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Gábor NÉMETH
( 1956 )

Biographie

(auch unter dem Pseudonym György Gabriely)
1956 (23. Nov.) in Budapest geboren
1975 – 1979 Studium der Fächer Ungarisch und Geschichte an der Budapester Pädagogischen Hochschule
1983 Besuch der Journalistenschule György Bálint des Ungarischen Landesverbandes der Journalisten (MÚOSZ)
1980 – 1985 Mitarbeiter der Zeitung Napi Világgazdaság
1985 – 1988 Mitarbeiter der Zeitschrift Design Center
1986 – Redakteur der Zeitschrift 84-es kijárat
1989 Mitarbeiter bei der Zeitschrift Ipari Forma
1989 – 1991 Mitarbeiter bei der Zeitschrift Riport
1991 – Redakteur der JAK-Hefte (Attila-József-Kreis)
1991 – 1994 Redakteur der Rubrik Prosa bei der Zeitschrift Magyar Napló
1994 Verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Magyar Napló
1994 – 2000 Redakteur der Zeitschrift Orpheus
1994 – Redakteur der Literarischen Abteilung beim Ungarischen Rundfunk
1999 – Redakteur der Zeitschrift Octogon
2006 – Redakteur des literarischen Portals litera

Preise
1991 IRAT-Niveaupreis, 1996 Preis des Novellenwettbewerbs der Zeitschrift Holmi, 1998 Preis für das beste Drehbuch beim Ungarischen Filmfestival, 2004 Attila-József-Preis, 2004 Preis der Belletristengesellschaft, 2005 Sándor-Márai-Preis

Der Huron-See
1988

Gábor Németh ist innerhalb der zeitgenössischen ungarischen Prosa ein Schriftsteller, der seine Texte mit einem außerordentlich ausgefeilten stilistischen Gespür formuliert. Sein Band "Der Huron-See" beinhaltet siebzehn nebeneinander angeordnete Texte, siebzehn Geschichten, die sowohl für sich genommen als auch in Form eines Novellenkranzes gelesen werden können, obschon die Gattungsbestimmung nicht einfach ist. Die Texte - vielleicht ist diese Bestimmung die genauste - können als Kurzprosa, Publizistik, Glosse oder Essay betrachtet werden, doch schließlich ist eine derartige Gattungsbestimmung vielleicht gar nicht so sehr von Bedeutung. Was (wer) in diesem Band von Bedeutung ist, das ist der Autor selbst, der als Ich-Erzähler schreibt, sein Band kann also auch als ein persönliches Bekenntnis gewertet werden. Dieser Eindruck wird durch die Vorgehensweise des Autors bestärkt, mit der er beim Zusammenstellen des Bandes seine gerade aktuellen Gedanken mit verschiedenen Techniken in die schon früher verfassten Texte einfügt - dies bereits in der dritten Person -, indem er neben der Selbstreflexion den ursprünglichen Text beibehält. Auch das Verbindungsglied zwischen den einzelnen Texten ist Gábor Németh selbst, seine Kindheit, die Zeit als junger Mensch, in jener Stadt, in der er mit dem scharfen Blick eines Außenstehenden versucht, als "Scheintourist" auf all das aufmerksam zu machen, was der Stadt eigen ist, von den hier lebenden Menschen jedoch unbemerkt bleibt. "Andersen ist tot, hat das Märchen ein Ende?", stellt Németh die Frage in einem der Texte. In diesem Band hat es tatsächlich den Anschein, als mache Németh dem Erzählen von großen Geschichten ein Ende und als böte er dem Leser allein Bruchstücke, Fragmente dar. Aus diesen Fragmenten kommen allerdings erneut wahre Geschichten zustande, und auch dies ist eine bedeutende Qualität des Bandes von Gábor Németh.

Betrachtenswertes Panorama
2003

Der Band "Betrachtenswertes Panorama" ist ein Sammelband, der mit einem kurzen Vorwort versehen die ersten drei Bücher von Gábor Németh umfasst. Der Grund für eine erneute Herausgabe dieser Werke waren - darüber hinaus, dass sie bereits alle vergriffen waren -, die besondere schriftstellerische Technik und Attitüde von Gábor Németh. Der Autor schreibt nämlich keine Geschichten im traditionellen Sinne, bei ihm ist eine Novelle - oder wie man es auch nennen will - nicht abgeschlossen, die einzelnen Bände sind nicht als eine abgeschlossene Einheit zu betrachten, somit kann der Band "Betrachtenswertes Panorama" auch ruhig als ein Buch gelesen werden. Die Texte haben zur Zeit ihrer erneuten Publikation nichts von ihrem ursprünglichen Wert eingebüßt, denn die Prosa Gábor Némeths konzentriert sich in bedeutendem Maße auf die Sprache. Es handelt sich hierbei um eine meditative Prosa, die von der Unendlichkeit der Sprache ausgeht und sich vom klassischen literarischen Kanon weg in Richtung einer philosophischen Literatur bewegt. "Die Literatur ist etwas, das man unterbieten muss. Und dies gelingt meist", so schreibt der Autor an einer Stelle. Diese Aussage muss man natürlich nicht ganz so ernst nehmen, denn in ihr steckt auch eine gehörige Portion Ironie, doch macht sie das Verhältnis des Autors zu jener Art von Literatur deutlich, die auf dem Erzählen von Geschichten basiert. Dies bezieht sich selbstverständlich nur auf das Erzählen von Geschichten im traditionellen Sinn, das heißt zu einem gegebenen Zeitpunkt an einem benannten Ort mit einer bestimmten Zahl von Figuren. Die Novellen von Gábor Németh erzählen nämlich ebenfalls eine Geschichte, nur dass die Geschichte in seinen Texten jene eines Gedankenganges ist und als solche nicht unbedingt zu einem Abschluss kommen kann und muss. Auch aus diesem Grund ist es durchaus lohnenswert, seine Schriften in einem Band zu vereinen und immer wieder aufs Neue zu lesen.

Bist du Jude?
2004

"Mit dem Buch "Bist du Jude?" hat Gábor Németh endlich jenen Roman geschrieben, auf den seine Leser schon seit langem gewartet haben." Dieser Satz steht im Klappentext seines Buches. Es hieß auch, Gábor Németh habe jenes Werk geschrieben, das er seiner Begabung schon seit langem schuldig war. Es stellt sich natürlich die Frage, ob es wohl ein Buch gibt, das die Leser seit langem von einem Autor erwarten, wie sich auch jene Frage stellt, was für ein Werk der Autor seiner Begabung schuldet. Eines ist allerdings gewiss (oder zumindest recht wahrscheinlich): Der 2004 erschienene Roman "Bist du Jude?" ist eines der wichtigsten Werke in der ungarischen Literatur der vergangenen Jahre. "Bist du Jude?" ist der erste "echte" Roman von Gábor Németh, mit einer Geschichte, noch dazu mit einer Geschichte, die auf meisterhafte Weise mit Selbstreflexion gepaart ist. Der Ich-Erzähler erinnert sich an seine Kindheit zurück, als er bei einem Kinobesuch als Schulkind im Grunde genommen zufällig einen Dokumentarfilm über Auschwitz sieht. Er ist sich sicher, auch er selbst muss Jude sein, daher beginnt er Nachforschungen über seine katholische und zugleich kommunistische Familie anzustellen. Indem er sich an die schmerzhaften Momente seiner Kindheit erinnert, sucht er nach dem Ursprung für sein Gefühl des Fremdseins, welches allerdings keine Frage der Herkunft, sondern des Missverstandenseins ist. Der provokative Titel des Romans ist in gewisser Weise irreführend, denn es handelt sich nicht um einen Roman mit jüdischer Thematik, es geht nicht darum, dass der Autor oder der Leser oder irgendjemand anderes Jude wäre. Ein anderer bedeutender Autor der Schriftstellergeneration nach Esterházy und Nádas, Vilmos Csaplár, schreibt dazu: "Das Buch von Gábor Németh ist eine Kindheitsreflexion nach dem Holocaust, in der die Wirklichkeit des sozialistischen Ungarns auf eine Weise erscheint, dass sie nicht erscheint."

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