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Biographie

1951 (26. April) in Budapest geboren
1975-1981 Studium der Geschichte und Bibliothekswissenschaften an der Budapester Universität
1981-1985 Mitherausgeber der Zeitschrift Jelenlét (Präsenz) sowie des literarischen Universitätsblattes; als Korrespondent und Redakteur bei verschiedenen Literatur- und Kulturzeitschriften und Verlagen tätig
1989 hauptverantwortlicher Redakteur der Literaturzeitschrift A ’84-es kijárat (Ausgang ’84)
1990-1992 Mitarbeiter der ungarischen Ausgabe von Lettre Internationale
1991-1994 Kulturredakteur der Zeitung Magyar Narancs (Ungarische Orange)
1992 leitet Seminare für kreatives Schreiben am Lehrstuhl für Intermedialität der Hochschule für Bildende Künste
2000 Vorsitzender der Schriftstellervereinigung

Wichtige Preise:
1985 Preis für den Debütband der Kunststiftung; 1991 Prämierung „Buch des Jahres“; 1992 Vilenica-Preis; 1993 Attila-József-Preis; 1994 Sándor-Weöres-Preis; 1995 Tibor-Déry-Preis; 1995 Mikes-Kelemen-Preis, Holland; 1995 DAAD-Stipendium, Berlin; 1997 Wiepersdorf-Stipendium; 1998 Alföld-Preis; 1999 Stipendium der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart; 2002 Villa Waldberta, München-Feldafing; 2003 Sándor-Márai-Preis, Budapest; 2005 Csernus-Preis

Ein Kräutergarten
1993

Der Gedichtband stellt rund hundert Texte vor, die schon in früheren Bänden erschienen, hier aber nicht chronologisch, sondern neu geordnet präsentiert sind. "Kukorellys Gedichte vermitteln bisweilen den Eindruck, als würde jemand ständig und hartnäckig seine Wunden aufkratzen. Der Mensch schützt sich instinktiv vor Verletzungen; und doch scheint es, als würde ihn ein Drang dennoch dazu veranlassen, sich immer wieder neuen Schmerzen auszusetzen. Hinter der Ironie ist unschwer die Erschrockenheit zu erkennen: Kukorelly nimmt die Dinge nicht nur erstaunt zur Kenntnis, er erschrickt auch vor ihnen. Nicht, weil sie auf dramatische Weise schrecklich, spektakulär oder entsetzlich wären - im Gegenteil: weil sie scheinbar neutral, alltäglich sind und sich unbemerkt einschmeicheln. Der wirkliche Schrecken zeigt sich in diesen Gedichten durch die haarfeinen Spalten, die der Dichter nichtsahnend aufzubrechen beginnt. [...] [Diese Dichtungen] sind keine Prophezeiungen (für das Volk, die Nation, irgendeine Gemeinschaft), sondern Situationsübungen für den einsamen Leser. Man kann sie schmecken wie die Extrakte aus Heilkräutern. Sie helfen nicht uns, sondern ausschließlich mir, dir, ihm und ihr." (László F. Földényi, Neue Literatur)

H.Ö.L.D.E.R.L.I.N.
1998

Der Gedichtband nutzt die neun Buchstaben des Dichternamens, um strukturierende Möglichkeiten auszuloten: die neun Zyklen gliedern sich wiederum in jeweils neun Texte entsprechend den neun Buchstaben, und treibt dabei ein magisch-ironisches Spiel der Imitation und Variation. "Nicht hinein-, sondern redlich von vorn nach hinten lesen, so sollte man es auch bei einem Gedichtband machen. Erquickende und heilbringende Getränke, das ist die heilige Poesis." (Endre Kukorelly)

FeenTal oder Die Rätsel des menschlichen Herzens
2003

Das Ich konstituiert sich im Text durch die einander ausschließenden Gegensätze der ästhetischen und ethischen Lebensführung sowie der eines Dichters und einer bürgerlichen Existenz. Es wird über den Alltag einer Pester katholischen Familie, die Wiedergabe der Ereignisse aus einer besonderen Perspektive, die Kindheit im VI. Bezirk, das Fußballspielen, über den Wehrdienst berichtet. Die Ereignisse aus der Vergangenheit formieren aber keine kontinuierliche Geschichte, eher ein fragmentarisches, mit Verweisen und Gasttexten arbeitendes und voller Widersprüche steckendes Textgebilde, das dabei unterhaltsam, spannend, humorvoll und traurig ist. "Freilich bin ich. Das Ich ist. Es steht auf, setzt sich hin, legt sich nieder, wähnt dies und das zu wissen. Aus der Wirklichkeit zu schwinden. Es kann mich schon überraschen, da spüre ich immer extra ein ordentlich wildes, wahrhaftiges Ich. Ich kann in den Spiegel schauen, so lange auch immer, ohne weiteres, weil dort dasselbe auch erscheint, da ist es an mir zu sehen, weil es mir zusagt, da ist die Wirkung zu sehen, und das reicht mir. Ich habe meinen Vater oft genug gesehen." (Endre Kukorelly)

Tausend und 3 oder das verborgene Herz der Frauen
2009

Endre Kukorelly setzt nach seinem vorhergehenden erfolgreichen Roman (Das Tal der Feen oder die Geheimnisse des menschlichen Herzens, 2003) seine subjektive und abstrakte Autobiographie und Erinnerungsschrift in einem neuen Register fort. Von einer Fortsetzung zu sprechen ist auch dadurch begründet, dass den Geheimnissen des Herzens hier ebenfalls eine besondere Bedeutung zuteil wird. Während in dem vorherigen Buch die Geheimnisse des menschlichen (gewissermaßen männlichen) Herzens und das Familienglück erforscht wurden, widmet sich Kukuorelly nun betont den Herzen der Frauen (also den verborgenen) und den Symptomen der Unglücklichkeit. Für diese Analyse hat der Autor eine radikal sterile Methode gewählt. In diesem nach dem Muster des Mythos um und der Kommunikationssituation in Don Giovanni geschriebenen Buch steht die Sexualität nicht mit Sinnlichkeit in Zusammenhang, sondern mit Intellekt und eiskalter Reflexivität. Tausend und 3 ist ein verstörend kühles Buch, wodurch es im Widerspruch zu dem Don Giovanni-Bild steht, das wir mit Mozart und Kierkegaard verbinden. Es ist unerotisch. Eine reine Prosa, in der es keinen Platz für eine Melodie gibt, oder vielmehr, in der die Melodie atonal ist. Der zurückblickende Erzähler zerkrümelt sein Sexualleben mit einer bitteren, trockenen, bissigen Ironie. Der sexuelle Akt ist eine motorisch-mechanische Reihe von Bewegungen, die Partner sind Gegenstände ohne Namen, vom, in seiner Lust unglücklichen, Erzähler mit Nummern versehen. Ein großes Verdienst des Buchs ist, dass sich die Wiederholungen, ähnlichen Situationen, rückkehrenden Überlegungen in der lockeren Romanstruktur (zumindest meist) nicht im Weg stehen. Die Maßeinheit der Kukorelly-Prosa ist auch hier der anschaulich gegliederte, reflektiert strukturierte Absatz. Innerhalb dessen spielt der Autor häufig damit, bestimmte Wörter fett zu markieren. Innerhalb des Romans bilden die uminterpretierten Gasttexte, in denen der Erzähler vor allem Anna Karenina auf seine eigene Lebenslage projiziert, eine für sich stehende Essaykette. Diese Erinnerungen, Reflexionen sortierende Prosa setzt sich aus vielen Teilen zusammen. Und deutet so auf den Mangel eines Ganzen hin.

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