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Biographie

1954 (5. Januar) in Gyula (Südostungarn) geboren
1974-77 Jurastudium an der Universität Szeged
1976-83 Hungarologiestudium an der Budapester Universität
ab 1983 freischaffender Schriftsteller
1987-88 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD
1996 Stipendium des Wissenschaftskolleg Berlin

Preise:
1983 Zsigmond-Móricz-Stipendium; 1986 Preis für den Debütband der Kunststiftung, Niveaupreis des Magvető-Verlags; 1987 Attila-József-Preis, Preis des holländischen Kelemen-Mikes-Kreises; 1992 Tibor-Déry-Prämierung; 1997 Sándor-Márai-Preis; 2004 Kossuth-Preis

Satanstango
1985

Der Schauplatz des Romans ist ein heruntergekommenes Dorf in Südostungarn, ein Ort der Trostlosigkeit und des allgemeinen Verfalls, wo die Menschen ein kümmerliches Dasein fristen. Sie versuchen ihr unerträgliches Leben durch Alkohol und sexuelle Ausschweifungen vergessen zu machen, haben aber die Sehnsucht nach Erlösung noch nicht aufgegeben. Als zwei Fremde auftauchen, glauben die Dorfbewohner, mit Hilfe des nun eingetroffenen Messias ihrem elenden Dasein entrinnen zu können. Allerdings handelt es sich um einen Polizeispitzel, der die Dörfler zwar aus ihren elenden Behausungen führt, aber zu dem Preis, mit ihnen ein weit verzweigtes Spionagenetz aufzubauen. Krasznahorkais minutiöse Schilderung der Menschen, Ereignisse und Orte lässt zunächst auf eine traditionelle, lineare Erzählweise schließen, "aber trotz aller Anschaulichkeit der Schilderung weiß man nie genau, was vor sich geht und weshalb, als sollte der Regenvorhang auch die Umrisse des Verstehens verwischen. Man muss den Blick nicht auf, sondern hinter die Bilder richten, um das Infernalische des Tangos zu erfassen, der in der Nacht des Wartens auf den falschen Erlöser in der Kneipe getanzt wird." (Eva Haldimann)

Melancholie des Widerstands
1986

Der noch vor der Wende von 1989 entstandene Roman eröffnet dem Leser mehrere Ebenen der Lektüre: Die vordergründige ist die politische Parabel, die Beschreibung des Machtwechsels in einer totalitären Welt, mit der sich die Menschen weitgehend arrangiert haben. "Mehrere Zeichen deuten von Anfang an darauf hin, dass es um mehr geht als ein politisch-historisches Gleichnis. Die kleine südungarische Stadt wird zum Schauplatz eines ins Groteske verzerrten Endspiels, dessen Vorzeichen - der klirrende Frost, die mit Müll übersäten Straßen, die Ratten, die streunenden Katzen, die umgestürzte Pappel, die stumme Turmuhr, die plötzlich zu schlagen beginnt, die dunklen schweigenden Gestalten auf den Plätzen - noch vor dem Einzug des unheimlichen Zirkuswagens Beklemmung verströmen. Die Attraktion, ein ausgestopfter Riesenwal, verweist auf die Bibel, auf die Prophezeiung des Jonas in einem sündhaften Ninive." (Eva Haldimann, Neue Zürcher Zeitung) Die andere Ebene beschreibt die Veränderungen in der Gedankenwelt zweier Menschen, die das Scheitern der menschlichen Beziehung in einer beziehungslosen Welt bewirken. Da ist György Eszter, einstiger Musikdirektor, der sich von seiner Umwelt zurückgezogen hat und seine frühere Überzeugung, dass es "die harmonische Ordnung, auf die jedes Meisterwerk in seiner scheinbaren Unanfechtbarkeit hinweist, überhaupt gibt", in Frage stellt. János Valuska, der einfältige Dorfnarr und Begleiter Eszters, ist dagegen von der Harmonie des Universums überzeugt. Als er vom zerstörerischen Tun der die Stadt besetzenden Fremden mitgerissen wird und schließlich im Irrenhaus landet, wird der Leser Zeuge des Untergangs von Güte und Geist auf dieser Welt.

Der Gefangene von Urga
1992

Vor dem Hintergrund einer Reise von der Mongolei nach China und zurück verfolgt Krasznahorkai weniger die Absicht, wie im klassischen Reiseroman die real existierenden Landschaften des Fernen Ostens zu durchmessen, als vielmehr die eigenen Grenzbereiche zu erkunden. Während der Erzähler durch die Straßen Bejings (Peking) oder im Tempel umherirrt, schildert er sein Gefühl des Gefangen- und zugleich Ausgeschlossenseins. Es ist auch eine Reise in die babylonische Sprachverwirrung, denn ein und dieselben Orte tragen ganz verschiedene Namen: Zamin Aud, Zhamen Aid, Tzam Ude oder Dzamyn Uud. Diese Ungewissheit stellt sich auch hinsichtlich der verschwimmenden zeitlichen und örtlichen Orientierung ein: "Es entging mir, aber mit meiner Beobachtungsfähigkeit hatte sich überhaupt etwas ereignet; denn kaum hatten wir das Tor von Char Airag verlassen und begannen, uns von ihm zu entfernen, hatte ich immer deutlicher das Gefühl, ich sei unfähig, wesentliche Unterschiede zwischen dem früheren und dem momentanen Anblick, der sich mir durch den Fensterausschnitt bot, zu bemerken." Es scheint, dass der Reisende in einem jenseits des irdischen Lebens liegenden Zwischenreich unterwegs ist. Im Verlauf der Reise zwingt ihn eine Erkrankung, drei Tage als unfreiwilliger "Gefangener" in Urga zu verbringen, drei Tage, die im Nachhinein eine andere Qualität des Daseins auslösen.

Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss
2003

Der Roman wurde von den deutschen Rezensenten anerkennend aufgenommen: Harald Hartung sieht den Text sich bewegen "auf Messers Schneide zwischen dem absolut Phantastischen und dem absolut Realen", Verena Auffermann erkennt in der Geschichte eine Auseinandersetzung mit dem "kopflastigen" Abendland, eine Meditation über die "realitätsversessene" Gesellschaft. Am Anfang der Geschichte verlässt der japanische Reisende und mit ihm der mitreisende Leser die Schnellbahn Kyotos, er durchwandert menschenleere Straßen und eine verwucherte Talschlucht, um schließlich auf die Mauer einer verlassenen Klosteranlage zu stoßen. Der Enkel des Prinzen von Genji, Protagonist des um 1000 verfassten japanischen Nationalepos, besucht den Ort, um darin den schönsten der "hundert schönen Gärten" zu finden. Krasznahorkai entwirft mit der Suche nach dem Paradies und mit der präzisen und fast rituellen Beschreibung des Klosters ein Gegenbild zur westlichen Konsumgesellschaft. "Eine ausgeklügelte Bauweise hat die Natur in Form gebracht, jedes Ding hat seinen Platz und seine wohlgeformte Gestalt eine Bedeutung an sich. Und so eröffnet sich ein feiner, minutiöser Blick auf die Natur, auf Pflanzen, Wind und Vögel, wie auch auf die Architektur, auf Pagoden, Höfe, Terrassen." (Klappentext)

Zerstörung und Leid unter dem Himmel
2004

Wie in den zwei vorangegangenen Romanen wendet sich Krasznahorkai auch hier dem asiatischen Raum, genauer gesagt China zu, um sich über die Konfrontation mit dem Fremden ("Ist die klassische chinesische Kultur im heutigen China anwesend, wenn ja, in welcher Form?") eigenen Fragen widmen zu können. Die Gattung des klassischen Reiseromans erlaubt es nun, unter der Fragestellung verschiedene Orte aufzusuchen und den Dialog mit Menschen zu führen, wobei sich sehr bald herausstellt, dass das Gesuchte unwiederbringlich verschwunden ist. Krasznahorkai ist auf der Suche nach einer Form der Weltbetrachtung, die "das Metaphysische nicht vom Realen scheidet, darin nicht zwei unterschiedliche Daseinsweisen sieht, sondern das Eine im Anderen versteht." Im Laufe der Gespräche, die das Gerüst der Geschichte bilden, stellt der Erzähler zwar Fragen, um dann verbittert oder traurig zur Kenntnis zu nehmen, was er schon vorher geahnt hatte: Was er sucht, existiert nicht mehr. Im Gespräch mit Wu Xianueng trifft der desillusionierte Schriftsteller auf seinen Meister, denn Wu spricht nicht über die chinesische Kultur, sondern artikuliert sich im chinesischen Geist. Er referiert nicht über die Traditionen und das kulturelle Erbe, sondern konfrontiert sich vor diesem Erbe mit sich selbst. Auf die von Krasznahorkai angesprochenen Probleme des Autors und der Krise der europäischen Künstler gibt Wu eine für den abendländisch geprägten Leser eine eher kryptische Entgegnung: "Die Bedeutung des leeren Raumes ist für jemanden, der aus dem Westen kommt, nur schwer zu verstehen. Ihr Begriff von etwas unterscheidet sich grundlegend von dem, was wir darunter verstehen. Und bei Ihnen hat die Leere infolgedessen auch nicht die ausgesprochen reiche Bedeutung wie bei uns. Sie existiert nicht und kann deshalb auch mit nichts verglichen werden. Es gibt in Ihnen keinen Ort, um zu verstehen, was leer bedeutet. Und das Wesen der chinesischen Kunst ist diese Leere."

Seiobo war auf Erden
2008

László Krasznahorkais Sätze zu lesen, ist wie Reisen. Es ist ebenso spannend und manchmal ebenso erschöpfend. In seinem neuen Erzählband, Seiobo war unten, dominiert Ersteres, selbst dann, wenn manche der Weltsätze beachtliche Entfernungen zurücklegen. Bei diesem Autor gibt es eine enge Verbindung zwischen Geschichte und Satz. Die Geschichte entspringt einem einzigen Satz und die Sätze versuchen, in ihrer mehrschichtigen Schönheit und ihrem Idealismus das gesamte Universum abzubilden. Die Texte dieses Buches kreisen um die Existenz von kulturellen Überlieferungen und um Sinn und Möglichkeiten von Kultur und Tradition. Die seltsamen Protagonisten dieser Geschichten, die selbst irgendwie von außen, von den grauen Straßen und aus dem Alltag in die Aura dieser ästhetisierten Welt kommen, finden sich oft in der Freiheit verheißenden Gefangenschaft eines Labyrinths, eines Großstadtgewimmels, eines atemberaubenden Museumssaals oder eines unfassbaren Kunstwerks. Die Kunstwerke werden in ihrer Einzigartigkeit zu Universalien und Spiegeln. Eine japanische Buddha-Statue, eine geweihte orthodoxe Ikone, ein undurchdringlich schön gefertigtes Renaissancebild, eine sonnenüberflutete Allee in Barcelona, eine in einer unbegreiflichen Geometrie erbaute arabische Festung, ein einsamer japanische Noh-Schauspieler und ein Meister des Noh-Masken-Herstellens, in dessen Hand aus der toten Materie in einem einzigen Satz das zum Leben erwachte Gesicht entsteht – dies sind nur einige der Gestalten und Erscheinungen dieser Welt. Krasznahorkais Unterfangen ist im Falle seines neuen Buches dasselbe wie stets zuvor: das Erschaffen eines perfekten epischen Universums, das sich dem Leser durch den perfekten Satz eröffnet.

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