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Biographie

1814 (12. Juni) in Alvinc (heute Vinþu de Jos, Rumänien) geboren
1823-1834 Schüler am berühmten siebenbürger Reformierten Kollegium in Nagyenyed (heute rum. Aiud), ab 1830 Philosophie- und Jurastudium
1834-1835 Teilnahme an der Landesversammlung, Freundschaft mit Miklós Wesselényi, dem führenden liberalen Oppositionellen in Siebenbürgen
1839-1840 Medizinstudium in Wien und Entstehung des ersten Romans
1840 in Klausenburg (heute Cluj-Napoca, Rumänien) niedergelassen, einer der führenden Politiker in der Opposition
1844 Freundschaft mit Ferenc Deák, dem liberalen Politiker und Wegbereiter des österreichisch-ungarischen Ausgleichs
1846 Bekanntschaft mit István Széchenyi, dem berühmten ungarischen Reformer, in Debrecen
1847 Umzug nach Pest, Mitarbeiter bei der Zeitung Pesti Hírlap (Pester Nachrichtenblatt), stand dem zentralistischen Kreis um Eötvös nahe
1848 Unterstützung der Regierung Batthyány, Redakteur der Zeitung Pesti Hírlap (Pester Nachrichtenblatt) für ein halbes Jahr
1849 als Vertreter der Friedenspartei in der Landesversammlung ging er nach Debrecen und Szeged, später nach Arad; nach der Niederschlagung der Freiheitskriege hielt er sich in Siebenbürgen auf; Internierung
1855-1869 Chefredakteur des Pesti Napló (Pester Tageblatt); Mitarbeit am Programm der Deák-Partei und an der Vorbereitung des österreichisch-ungarischen Ausgleichs (1867)
1867-1873 Vorsitzender der Kisfaludy-Gesellschaft
1875 (22. Dezember) in Pusztakamarás gestorben

Die Witwe und ihre Tochter
1857

Die Geschichte um das Schicksal der Sára Tarnóczy geht auf die Chronik des János Szalárdi und die autobiografischen Schriften des siebenbürgischen Fürsten János Kemény zurück. Der Mikes-Prozess erregte damals die Gemüter am Hof György Rákóczi I. und stachelte die Gegensätze zwischen Protestanten und Katholiken an. Im Roman raubt die katholische Familie Mikes das reformierte adlige Mädchen von seiner verwitweten Mutter, um es mit Kelemen Mikes zu verheiraten. Sára liebt aber János Mikes, den älteren Bruder, der aber aus Rücksicht auf den Bruder seine Gefühle nicht eingesteht. Währenddessen begibt sich die Witwe Tarnóczy, die die katholische Mikes-Familie abgrundtief hasst, zum siebenbürgischen Fürsten, um sie vernichten zu lassen; ihre Tochter zwingt sie, einen reichen alten Protestanten zu heiraten, obwohl ihr verstorbener Mann die Tochter einem Mikes versprochen hat. Sára kann jedoch János Mikes nicht vergessen und begeht schließlich aus Verzweiflung Selbstmord. Auf die Nachricht, dass der Fürst die Familie Mikes begnadigt hat, stirbt die Mutter ebenfalls. Kemény arbeitet zwar mit verschiedenen Topoi des romantischen Romans wie Mädchenraub, unerfüllte Liebe, Intrigen, Zweikampf und Selbstmord, legt jedoch in der Figurendarstellung großen Wert auf die Analyse seelischer Momente und psychologischer Motive und wird deshalb von der Literaturgeschichte mit Autoren wie Balzac, Tolstoi und Dickens verglichen.

Die Schwärmer
1859

Jenő Péterfy, der die europäische Romanliteratur außerordentlich gut kannte, äußerte über Kemény, dass kein anderer Ungar so nah daran gewesen sei, mit den großen europäischen Romanciers konkurrieren zu können. Nicht ohne Grund wurden er und seine Romanfiguren oft mit Dostojewski verglichen; und dennoch nahm man seine Texte im Ausland nicht zur Kenntnis. Wie auch andere seiner Romane spielt die Handlung in Siebenbürgen in der Zeit nach der Reformation, in einer Atmosphäre des religiösen Fanatismus, als die Verfolgung der siebenbürgischen Sabbatarier (nach jüdischer Art lebende Christen) begann, die zum einen die Enteignung und zum anderen die "Bekehrung" der Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft zum Ziel hatte. Kemény hatte für diesen Roman umfangreiche Quellenstudien betrieben und bezog sich vor allem auf die Chronik des János Szalárdi und die autobiografischen Schriften des siebenbürgischen Fürsten János Kemény, aus denen er zahlreiche Beschreibungen und historische Figuren übernommen hat. Anregungen könnte er auch von Macaulays "History of England" und von Walter Scotts Roman "Die Puritaner" erhalten haben. Der Ziehsohn des kalvinistischen Kanzlers István Kassai, Elemér, und die Tochter Simon Pécsis, seines politischen und religiösen Gegners, lieben sich. Jedoch hat diese Liebe angesichts der fanatischen Feindschaft der Väter keine Zukunft. Kassai ist zudem von Habgier getrieben und hofft, dass er einen Teil des Besitzes des Sabbatariers Pécsi bekommt, wenn dieser konfisziert wird. Die Geschichte wird auf drei Ebenen erzählt: Ein Strang gibt den Kampf zwischen dem Kanzler der Friedenspartei und den Adligen der Kriegspartei wider, die andere Ebene erzählt die Geschichte der Rache Kassais gegen Simon Pécsi, damit ist noch das tragische Schicksal István Laczkós verwoben. Kemény gelingt es, die widersprüchlichen menschlichen Charaktere mit psychologischer Tiefe auszuloten und lässt die Schuldfrage offen, indem die Protagonisten sowohl schuldig als auch unschuldig agieren. Diese Unentschiedenheit generiere eine Offenheit - so meint der Literaturwissenschaftler Mihály Szegedy-Maszák -, die eine Neuinterpretation jenseits der Lesart des historischen Romans ermöglicht.

Rauhe Zeiten
1862

In seiner zweiten Schaffensperiode widmete sich Kemény den großen historischen Romanen und bearbeitete dabei Stoffe aus der siebenbürgischen Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts. Mit dem 1862 abgeschlossenen monumentalen Roman wird der Leser in die Zeit der Türkenbesetzung geführt, eine der schmerzhaftesten Perioden in der ungarischen Geschichte. Man schreibt das Jahr 1541, Buda wird von den Türken besetzt. Kemény gestaltet die Ereignisse nach der verlorenen Schlacht von Mohács (1526) als ein kollektives tragisches Erleben, aber immer auch als Tragik im Hinblick auf die individuellen Schicksale, und lässt dabei Momente aus den tiefsten Schichten der menschlichen Psyche erahnen. Im fernen Siebenbürgen machen sich zur gleichen Zeit Elemér und Barnabás auf den Weg nach Buda, um gegen die Türken zu kämpfen. Die zwei jungen Männer sind infolge der Kriegsereignisse zu Waisen geworden, Elemér wurde von den alten Brüdern István und Dániel Deák aufgenommen, Barnabás lebte im nahe gelegenen Kloster. Beide haben sich in Dóra, die Tochter von Dániel Deák verliebt, diese hat sich jedoch für Elemér entschieden. Dadurch ist die Freundschaft zwischen den beiden Jungen getrübt. Als Barnabás in türkische Gefangenschaft gerät und keine Hilfe von dem in István Werbőczys Diensten stehenden Elemér erhält, schwört er Rache; als Türke verkleidet, lässt er Elemér ermorden. Schließlich findet Barnabás durch die Hand von István Werbőczy den gleichen Tod. Die zwei alten Brüder sterben vor Gram, Dóra lebt einsam als Hofdame bei Königin Izabella. Kemény hat in den Mittelpunkt seines letzten großen Romans, der in der schwierigen Zeit nach den Freiheitskriegen von 1848/49 entstand, "eine kollektive Tragödie riesigen Ausmaßes" (János Barta) gestellt, dennoch ist "Zord idő" nicht nur ein politischer bzw. historischer Roman, sondern weist mit den genauen Darstellungen der inneren Beweggründe und seelischen Befindlichkeiten der Protagonisten in Richtung des psychologischen Romans. István Margócsy äußert sich über die Bedeutung des bedeutenden ungarischen Romanciers: "Kemény legt zum einen großen Wert auf die früher obligatorisch vorgeschriebene 'historische Glaubwürdigkeit', d. h. er versucht sich akribisch an die Quellen zu halten, keine Szene zwischen historischen oder fiktiven Figuren zu entwickeln, die in irgendeiner Form nicht der 'objektiven' Glaubwürdigkeit entspräche, und bemüht sich mit beeindruckender Präzision, die Welt der vergangenen Epoche vor dem Auge des Lesers wiedererstehen zu lassen. Zum anderen macht er als Erzähler anhand sehr 'moderner' Gesten immer auch deutlich, dass die Welt des Romans natürlich eine fiktive Welt und ihre Lebendigkeit eben von der Willkür des Autors abhängig ist."

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