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Lajos NAGY
( 1883 - 1954 )

» Kiskunhalom (1934)
» Kellertagebuch (1945)

Biographie

1883 (5. Februar) in Tabánitelek b. Apostag (Ostungarn) als uneheliches Kind einer Magd geboren; bei den Großeltern auf einem Gehöft in der Puszta aufgewachsen
1889 kommt zur Mutter nach Budapest
1889-1901 absolviert Volksschule und Gymnasium
1901-1906 Studium der Rechtswissenschaft an der Universität in Budapest; daneben als Kanzleigehilfe und Hauslehrer tätig
1907 erste Veröffentlichungen in sozialdemokratischen Blättern
1912 gibt juristische Tätigkeit auf, lebt als freier Schriftsteller
1922-29 Mitarbeiter der bedeutenden Literaturzeitschrift Nyugat (Westen); Redakteur bei verschiedenen linken Zeitschriften
1934 Teilnahme am sowjetischen Schriftstellerkongreß in Moskau
1941 übernimmt eine kleinen Buchhandlung in Budapest
1944 lebt nach der deutschen Besetzung Budapests mit seiner jüdischen Frau im Untergrund
1950-53 mit Publikationsverbot belegt
1954 (28. Oktober) in Budapest gestorben

Wichtige Preise:
1932, 1935, 1938 Baumgarten-Preis; 1948 Kossuth-Preis

Kiskunhalom
1934

In dem Werk wird der Ablauf eines einzigen Tages, des 17. August 1934, in dem Dorf Kiskunhalom in der ungarischen Tiefebene geschildert. Mit der Akribie eines Wissenschaftlers und der Sensibilität des Künstlers verzeichnet Nagy die Vorfälle des Alltags, er belauscht Gespräche der Dorfbewohner, schildert den Badeausflug der gräflichen Familie, notiert Bemerkungen einer Magd, besucht eine alte Witwe auf dem Sterbebett, stellt eine genaue Liste der Waren zusammen, die man im Dorf käuflich erwerben kann. Seine Sprache ist sachlich, distanziert, fast kommentarlos berichtend. Als Organisationsprinzip dient ihm die Zeit. Die Kapitel tragen Überschriften wie: "Die Kirchenglocken läuten um sieben"; "Frau Kis ist auf den Markt gegangen"; "Der Postbote macht mit seinem Fahrrad die Runde". So verfolgt er das Geschehen im Dorf von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und zeichnet dabei zugleich einen Querschnitt der dörflichen Gesellschaft. Mit diesem Werk wurde Nagy zum Begründer der literarischen Soziographie in Ungarn. Die neuartige Gattung wurde in den folgenden Jahrzehnten von den Vertretern der Dorfliteratur weiterentwickelt und ist bis heute in der ungarischen Literatur produktiv und lebendig. In seinem zwei Jahre später erschienenen Werk "Budapesti nagykávéház" (Grand Café Budapest) greift Nagy noch einmal zu ähnlichen dokumentarischen Mittel, um ein Bild der Stadt und des bürgerlichen Leben zu zeichnen.

Kellertagebuch
1945

"Pincenapló" (Kellertagebuch) ist ein authentisches Zeitdokument, in dem Nagy die Ereignisse der letzten drei Kriegswochen im Januar 1945 festhält, die er zusammen mit seiner jüdischen Frau im Luftschutzkeller eines Budapester Mietshauses zubrachte. In knapper und sachlicher Form schildert er die nächtlichen Bombardements, die bis zum Schluss andauernden Razzien der ungarischen Pfeilkreuzer, die in den Kellern nach untergetauchten Juden suchten, und das Näherrücken der Straßengefechte zwischen deutschen und russischen Soldaten. Nagy beschreibt den Kelleralltag, die Enge und Dunkelheit, die immer schlechter werdende Versorgungslage und die unzureichenden hygienischen Bedingungen. Zum Schluss sind die Kellerbewohner fast völlig von der Außenwelt abgeschlossen; die Sorge um das Schicksal von Verwandten und Freunden wird immer belastender. Wie die ungarische Gesellschaft jener Jahre ist auch die Kellergemeinschaft geteilt: Es gibt Menschen, die, wie Nagy und einige mit gefälschten Papieren im Keller untergetauchte Juden, die Ankunft der Russen herbeisehnen, und andere, die bis zum letzten Tag lautstark ihre Sympathie für die Deutschen bekunden und fest an deren Sieg glauben. Der Wert dieses Tagebuchs liegt nicht zuletzt darin, dass es zu den wenigen literarischen Aufzeichnungen über die Jahre 1940 bis 45 gehört, die die ungarischen Literatur aufzuweisen hat.

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