bedrückendes und gerade in dieser Eigenschaft schonungslos unterhaltsames Buch. Der Protagonist des Romans, das Kind, welches in der Anrede bis zum Schluss "Kind" bleibt, wird Anfang der sechziger Jahre in einem zwar in der Nähe von Budapest gelegenen, von der Welt dennoch vollkommen abgeschotteten Dorf geboren. Sein Vater ist sich der Perspektivlosigkeit des Ortes bewusst und versucht, seiner Familie, vor allem aber seinem Sohn eine bessere Zukunft zu sichern. Auch das Kind ist bemüht, seine schwer definierbare Berufung zu erfüllen, es verlässt das Dorf, studiert in Szeged, um dann allerlei Erfahrungen zu machen, unter anderem als Schuldirektor in seinem Heimatdorf. Einer der größten Tugenden Háys ist der spontan wirkende (in Wahrheit wohldurchdacht kreierte und bewusst organisch in den Text eingebettete) Sprachgebrauch, die Art und Weise, wie die Protagonisten sprechen, wie sie ihre Anekdoten erzählen. Er wirft die Geschichte einer bestimmten Nebenfigur wie einen Bumerang zwei Seiten weiter, von wo aus diese dann durch die Stimme und Perspektive des Erzählers zur Haupthandlung zurückkehrt. "A gyerek" wird jedoch noch durch eine andere wichtige Leistung ausgezeichnet: Háy zeichnet in seinem Schicksalskatalog dutzende Menschentypen und charakteristische Lebenskonstellationen der siebziger, achtziger und neunziger Jahre nach. Am glaubwürdigsten bringt er dem Leser das Dorfleben nahe, in dem er die Erzählstimme durchs Weinglas sprechen lässt. Háy ist auch hier unglaublich geistreich, doch während er beschreibt, wie mehrere Figuren beinah unabwendbar untergehen, gefriert dem Leser das Lächeln. Wenn es so etwas wie eine Dorfmythologie gibt, denn ist das, was Háy uns präsentiert eine Dorfpathologie. Der Leser von "A gyerek" fühlt sich zum Schluss ein wenig wie der einzige Überlebende eines Familienunglücks, der auf seine Verletzung im Mundwinkel angesprochen wird: "Tut es weh?" "Nur wenn ich lache."

Zusammengehörend
2009

János Háys neuester Band ist eine Kurzprosasammlung. Einer der am schwungvollsten schreibenden Novellenautoren der heutigen ungarischen Literatur – diese Eigenschaft Háys ist wohlbekannt; eine neue Seite des Autors lernen wir nun durch wortspielreiche, über Narration reflektierende, mit literarischen Genres spielende Essays kennen. Neben Háys wacher Neugier, liebe- und verständnisvoller Ironie wird der Band von genauen und sensiblen Beobachtungen zusammengehalten. Háy kann über sich lachen und darf daher natürlich auch über die Welt lachen. Das Buch besteht, ebenso wie sein erfolgreicher Erzählband Diesseits und Jenseits der Ehe, aus vier Teilen. Der erste, welcher unter dem Schlagwort Familie zusammengefasst ist, besteht vor allem aus Erzählungen. Diesem Genre tut es ausgesprochen gut, wenn der Autor im Kreis seiner Familie bleibt. Neben den Ehesituationen liefern die Widersprüche und Verwicklungen der Eltern-Kind-Beziehung den Stoff für die Handlung. Urlaubsreibereien, Weihnachtshetzereien und ein bei weitem nicht einfacher Alltag.Wenn uns die Situationen bekannt vorkommen, sollten wir uns nicht wundern, sondern vielmehr versuchen, es dem Autor gleichzutun und die momentanen und endlos erscheinenden Sorgen geistreich zu überwinden. Der unter dem Untertitel Literatur stehende zweite Teil beherbergt wahre Delikatessen. Leseeindrücke, Vorworte, Porträts und Kurzessays. Zum Beispiel über die Wiedergeburt der historischen Romanform, über die Dilemmata des ungarischen Dramas, über Háys Schriftstellervorbilder, seine Lieblingsbücher und eines der besten Porträts von Magda Szabó. Der dritte Teil (Weg) umfasst Reiseberichte, von Neapel bis Moskau, von London bis Budapest. (Denn man kann auch in seiner eigenen Stadt Reisen. Gesetzt der Fall, Budapest ist überhaupt Háys Stadt.) Der letzte Block des Bandes (Zeit) ist die originelle Synthese der zuvor voneinander getrennten Genres. Mit Anekdoten gewürzte Bekenntnisessays. Hier ist die Streitschrift Der Assimilant hervorzuheben, welche bis zu den Wurzeln des, die ungarische Kultur fundamental bestimmenden, Land-Stadt-Gegensatzes vordringt und so die Widersprüche des Fremdheits- und des Geborgenheitsgefühls festhält. Bitter und geistreich. Da all das auch zusammengehört.

PDF-Download

Neuigkeiten aus dem UNGARISCHEN LITERARISCHEN LEBEN