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Jenő HELTAI
( 1871 - 1957 )

» Moderne Lieder (1892)
» Die Feenmädchen (1914)
» Der stumme Ritter (1936)

Biographie

1871 (11. August) in Budapest geboren
1889 Jurastudium, ein Jahr später zugunsten der journalistischen Karriere aufgegeben
ab 1890 Mitarbeiter der Zeitung Magyar Hírlap (Ungarisches Nachrichtenblatt), später auch für andere Blätter tätig
1892 erschien sein erster Gedichtband (Modern dalok, Moderne Lieder) und erlangt große Aufmerksamkeit bei der Leserschaft
gegen Ende der 1890er Jahre Korrespondent in Paris, Übersetzung französischer Komödien
während des ersten Weltkriegs Kriegskorrespondent in Konstantinopel
1915 dramaturgischer Leiter des Lustspieltheaters
1916 Vorsitzender der Vereinigung der Ungarischen Bühnenautoren, ab 1918 literarische Leitung des Athenaeum-Verlags
1927 erhielt er für seine Übersetzungen aus dem Französischen die Auszeichnung der Französischen Ehrenlegion
ab 1929 Direktor des Innerstädtischen Theaters, 1932-34 Leiter des Ungarischen Theaters
1944 Verfolgung infolge der Judengesetze, Gefängnisaufenthalt und schließlich Versteck
nach 1945 zum Vorsitzenden des Ungarischen PEN-Klubs gewählt
1949 hielt er sich längere Zeit im Ausland, vor allem in London auf
1957 Ehrung mit dem Kossuth-Preis, am 3. September desselben Jahres verstorben

Moderne Lieder
1892

Als der erste Gedichtband des erst einundzwanzigjährigen Heltai erschien, erregte er sofort große Aufmerksamkeit. Der junge Dichter war kein Unbekannter mehr, sondern hatte bereits seit Jahren seine Texte in verschiedenen, darunter auch in sehr anerkannten Blättern wie der Zeitschrift A Hét (Die Woche) veröffentlicht. Die Texte strahlen eine gewisse Empfindsamkeit, aber auch Esprit und Leichtigkeit aus, behandeln vor allem Tabubereiche des Themas Liebe und dies in einem ironisch-spielerisch-züchtigen Tonfall, teils im Gewand des französischen Chansons oder des ungarischen Volksliedes: "Fürwahr, ich wagte, Sie zu duzen, / Was ein Skandal zu nennen wär, / Ich hätte Sie nur siezen dürfen, / Wenn nicht gar ihrzen, schöne Claire." (Übersetzung: Géza Engl) Der ironisch-romantische Ton, der an den Tonfall der Heine-Lieder denken lässt, ist auch für die Gedichte der folgenden Bände charakteristisch wie z.B. im titelgebenden Text "Kató", wenn das lyrische Ich im Gegensatz zum Ideal der romantischen Liebeslyrik sich und seine Geliebte spöttisch bis ironisch betrachtet. Auch auf der sprachlichen Ebene bricht Heltai mit den Konventionen: Er verwendet lexikalische Innovationen und schafft selbst neue Wörter. Heltai reiht sich mit seinem erotisch-städtischen Ton in die moderne Dichtungstradition z.B. eines Gyula Reviczky ein: "Vorüber rollt mit dir die Prunkkalesche, / Du selbst hast eben das Gespann gelenkt. / Mir hat, als ihr an mir vorbeigekommen, / Der Strassenkot gar das Gesicht besprengt." (Übersetzung: Lajos Brájjer). Die ironische Abwendung von der volkstümlich-nationalen Tradition brachte Heltai und anderen modernen Autoren der Jahrhundertwende den Vorwurf ein, "nicht ungarisch genug zu sein". Nachdem Heltai mehr als zwanzig Jahre keine lyrischen Texte veröffentlicht hatte, wendet er sich in seiner späten Lyrik den Schmerzen des Älterwerdens zu, lässt Erinnerungen an die Jugend anklingen und spricht über die erlittenen Qualen während der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als er wegen seiner jüdischen Abstammung in ständiger Lebensgefahr schwebte.

Die Feenmädchen
1914

Heltais Prosa führt in das Budapest der Jahrhundertwende, in eine Stadt, wo Reichtum und Armut, Elend und Überfluss eng nebeneinanderbestehen. Die pulsierende Stadt ist auch Schauplatz des Konkurrenzkampfes, der vielen Journalisten, die den Stoff und die Geschichten für die sensationslüsterne Presse liefern. Keiner kannte die Welt der scheinbar fröhlichen Zeitungsschreiber besser als Heltai selbst. Möglichkeit zum Publizieren bedeutete Miete und Geld für das Kaffeehaus, ohne diese Pfandleiher, einen fadenscheiniger Anzug und die Parkbank. Die Protagonisten in Heltais Novellen und Erzählungen sind die an den Rand der bürgerlichen Gesellschaft geratenen Schauspielerinnen, Tänzerinnen, Damen aus der Halbwelt, Grafen, Redakteure, Künstler und Bohemiens, die der Autor aber mit Humor und nachsichtiger Ironie zeichnet. Seine Kriegsnovellen zeichnen sich durch feine und genaue Beobachtungen individueller Schicksale aus, die fern von einer lauten, kraftvollen Verurteilung oder von einem kämpferischen Widerstand stehen, und gerade deshalb besonders eindrücklich sind, wie z.B. die Erzählung "A térkép" (Die Landkarte). Unter dem Eindruck des Krieges entstanden Erzählungen mit tranzendentalen, mystischen Elementen, die von einem Ängste und Unsicherheit hervorrufenden Irrationalismus getragen sind, der zwar existent, aber nicht fassbar ist, wie z.B. die auch in deutscher Übersetzung vorliegenden Texte "Der Tod und der Arzt" und "Der Teufel in Budapest". Eine andere Gruppe von Erzählungen greift die Tradition der Märchen aus Tausendundeiner Nacht auf und arbeitet mit den darin versteckten Parabeln (z.B. "Der Floh des Abu Majub"). Charakteristisch für Heltais Erzählungen sind die grotesken Elemente sowie sein tadelloser Stil. Diese Tugenden hebt Dezső Kosztolányi in seiner Rezension des Erzählbandes "Színes kövek" (Farbige Steine) von 1911 hervor: "[...] wer Gedichte schreibt, weiß um die militärische Strenge der Takte und um die Zügel der Reime und der Zäsuren, er hält auch dann Maß, wenn ihn die Disziplin nicht dazu zwingt und er sich auf dem Gebiet der freieren Prosa bewegt. In der Prosa des Dichters ist die Proportion die Hauptsache. Wenn er Prosa schreibt, komponiert er, jeder Satz ist eine fertige Strophe [...] In seiner grotesken und sanften Jovialität, in seinen exzentrischen Ideen sehen wir das Licht der neoromantischen Satire, den neuesten Humor, unseren Humor [...] In den Ideen spürt man die Wärme unseres hauptstädtischen Lebens, die Wärme des Dichters und das Strahlen des dem Untergang geweihten Gemüts, all das, was selten in der neueren Literatur zu finden ist. Wir mögen und lieben ihn, ohne dass es uns in den Sinn käme, ihn zu kritisieren."

Der stumme Ritter
1936

Jenő Heltai wurde in Ungarn vor allem als Bühnenautor wahrgenommen; er gehört zu der Generation von Lustspielautoren, zu der auch der international bekannte Ferenc Molnár zählt. Heltais frühe Lustspiele sind in der gleichen Umgebung angesiedelt wie seine frühen Dichtungen und Novellen: in der Welt der verliebten Jugend, der Bohemiens, der leichten Mädchen und der hoffnungslos verarmten Künstler. In seinem bekanntesten Stück, dem Lustspiel "Der stumme Ritter" (Uraufführung war 1936 in Budapest) verarbeitet Heltai eine Anekdote aus der Zeit des ungarischen Königs Matthias Corvinus zu einem neuromantischen Lustspiel, das wegen seiner fließenden poetischen Sprache und straffen Handlungsführung einen andauernden Bühnenerfolg erleben durfte. Der ungarische Ritter Péter Agárdi, der zum Heer des Königs Matthias gehört, wirbt schon lange Zeit stürmisch, aber erfolglos, um die züchtige Witwe Zilia Duca aus Neapel. Für einen Kuss muss der Ritter geloben, von nun an drei Jahre lang kein Wort über die Lippen zu bringen. Ein Jahr später erreicht Zilia die Nachricht, dass der König Matthias, erbost über die fehlgeschlagenen Heilversuche der Ärzte, mit der Todesstrafe gedroht hat, sollten die nächsten Bemühungen erneut umsonst gewesen sein. Zilia eilt daraufhin an den Hof, um den Ritter zu kurieren. Aber Agárdi bricht sein Schweigen nicht. Auf dem Weg zum Schafott bittet Zilia den vermummten Henker, ein letztes Mal den Geliebten sehen zu dürfen. Schließlich gibt sich der Vermummte als Péter zu erkennen und bricht sein Schweigen. Zilia und Péter werden vom Königspaar zum Traualtar geführt. Trotz der märchenhaft dargestellten Szenerie und der vordergründigen Leichtigkeit des Stückes versuchte Heltai dennoch das Unmögliche: stumm zu ironisieren. Mit seinen kleineren Stücken wie mit "Egy fillér" (Ein Fillér) war er beispielgebend für die um die Jahrhundertwende in Budapest blühende Kabarettkultur.

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