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Biographie

1929 (9. November) in Budapest geboren
1944 nach Auschwitz deportiert
1949-1950 Mitarbeiter bei der Zeitung Világosság (Licht)
ab 1953 freischaffender Schriftsteller und Übersetzer (u.a. von Hofmannsthal, Canetti, Freud, Nietzsche, Wittgenstein)
1955-1960 verfasste mehrere Theaterstücke, um den Lebensunterhalt zu verdienen

Wichtige Auszeichnungen:
1983 Milán-Füst-Preis; 1986 Forintos-Preis; 1988 Literaturpreis Artisjus; 1989 Attila-József-Preis; 1990 Prämierung „Buch des Jahres“; 1992 Preis für das Lebenswerk, Soros-Stiftung; 1995 Preis der Soros-Stiftung, Brandenburgischer Literaturpreis;1996 Sándor-Márai-Preis; 1997 Kossuth-Preis, Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung; 2000 Herder-Preis; 2002 Nobel-Preis


Roman eines Schicksallosen
1975

In Ungarn 1975 als erster Teil einer Trilogie erschienen, wurde das Buch zunächst totgeschwiegen. In diesem "pervertierten Entwicklungsroman" schildert der fünfzehnjährige György Köves die Deportation nach Auschwitz, seinen einjährigen Lageraufenthalt, die Befreiung 1945 und seine Rückkehr nach Budapest als Sechzehnjähriger. Kertész gelingt es, das Konzentrationslager aus seiner Erfahrung heraus und gleichzeitig aus der Perspektive des Beobachters zu beschreiben. Damit schafft er eine einmalige Erzählperspektive, jener eines naiven, gutgläubigen Jungen, der staunend bereit ist, das Geschehene "als Teile einer ihn übersteigenden, aber auch, wie er meint, durchaus berechtigten Ordnung" (Christina Viragh) anzunehmen. "Dieses Buch belegt auf überwältigende Weise, welch mächtiges Instrument das Erzählen ist. Kertész hat es geschafft, Auschwitz eine eigene Ästhetik abzugewinnen, die vor dem 'Ungeheuerlichen', der 'Hölle' bestehen kann." (Peter Michalzik, TAZ)

Fiasko
1988

"Fiasko" versteht sich als Mittelteil einer Trilogie, deren weitere Teile "Roman eines Schicksallosen" und "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" bilden. Es wird die Geschichte eines alten Schriftstellers erzählt, der in einer kleinen Wohnung vor sich hinvegetiert. Sein Romanmanuskript über das entscheidende Jahr seines Lebens, das er in Vernichtungslagern zubringen muss, wurde vom Verlag abgelehnt. Daraufhin erfindet er eine Geschichte, die Geschichte des Journalisten Köves (Steinig), dem er seine eigene überhilft. Und es beginnt die Wiederholung. "Wenn also der Schriftsteller seine Figur, den Journalisten Steinig, in die Wiederholung schickt, dann macht er das, weil er sich nicht verlieren möchte, weil er sein Selbst retten, weil er verzweifelt er selbst sein möchte. Das Schicksal leuchtet hier auf, in dem einer steckt, der die Wiederholung, die lebensernste Reflexion gewählt hat. Hier vertauscht einer das Leben mit der Reflexion. Warum macht er das? Warum kehrt er freiwillig in das System zurück? [...] Die einzige wirkliche Gnade besteht darin, das Leben als Verzweiflung zu akzeptieren, als eine Wiederholung, als lebensernste Reflexion. Der Mythos von Sisyphos in der Variante von Imre Kertész zeigt ein Leben, in dem die Wiederholung, also die lebensernste Reflexion, in den leeren, den einsamen, den nach hinten gewandten Stunden das einzige mögliche Schicksal dessen ist, der den furchtbaren und großen Ernst des Lebens einmal erlebt hat und der ihn nun, nach langen Jahren, wie einen Kieselstein mit sich trägt. Wenn er ihn in die Hand nimmt, dann wiegt er damit die Erinnerung an sein Leben." (Eberhard Rathgeb, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Kaddisch für ein nicht geborenes Kind
1989

Die entschiedene Antwort "Nein" auf die eher beiläufige Frage einer Ferienbekanntschaft, ob er Kinder habe, nimmt der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller und Übersetzer, zum Ausgangspunkt eines monumentalen, episch kunstvoll verästelten Monologs, in dem er über das Leben nach Auschwitz mit gnadenloser Konsequenz reflektiert. Als Kind hatte er über seine jüdische Abstammung kaum nachgedacht, erst nach Auschwitz begreift er, was die "Kultur" von Machtverhältnissen bedeutet und das er bereits als Kind vergleichbare Erfahrungen im Internat machen musste. Von den Erlebnissen im Konzentrationslager wird nicht erzählt, dagegen werden die Konsequenzen des Erlebten den Gegenstand seiner Betrachtung. Dabei erzählt er von der Liebe zu seiner Frau, die an der Selbstzerfleischung und an dem kategorischen "Nein" zerbrach. Hinter dem "Nein" zum Leben steht aber ein "Ja" zum Schreiben, zu der Arbeit, "die im Grunde nichts anderes ist als ein Weiterschaufeln, das Weiterschaufeln jenes Grabes, das andere für mich in die Wolken zu schaufeln begonnen haben." Zsuzsanna Gahse unterstreicht den sarkastischen Witz bei Kertész, mit dem er auch die schwärzesten Gedanken betrachtet und Distanz zu schaffen vermag: "Zu vergleichen wäre das Ich bei Kertész am ehesten mit dem bei Thomas Bernhard." Bedeutend ist auch der spannende Wechsel zwischen subjektiven und objektiven Aussagen, existiert doch für den Autor "nur eine einzige Wahrheit, meine Wahrheit, selbst dann noch, wenn sie ein Irrtum ist".

Liquidation
2003

Im Mittelpunkt des Romans steht der Schriftsteller B., der im Dezember 1944 im Lager Birkenau geboren wurde und sich 1990 mit Hilfe seiner geschiedenen Frau Judit das Leben nimmt. Als letzten Beweis ihrer Liebe verbrennt sie seinen großen Roman über Auschwitz. B.s alter Freund und Kollege, der Lektor Keserű, sucht wie besessen nach diesem Roman, um eine Erklärung für den Selbstmord des Freundes zu finden. Unter dem literarischen Nachlass befindet sich unter anderem das Stück "Liquidation", in dem B.s Freunde als Figuren auftreten und Dialoge sprechen, die sich in der Wirklichkeit wiederholen. "'Liquidation' ist eine Summe seines Werks - und zugleich eine zögernde Abkehr vom düsteren Pessimismus: eine erzählerische Selbstentfesselung, in der Kertész seine Dialektik vom Untergang und Überleben der traumatischen Wirklichkeit in der Literatur spielerischer und befreiter als je zuvor entfaltet. Auschwitz bleibt, ungesagt oder als Trumpfkarte ausgespielt, das beherrschende Thema aller Gespräche, Gedanken und Handlungen. Aber noch nie ist Kertész so souverän und ironisch mit seinem schicksallosen Schicksalsstoff umgegangen. Elemente von Drama und Lyrik, Kriminal- und Liebesroman, Selbstzitate, Zeitsprünge, Überblendungen, Rollen- und Perspektivwechsel machen 'Liquidation' zu seinem komplexesten Roman." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Dossier K.
2006

Der Literaturhistoriker Zoltán Hafner hat in den Jahren 2003 und 2004 ein Interview mit Imre Kertész geführt. Das aufgenommene Material, bei dem es sich um ein Dutzend von Kassetten handelte, schrieb Hafner ab, redigierte es und sandte es dem Autor zu. Kertész hat dann - wie auch im Vorwort zu lesen ist - das Material beiseite gelegt und diesen Dialog in Romanform verfasst. Die endgültige Form hat also Kertész den Fragen und Antworten verliehen, und so entstand als ein neues, eigenständiges Werk, diese "Biografie für zwei Stimmen". Der Autor spricht hier von seiner Kindheit, den Eltern, seinem Leben und den Werken. Er erzählt beispielsweise davon, inwiefern die Geschichte von György Köves - dem Protagonisten aus Roman eines Schicksallosen - im Vernichtungslager nicht seine eigene Geschichte ist und in welchen Maßen sie es doch ist. Und vor allem spricht er davon, wie das eigene Leben mit dem Leben der Romanfiguren im Zusammenhang steht. Die Frage ist nicht einfach: der Zusammenhang versteht sich nicht von selbst, und davon spricht er vielleicht mit der größten Hingebung. Im Vergleich zu den geschriebenen Werken scheint Kertész sein eigenes erlebtes Leben an sich weniger wichtig. Zentrale Frage des Buches ist also inwiefern der "Roman eines Schicksallosen", "Kaddisch" oder "Fiasko" autobiografische Züge aufweisen, die sich abzeichnende Antwort ist eher ausweichend: Der Schriftsteller ist der Ansicht, dass die künstlerische Schöpfung die Erinnerung überlagert. "Imre Kertész' Autobiografie ist so großartig und zu tief berührend, weil sie die Antwort auf diese Frage verweigert. »Ich weiß, dass ich nichts weiß«, in dieser sokratischen Sackgasse enden die Bemühungen, einen autobiografischen Zusammenhang, gar eine Bildungsgeschichte, einen Bildungsroman über das eigene Leben zu konstruieren." Iris Radisch, Die Zeit "Wenn man nicht wüßte, daß Kertész beides geschrieben hat, die Frage und die Antwort, könnte man ihn für einen Zyniker halten. Erst in der Doppelperspektive, die er nun auf sich selbst wirft, offenbart sich die ganze Persönlichkeit dieses Autors, sein immenses Glücksverlangen und seine ebenso starke Glücksabwehr, das verlorene Weltvertrauen, das er, wie er mit einem Seitenblick auf Jean Améry erklärt, nach Auschwitz nicht mehr zurückgewonnen hat." Andreas Kilb, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Europas bedrückendes Vermächtnis
2009

In Imre Kertész’ (1929) Band Europas bedrückendes Vermächtnis finden wir alte und neue Texte. Im ersten Drittel des Buches stehen die heute bereits zu den Klassikern zählenden Schriften, in denen sich der Autor mit der Kultur und der Beschreibbarkeit des Holocaust beschäftigt; diese Texte trugen viel zum authentischen Verstehen sowohl der Kertész-Romane als auch seiner Romantheorie und Sprachphilosophie bei. Das zweite Drittel des Bandes besteht aus verschiedenen, in den letzten 15 Jahren entstandenen Texten: Ausstellungseröffnungen, Laudationes, Erinnerungen, Vorworte, offene Briefe, die in dieser Zusammenstellung wie Eintragungen in ein Arbeitstagebuch wirken. Man erfährt, wer auf Kertész gewirkt hat oder mit wem er sich verwandt fühlt. Nach den Schatten des Holocaust geht es im letzten Teil des Buches um Zukunftsperspektiven. Kertész macht die imposantesten Straßen verschiedener Metropolen und die Bühne der Konzentrationslager zum Sujet ein und desselben kulturtheorethischen Gedankenkreises, als wären die beiden Schauplätze parallel, gleichzeitig Vorbedingungen und Resultate voneinander. Der Leser muss die charakteristische Kertészsche Heiterkeit, die die Schattenseiten so beleuchtet, wie wenn an einem Frühlingstag plötzlich die Sonne herauskommt, um sich trotz, oder gerade wegen, des kalten Wetters zu zeigen, jedoch auch hier nicht missen.

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