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Miklós MÉSZÖLY
( 1921 - 2001 )

» Saulus (1968)
» Rückblenden (1976)
» Es war einmal ein Mitteleuropa (1989)

Biographie

1921 (19. Januar) in Szekszárd (Südungarn) geboren
1938-1942 Jurastudium an der Péter-Pázmány-Universität Budapest
1943 Dienst als Frontsoldat, Flucht und Gefangenschaft
1945 nach seiner Rückkehr Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeiten in unterschiedlichsten Berufen in der südungarischen Provinz
1947-1948 Zeitungsredakteur in Szekszárd
1949 Heirat mit der Psychologin und Schriftstellerin Alaine Polcz
1951-1952 Dramaturg am Budapester Puppentheater
seit 1956 freischaffender Schriftsteller
1968 zusammen mit anderen Literaten Protest gegen den Einmarsch in die Tschechoslowakei
1974-1975 erster ungarischer Schriftstellergast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD
ab 1989 ständiger Mitarbeiter bei der Zeitung Magyar Napló (Ungarisches Tageblatt)
1990 Mitglied des Präsidiums des Ungarischen Schriftstellerverbands
1992 Präsident der von ihm gegründeten Literatur- und Kunstakademie Széchenyi
1993 Sprecher der Demokratischen Charta und der Liga der Gegner der Wehrpflicht
1996 Ehrenbürger von Budapest
2001 (22. Juli) in Budapest gestorben

Wichtige Preise:
1986 Tibor-Déry-Preis; 1988 Preis für ungarische Kunst, Örley-Preis; 1988, 1989, 1991 Preis für das Buch des Jahres; 1990 Kossuth-Preis, Kortárs-Preis, József-Fitz-Preis; 1992 Preis der Stiftung Offene Gesellschaft; 1992 Preis für das Lebenswerk, Soros-Stiftung; 1995 Preis der Soros-Stiftung; 1996 Mittelkreuz des Verdienstordens der Republik Ungarn mit Stern; 2000 Buchpreis des Jelenkor-Verlags

Saulus
1968

Der Held des Romans ist Saulus, den die Bibel als den späteren Apostel Paulus kennt. Über dessen Person und Leben vor der berühmten Bekehrung ist nur wenig bekannt. Vier Jahre nach dem Tod Christi hat Saulus, Spitzel und Verfolger im Dienst der Tempelbehörde, den Auftrag, nach Gesetzesbrechern zu fahnden. Wegen seines Eifers ist er beim Großen Rat sehr geschätzt. Als er zusammen mit vier bewaffneten Begleitern auf der Suche nach zwei Aufrührern in der Wüste unterwegs ist, hat er ungeheure Strapazen durchzustehen. Nach acht Tagen vergeblicher Suche kehrt er zurück. Nun beschäftigen ihn zunehmend merkwürdige Ereignisse, Eindrücke von menschlichem Leid, Verlassenheit und physischem Elend. Im Verlauf der seelischen Krise vollzieht Saulus einen innerlichen Wandel, wendet sich der Reinheit der Liebe zu, d. h., er stellt sich auf die Seite der ehemals auch von ihm Verfolgten, und entschließt sich schließlich, nach Damaskus zu reisen. "Saulus ist ein realistischer, historisch-psychologischer Roman und zugleich eine Parabel auf die Gegenwart. Das dramatische Geschehen, die Entwicklung vollzieht sich als mehr oder weniger bewusster Kampf in der Psyche des Helden. [...] Mészöly macht die dramatische Wende in gegenständlichen Bildern und durch die Erzeugung einer magischen Atmosphäre greifbar und sinnfällig. Die seelische Krise des Saulus, sein unruhiges Suchen verleihen einer Darstellungsweise Authentizität, in der die Details vergrößert werden, die visuellen Elemente sehr starkes Gewicht erhalten." (Miklós Fogarassy, Kindlers Literaturlexikon)

Rückblenden
1976

Die Handlung des Romans fasst Mészöly selbst folgendermaßen kurz zusammen: "der Gang der beiden Alten vom Moskauplatz bis zum Ende der Csabastraße zu ihrer Wohnung. Und was sich aus Welt und Geschichte durch sie ihnen zugesellen will. Sie schlurfen zeitlos lange (fast eine Stunde) bis nach Hause - um bald darauf zu sterben." Die imaginären "Dreharbeiten" versuchen, die Sprachlosigkeit der Menschen, ihre Vergänglichkeit und den nicht aufzuhaltenden Alterungsprozess in naturalistischen Bildern einzufangen. Die Kamera bleibt dabei distanziert und sachlich, es werden ständig filmtechnische Bemerkungen eines "Erzählers" eingestreut, so wird die Illusion erzeugt, der Autor könne objektive Betrachtungen anbieten. "Aber er sieht Sätze. Besser gesagt, er sieht den Film anhand von Sätzen, das heißt aber auch, dass Mészöly die Eindringlichkeit oder die Suggestivkraft der filmischen Literatur der sprachlichen zurückgibt." (Zsuzsanna Gahse) Über eingeschobene Rückblenden wird als zweite Handlungsebene ein Mordfall aus dem Jahre 1912 eingebaut. Der Bauer Péter Silió gerät in Budapest in eine Demonstration, verliert dabei seine Wagenladung Tomaten, wird verletzt und flieht in die Budaer Weinberge, wo er Zeuge einer Vergewaltigung wird und unter dem Eindruck der schrecklichen Erlebnisse den Besitzer des Weingartens erschlägt. Auch im Prozess können die Motive Siliós nicht geklärt werden, am Ende wird er gehängt. Die Andeutungen des Erzählers lassen aber eine Verbindung zwischen Silió und dem alten Mann erkennen. "Mit Sicherheit ist das die intimste Geschichte Mészölys, da sie sich durch die Kamera, die sich in der Geschichte umsieht, und durch die Erzählweise in der ersten Person Mehrzahl in eine kollektive Vision verwandelt. Wenn die Geschichte zu Ende ist, sind bereits alle tot. Ausschnitte haben sich übereinander gehäuft, Gegenstände und Landschaften haben ihre Geschichte erzählt, die alle auch die Geschichte der zwei Alten sind." (Péter Nádas)

Es war einmal ein Mitteleuropa
1989

Die 630 Seiten umfassende Sammlung gibt mit den zwischen 1954 und 1986 entstandenen Novellen, Kurzromanen und Essays einen Querschnitt des Lebenswerks, wobei die bewusste Komposition des Bandes auf die postmoderne Verfahrensweise Mészölys verweist. "Mészölys Prosa war in den siebziger und achtziger Jahren ein zentraler Faktor der sich erneuernden ungarischen Erzählliteratur. Die jüngere Generation jener Zeit erhielt von der Kunst von Péter Nádas, P. Esterházy, G. Ottlik und Mészöly bedeutende Impulse. Aus der postmodernen Generation stehen L. Parti Nagy und L. Darvasi mit seinem Werk in kreativer Beziehung. Eine Strömung der ungarischen kritischen Reflexion betrachtet das Werk Mészölys als Abschluss der Moderne, während die andere es als ein die alternative Erzähltheorie der Gegenwart erheblich beeinflussendes Opus wertet. Die ontologische Resignation, der philosophische Charakter der Erzählungen und Essays sowie die reflexive Haltung liefern für beide Auffassungen bescheidene Gegenargumente." (Beáta Thomka)

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