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Biographie

1933 (2. April) in Debrecen geboren
1956 Studium der Soziologie, Psychologie und Literatur
1959-1973 Tätigkeit als Soziologe und Sozialarbeiter
1974 Verhaftung wegen des gemeinsamen Essaybandes mit Iván Szelényi, von da an führende Position in der ungarischen oppositionellen Bewegung
1978-1988 Publikationsverbot, in den siebziger Jahren Gastdozent an ausländischen Universitäten
1988-1989 Gründungsmitglied des SZDSZ
1990-1993 Präsident des internationalen P.E.N. Clubs
1991 Gründungsmitglied der Demokratischen Charta
1997-2003 Präsident der Berliner Akademie der Künste

Preise:
1983 Herder-Preis, Wien; 1986 Charles-Veillon-Preis; 1990 Kossuth-Preis, Manès-Sperber-Preis, Wien; 1991 Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Literaturpreis des internationalen P.E.N.-Clubs; 2001 Internationaler Karlspreis, Aachen als „Brückenbauer für Gerechtigkeit und Versöhnung in Europa“

Der Besucher
1969

Konráds erster Roman geht auf die Erfahrungen zurück, die der Autor während seiner mehrjährigen Tätigkeit als Sozialfürsorger gemacht hat. Dennoch handelt es sich nicht um eine Soziographie, sondern um eine fiktive Geschichte. Es wird der Arbeitstag eines Fürsorgebeamten in der Stadt B. und die Welt seiner Klienten beschrieben: Geisteskranke, Neurotiker, Behinderte, Bettler, Alkoholiker, Straftäter, Menschen, die sich auf der untersten sozialen Stufe der Existenz befinden und die in jeder Großstadt zu finden sind. In der erzählten Routine seines Arbeitsalltags offenbart sich seine persönliche Existenzkrise: die Veränderung seiner Persönlichkeit, die sich aus der Beamtenrolle ergibt. "Konráds Beamter, ein vorsichtiger Charakter, wird selten energisch und aktiv. [...] Seine Arbeit, der 'Gegenstand' seines Handelns, ist ihm entfremdet, nimmt Züge der Absurdität an." (Alexa Károly) Einen Höhepunkt erreicht der Roman, wenn der Erzähler über den geistig behinderten kleinen Sohn eines Ehepaars, das Selbstmord begangen hat, reflektiert und sich dabei zu einer nicht theologisch motivierten Nächstenliebe bekennt.

Der Stadtgründer
1977

Der Roman generiert sich aus einem einzigen inneren Monolog eines rationalistisch geprägten, zielorientierten Beamten, der der so genannten Intelligenz neuen Typus angehört, die von der Planung und Gestaltung der Zukunft als Möglichkeit überzeugt ist, soziale Verwerfungen zu heilen. In den Reflexionen des Erzählers zeichnen sich schemenhaft drei Generationen einer Familie ab, deren Mitglieder sich mit unterschiedlichen Idealen an der gestalterischen Planung der Stadt beteiligten. "Sprache und Stil des Romans waren zum Zeitpunkt seines Erscheinens das eigentliche Novum. Der Autor schuf eine außerordentlich dichte, gedrängte, metaphorische Sprache, in der sich Lyrisches, triviale Alltäglichkeit und ökonomisch-soziologische Fachterminologie auf das eigentümlichste verbanden. [...] Die Schlusskonklusion des Werks zeichnet sich [...] eindeutig und in klaren Linien ab und bringt die Desillusionierung und den Ekel der vom teleologischen Gesellschaftsmodell des 'Frühsozialismus' selbst hervorgebrachten und geprägten Intelligenz über diese Gesellschaft und die darin herrschenden Machtverhältnisse zum Ausdruck." (Edit Erdödy, Kindlers Literaturlexikon)

Der Komplize
1983

György Konrád schildert die Konflikte des Romanhelden T. mit den jeweiligen kommunistischen Machthabern nach dem Zweiten Weltkrieg auf sehr suggestive und detaillierte, lebensnahe Weise, so dass man den Eindruck hat, eine Autobiographie zu lesen. Dabei verfährt er nicht streng chronologisch, sondern springt von einer Zeit in die andere, von Schauplatz zu Schauplatz. Die einzelnen Szenen werden durch eine geradezu gargantueske Freude am Leben und am Wagnis zusammengehalten.

Glück
2001

Im März 1945 hatte sich der elfjährige György Konrád in einem Aufsatz mit der Frage "Warum liebe ich meine Heimat?" auseinanderzusetzen. Kurz zuvor hatten er und seine vierzehnjährige Schwester Éva die vom Krieg gezeichnete Stadt Budapest verlassen, nachdem ihre Eltern verschleppt worden waren. Sie waren in das Heimatdorf Berettyóújfalu zurückgekehrt, wo die jüdischen Frauen und Kinder fast ausnahmslos ermordet worden waren. Die Aufsatzfrage war und ist für ihn nicht leicht zu beantworten: "Mein Vaterland, so glaube ich, wollte mich töten." Der 1933 geborene György Konrád ist zur Jahrtausendwende einer Einladung nach Berettyóújfalu gefolgt. Die literarische Geschichte seiner "Wegreise und Heimkehr" beschwört nicht nur die leidvollen Bilder dieser einschneidenden Erlebnisse, sondern auch die Geborgenheit und Wärme des Heimatdorfes. Aber "dieses Glück liegt sehr weit zurück und ist in einem Ring aus Schmerz gefasst." (Ulrich Baron, Die Zeit)

Pendel
2008

"Inga" (Pendel), György Konráds neuer Roman, kann als ein weiterer seiner autobiographischen Romane und gleichzeitig aber auch als ein reflexiver Essayroman betrachtet werden, in dem der Autor nach dem Wesen der Erinnerung und der Erinnerungsbeschreibung fragt. Nach den vorausgegangenen autobiographischen Bänden ("Glück und Sonnenfinsternis auf dem Berg") fällt die wichtigste Zeit von "Inga" nun auf die Wendejahre: "Die strukturierende Mitte dieses Buches ist zeitlich das Jahr 1989, die gewaltfreie Revolution, die Metamorphose hinüber und zurück in die bürgerliche Welt." Aus dieser Perspektive pendelt das sich erinnernde Bewusstsein zwischen dem das unumgängliche Trauma bedeutende Jahr 1944 und dem identitätsspendenden Jahr 1956. Die von dem Autor wohlbekannte "schweifende Erinnerung" führt den Leser von Colorado nach West-Berlin, von Budapest über den am Nordufer des Balatons liegenden Ort Hegymagos in Konráds utopistische, jedoch in diesem Buch stark an Pécs erinnernde Stadt Kandor. Das Pendel schwingt bis in die Gegenwart und trifft auf den heute 75 Jahre alten ungarischen Schriftsteller. Die wahrscheinlich intimste Schicht des Buches ist, wie der Erzähler nach der Bestandsaufnahme, Systematisierung und Interpretation der Erinnerungen im Alter ankommt: "Jeden Morgen überlege ich mir in der Badewanne sitzend die Gründe, den Tag anzufangen und während ich mich abtrockne, finde ich Argumente gegen den Tod; dazu braucht man ein festes Frotteehandtuch." Der Ich-Erzähler von Konráds Roman kennt einerseits fast jeden und alles, wundert sich andererseits immer wieder über die Dinge und Erscheinungen der Welt. "Nebenbei gesagt, bedanke ich mich dafür, unter Menschen und Gegenstände platziert worden zu sein. Es ist mir ein fortwährender Trost, Dinge um mich herum zu haben, alte Leute, Bäume, Mäntel, Hunde, Schreibmaschinen und die Schönheit von Fahrrädern." Und der Leser kann sich seine Gedanken darüber machen, ob das Wissen, die Kenntnis nicht gerade dort beginnt, wo man auf die einfachen, elementaren Dinge aufmerksam wird.

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