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Biographie

1896 (4. August) in Marcali geboren
1914-1916 Jurastudium in Budapest und Bratislava, hörte Vorlesungen über Kunstgeschichte an der philosophischen Fakultät in Budapest, Studium nicht beendet
1916 Mitarbeiter bei der von Lajos Kassák herausgegebenen avantgardistischen Zeitschrift A Tett (Die Tat)
1917 erste Gedichte in die ungarische Avantgarde-Anthologie (Ma. Új költők, Heute. Neue Dichter) aufgenommen
1918 löste sich aus dem Kassák-Kreis, wurde Kommunist und beteiligte sich an der Herausgabe der Zeitung Vörös Újság (Rote Zeitung)
1919-1927 Emigration nach Wien, Hörer an der dortigen Universität
1922-1924 Phase der so genannten „Gottessuche“, Trennung von der kommunistischen Bewegung
1927-1930 Aufenthalt in Berlin
1930 nach Moskau, wo er als Filmdramaturg und redaktioneller Mitarbeiter der Zeitschrift der kommunistischen ungarischen Emigranten Sarló és kalapács (Sichel und Hammer) arbeitete
1938-1949 Verhaftung aufgrund falscher Beschuldigungen, verbrachte acht Jahre in so genannten Besserungslagern, Verbannung nach Sibirien
1955 Rückkehr nach Ungarn, Herausgabe eines Teils seiner alten Werke
1960 Reise nach China
1975 (14. Juli) in Budapest gestorben

Wichtige Preise:
1957 Attila-József-Preis, 1958 SZOT-Preis, 1963 Kossuth-Preis

Aus den Notizbüchern von József Lengyel
1955–1975

Die 34 handgeschriebenen Notizbücher geben Aufschluss über das Leben und die Gedankenwelt des aus der stalinistischen Verbannung heimgekehrten Autors. Wie stark die Erlebnisse im Gulag sein gesamtes Leben prägten, macht die Tagebuchaufzeichnung von Ende 1969 deutlich: "Nehme ich keine Schlaftabletten [...] ein, träume ich jede Nacht, dass ich verhaftet werde oder, wie heute Nacht, dass ich im Lager bin. Das ist ein Novum! Irgendwo in der Verbannung war ich, und ich beschloss, hier bleibe ich. Es lohnt nicht, sich von hier wegzusehnen [...], an einen besseren Ort komme ich sowieso nicht." Trotz der schmerzlichen Lagererlebnisse blieb József Lengyel bis zu seinem Tod ein überzeugter Kommunist. In seinem Tagebuch vermerkt er: "Für mich ist der Kommunismus keine Glaubensfrage, also wenn ich von etwas enttäuscht bin, dann glaube ich nicht. Kommunismus ist für mich keine Existenzfrage [...]. Bin ich kein Kommunist, so hat mein Sein aufgehört. Und wenn also etwas schlecht war, so war dies kein Irrtum des Kommunismus, sondern ein Nonkommunismus. Und davon distanziere ich mich, indem ich gegen ihn wie gegen einen Feind kämpfe." Mit dem Philosophen Georg Lukács gab es einen das ganze Leben währenden Konflikt, denn der hatte mit seinem Ausspruch, der schlechteste Sozialismus sei immer noch besser als der beste Kapitalismus, bei Lengyel völliges Unverständnis hervorgerufen: "[...], was unbewiesen voraussetzt, dass selbst der schlechteste Sozialismus noch als Sozialismus zu bezeichnen wäre [...]."

Der Hexer
1962

Lengyels Name wurde über Ungarn hinaus durch den Erzählzyklus "Kicsi, mérges öregúr" (Ein zorniger kleiner alter Herr) bekannt, in dem sich seine Erlebnisse aus der Zeit in den stalinistischen Straflagern spiegeln. Held der Titelgeschichte ist ein Professor, der mehrere Generationen von Intellektuellen ausgebildet, sich aber für die Politik nie interessiert hat. Wegen einer harmlosen Bemerkung wird er verhaftet und in eine mit Untersuchungsgefangenen überfüllte Zelle gesperrt. Auch hier ist er ein Außenseiter: Er weiß nichts über das Geschehene und hat die naive Überzeugung, dass sich der "Irrtum" aufklären werde. Obwohl er sich von seinen Mithäftlingen unterscheidet, stibitzt der Professor während der qualvollen Verhöre für seine Gefährten Zigaretten. Da er nicht bereit ist, ein Geständnis abzulegen, geht er zugrunde. In der Geschichte "Igéző" geht es um die genaue Schilderung einer Dorfgemeinschaft in Sibirien, wo der Autor mehrere Jahre in der Verbannung verbringen musste. Da existiert eine doppelte Hierarchie, zum einen die, die auf menschlichen Werten basiert und zum anderen die rein bürokratische Autorität, die vom Waldhüter sowohl gegenüber den ihm unterstellten Menschen wie auch gegenüber seinem Hund praktiziert wird. András, ein menschenscheuer Fremder, stößt mit dem Waldhüter zusammen, als er dessen Hund Najda, den er durch Zuwendung für sich gewinnen konnte, vor der brutalen Behandlung seines Herrn schützen will. Letztendlich kann er aber Najda nicht vor der Rache des Waldhüters bewahren. Lengyels Erzählungen sind ein Beitrag zu der so genannten "Lagerliteratur" die als Reaktion auf die stalinistischen Konzentrationslager in der Zeit des nachstalinistischen "Tauwetters" entstand.

Gegenüberstellung. Ein politischer Roman
1988

Der dokumentarisch angelegte Roman gilt als gelungenste Auseinandersetzung mit dem Stalinismus in Ungarn. Nach elfjährigem Zwangsaufenthalt in einem sibirischen Gulag trifft Ende der 40er Jahre der Altkommunist Endre Lassú, Lengyels Alter ego, in der Moskauer Botschaft den ehemaligen Kampfgefährten István Banicza, der selbst mehrere Jahre im KZ Mauthausen zugebracht hat und nun in seiner privilegierten Stellung als Parteikarrierist die Vergangenheit verrät. In dem Gespräch zwischen Lassú und Banicza, das den ganzen Roman durchzieht, rechnet der Autor schonungslos mit totalitären Herrschaftsformen und dem real existierenden Sozialismus ab. Neben Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis", Béla Szász' "Freiwillige für den Galgen" und György Konráds "Der Komplize" gilt József Lengyels dokumentarischer Roman "Gegenüberstellung" als gelungenste ungarische Aufarbeitung des Stalinismus. Das Buch, das als Manuskript bereits Mitte der sechziger Jahre vorlag, durfte nach englischen und französischen Ausgaben schließlich 1988 auch in Ungarn erscheinen und erzielte einen großen Erfolg.

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