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Sándor MÁRAI
( 1900 - 1989 )

» Sindbad geht heim ( 1940 )
» Ein Hund mit Charakter (1932 )
» Bekenntnisse eines Bürgers (1934-35 )
» Land, Land! 1944-45 (1944-48/ 1972 )

Biographie

1900 (11. April) in Kassa (heute Ko¹ice, Slowakei) geboren
1918 Journalist bei der Zeitung Budapesti Napló (Budapester Tageblatt)
1919 Aufenthalt in Berlin, Leipzig und in Frankfurt a. M., wo er u.a. auch die Universitäten besuchte
1920 journalistische Arbeiten für die Frankfurter Zeitung
1923-1928 Aufenthalt in Paris, dann Rückkehr nach Budapest
1924 Erscheinen seines ersten Romans "A mészáros" (Der Schlächter)
1930-1939 seine produktivste Zeit, es erschienen insgesamt 16 Bücher von ihm
1945 Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften
1948 verließ Ungarn aus politischen Gründen
1952 nach Aufenthalt in der Schweiz und Italien Übersiedlung nach New York, wo er die amerikanische Staatsbürgerschaft bekam
1956 anlässlich des Volksaufstands Rückreise nach Europa, aber nur noch Treffen mit den Flüchtlingen in München
1952-1967 Mitarbeiter beim Sender Radio Freies Europa
1968-1979 Aufenthalt in Salerno/Italien
1979 endgültige Übersiedlung in die USA, nach San Diego/Kalifornien
1989 (21. Februar) in San Diego gestorben
1989 posthume Verleihung des Kossuth-Preises

Sindbad geht heim
1940

Der ungarische Schriftsteller Gyula Krúdy (1878-1933) ist Márais großes Vorbild, denn mit seiner Person verbindet der Autor eine bestimmte Lebenshaltung, die Geste des wirklichen Schriftstellers: "Zu den Zeitgenossen werde ich gnadenlos sein, denn dieser Tod zwingt mich zur weitestgehenden Offenheit: Ich kenne nämlich niemanden unter seinen Zeitgenossen, keinen Schriftsteller in der ungarischen Literatur der vergangenen 30 Jahre, der schriftstellerisch so ungebrochen, so unbeirrbar und fehlerfrei gearbeitet hätte, wie Gyula Krúdy. Müde wurde er nie; er arbeitete mit unerbittlicher, gnadenloser Vehemenz, in jeder seiner Schriften ist jedes Wort an seinem Platz, delikat, vollkommen, ausdrucksvoll, unveränderbar." Der Roman "Sindbad geht heim" ist eine Hommage an Gyula Krúdy.

Ein Hund mit Charakter
1932

Der Roman Csutora ist kein Hunderoman im eigentlichen Sinne, denn Márai ging es nicht darum, "über die Idylle von Hund und Mensch zu referieren", wie er es in seinem einleitenden Vorwort "Cave canem!" voranstellt. "Aber wenn er sein Augenmerk ganz besonders auf den Hund richtet, erfährt er vielleicht auch etwas über den Menschen." Dieser Roman trägt denn auch autobiographische Züge, denn der Autor hatte selbst einen Hund namens Csutora besessen. Es ist eben nicht nur die Geschichte dieses Hundes, sondern die seines eigenen Lebens in den dreißiger Jahren. Magnus Schlette wertet in seiner Rezension die Geschichte von Csutora schon als Fingerzeig für das Verschwinden der bürgerlichen Idylle in Ungarn, als der Erzähler in einer stillen Minute am Weihnachtsabend sein bürgerliches Leben resümiert: "Manchmal hat er den Eindruck, man zeige ihm all das als kulturgeschichtliche Kuriosität dreißig oder vierzig Jahre später im Film. Das eigensinnige Fortbestehen dieser Lebensart kommt ihm vor, als beobachte er das Weiterwachsen von Haaren und Fingernägeln an einem herausgeputzten Leichnam. Und weil ihm der Glaube an die kalendergerecht eintreffende Revolution fehlt, macht er sich eher darauf gefasst, dass eines Tages bei einer unbedachten Berührung dies alles zu Staub zerfällt, weil doch der Lebensinhalt solcher Formen bereits völlig vertrocknet ist, der Irrglaube einer Kultur sich in Luft aufgelöst hat und das Übriggebliebene nichts anderes ist als ein naives Tabu und lächerlicher Fetisch."

Bekenntnisse eines Bürgers
1934-35

In seinem autobiographischen Bericht schildert der Autor seine Kindheit, frühe Jugend und seinen Bildungsweg und zeichnet mit einem großen psychologischen Einfühlungsvermögen seine Familienmitglieder und die Gesellschaft der Stadt Kassa (Ko¹ice, Slowakei). Márai verfügt über eine scharfe, hinterfragende Beobachtungsgabe, betrachtet die Umgebung häufig unbeteiligt kühl, zugleich aber präzise und um Objektivität bemüht. Die bewusst distanzierte Erzählweise setzt sich fort in einer Sprache, der jegliche Spontaneität abgeht, und in einem durch unauffällige Eleganz bestechenden Stil, der nüchtern vorausberechnet scheint. Ihm gelingt es, das kraftvolle Porträt einer Welt zu schaffen, mit der er ein zutiefst ambivalentes Verhältnis unterhält: Schon als Jugendlicher hat er sich gegen sie aufgelehnt, dennoch wird sie aber immer die seine bleiben: "Als 'Bürger' betrachtete er sich zeit seines Lebens, der er dem bescheidenen Mittelstand jener Region entstammte. Seine 'Bürgerlichkeit' war, wie es nicht anders sein kann, vielfältig gebrochen. Er glaubte als junger Mensch, wie Tonio Kröger, zwischen dem 'Leben' und der herrisch die Askese fordernden 'Kunst' wählen zu müssen (obschon er, von einer witternden und tastenden Neugier getrieben, hernach den Lockungen der Gewöhnlichkeit und der schillernden Buntheit einer ungeordnet vitalen und mitunter nur ordinären Menschlichkeit selten auswich.)" (Klaus Harpprecht, Die Zeit) Und von sich selbst behauptete Márai: "In Anschauung, Lebensweise und psychischem Verhalten bin ich ein Bürger, aber ich fühle mich überall schneller heimisch als unter Bürgern; ich lebe in einer Anarchie, die ich als amoralisch empfinde, und diesen Umstand ertrage ich schwer."

Land, Land! 1944-45
1944-48/ 1972

Die Erinnerungen "Föld, föld!" sind als Fortsetzung seiner Kindheits- und Jugenderlebnisse zu betrachten, sie umfassen die Zeit zwischen dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn 1944 bis zu seiner Emigration 1948. Die Belagerung von Budapest verfolgte er aus seinem Sommerhaus in Leányfalu, einem Dorf nördlich der Hauptstadt. Nach der "Befreiung" sah er sich völlig neuen Lebensumständen gegenüber, das Haus, in dem sich seine Wohnung befand, war vollständig zerbombt, seine gesamte Bibliothek zerstört: "Ich brachte einige beschädigte, wackelige Möbelstücke in eine Notwohnung und zog samt Familie ein. Wir wohnten drei Jahre lang - vom März 1945 bis zum August 1948 - in dieser Wohnung, in großer Stille, aber nicht gerade unzufrieden." 1945 wurde er sofort wieder literarisch tätig, bis 1948 konnten acht Bücher erscheinen. 1948 wurde er von Georg Lukács in dessen Buch "Für eine neue ungarische Kultur" heftig kritisiert. Márai sah keine Möglichkeit mehr, seine schriftstellerische Arbeit in Ungarn fortzusetzen. In seinen Aufzeichnungen heißt es: "Lautlos rollte der Zug an. Augenblicke später lag die Brücke hinter uns, wir fuhren durch die gestirnte Nacht einer Welt entgegen, wo uns niemand erwartete. In diesem Augenblick empfand ich - zum ersten Mal im Leben - Furcht. Ich begriff, dass wir frei waren. Ich begann mich zu fürchten." Von da an existiert Márai für die ungarische Literaturrezeption nicht mehr.

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