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László NÉMETH
( 1901 - 1975 )

» Trauer (1935)
» Abscheu / Wie der Stein fällt (1947)
» Esther (1956)

Biographie

1901 Geboren in Nagybánya
1911 Schule in Budapest
1919 Einschreibung an der Human-Fakultät der Budapester Universität, nach einigen Wochen Wechsel zum Medizinstudium
1925 Erste Erzählung erscheint in „Nyugat“
1928-43 Arbeit als Schularzt
1932 Startet mit seiner Zeitschrift „Tanú“ (Zeuge)
1934 Redakteur der Zeitschrift „Válasz“ (Antwort)
1975 Gestorben in Budapest

Trauer
1935

Die Heldin des Buches ist Zsófi Kurátor, ein "antiker" Charakter. Nach dem Tod ihres Mannes flüchtet sie in ihre Trauer, und als sie auch noch ihr Kind verliert, wird ihr die stolze Trauer zum Lebensinhalt. Das Dorfleben wird von strengen Gesetzen reguliert - wenn jemand abweicht, wird er gnadenlos be- und verurteilt oder gar ausgestoßen. Das hat früher die Dorfgemeinschaft zusammengehalten, heute ist es nichts anderes als entleertes Regelwerk. Zsófi Kurátors Persönlichkeit wird gerade deswegen verzerrt, weil sie die von ihr erwarteten Verhaltensmuster so genau erfüllt, dass deren negative Auswüchse sogar von den Dorfbewohnern verurteilt werden. Die Dorfleute beobachten mit böser Neugier, ob die hübsche junge Frau dem Ruf des Lebens, ihres "Blutes" widerstehen kann. Woher nimmt sie die Energie, diesen ihre Kraft übersteigenden Schmerz auf sich zu nehmen und die Lebenslust in sich zu ersticken? László Németh beschreibt in seinem Roman die erstarrten Gewohnheitssysteme des Dorfes, die verhärteten menschlichen Verhältnisse, die moralische und gesellschaftliche Krise in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen. (Nach Ilona Legeza) "In meinen Romanen habe ich nichts mit so einer Zärtlichkeit dargestellt wie diese harten, in der Sklaverei von Schicksal, Pflicht und Emotionen eingesperrten Frauen. Ich habe den Augenblick ausgewählt, als in ihre in einen Panzer gesperrte und eigentlich unberührbare Weiblichkeit die Hoffnung hineinsickert..." (László Németh).

Abscheu / Wie der Stein fällt
1947

Im bekanntesten Roman von László Németh steht Nelly Kárász im Mittelpunkt, ein "schwarzer Engel", egoistisch und kalt. Németh erzählt die Geschichte einer unglücklichen und in einem Mord endenden Ehe, zugleich zeichnet er hervorragend das Porträt einer stolzen und einsamen Frau. László Németh erzählt in der ersten Person. Damit wird dem Leser noch besser nachvollziehbar, wie eine von ihrer Außenwelt isolierte und in sich gekehrte Frau zur Mörderin wird - und wie sie später dennoch in der Lage sein wird, sich ihrer Tat zu stellen und ihren seelischen und physischen Frieden zu finden - in der endgültigen Einsamkeit. In der tragischen Geschichte zeigt der Schriftsteller ohne Scheu die intimen Details einer Ehe: obwohl Nelly Kárász Abscheu gegenüber der körperlichen Nähe ihres Mannes empfindet, reagiert sie mit Wut, als sie erfährt, dass Sanyi Takaró eine Geliebte hat. Als ihr Mann schwer krank wird, spielt sie mit dem Wunschgedanken, dass er schon tot wäre. Als er sich aber langsam besser fühlt und versucht, sich ihr sexuell zu nähern, läuft das Fass über und mit auch für sie selbst kaum begreifbarer Kraft erstickt sie den Mann. Mit Hilfe eines Arztes gelingt es, den Mord zu vertuschen, Nelly Kárász zieht weg aus dem Ort des Geschehens. Im Epilog des Buches versucht Nelly ihre Lebensgeschichte zu erklären und zu interpretieren - um sie selber zu verstehen. Sie begreift, dass ein Mensch dann zum Monster wird, wenn er nicht nach seinem eigenen Maß und seinen Vorstellungen leben darf: "Man soll nicht darauf schauen, was die Menschen normal finden, sondern das suchen, wie man selber sein kann."

Esther
1956

"Esther" ist László Némeths dritte herausragende Frauenfigur - eine "Heilige". Der Roman ist eine gigantische Familiengeschichte, die erzählte Zeit umfasst die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Németh erzählt die Lebensgeschichte dreier Generationen einer ungarischen Mittelstandsfamilie vom Lande. Im Mittelpunkt steht Esther Égető - eine Frauenfigur von Németh, die nicht mehr die dunklen und kalten Charakterzüge ihrer Vorgängerinnen trägt. "Mein Roman erzählt fünfzig Jahre ungarische Geschichte - durch das Leben einer Frau. Esther Égető lernen wir zur Jahrhundertwende, in den Jahren der Koalition, als Grundschulmädchen kennen. 1948 verabschieden wir uns von Esther, sie ist zu dieser Zeit Großmutter, aber ohne Familie... Der Roman besteht aus drei Teilen: im ersten, bis Kriegsende, steht der Vater, später, in den Jahren der Restauration, stehen ihr Mann, ein Apotheker, sowie die Volksbewegung der 1930er Jahre und der II. Weltkrieg, und schließlich steht im dritten Teil, der Nachkriegszeit ihr Sohn, der in die Politik will, im Mittelpunkt von Esthers Leben" - schreibt László Németh. Esther ist ein harmonisches Geschöpf, dessen Lebensinhalt darin besteht, sich für die anderen zu opfern. Ihr Lebensprinzip ist: einerseits mit der Welt zusammenzuleben und die schönen Dinge gemeinsam zu verwirklichen; anderseits aber eine Distanz zum Leben zu bewahren, damit es die innere Harmonie nicht stört. Die Geschichte der Esther Égető ist ein Epilog, der die vergangenen Jahrzehnte der ungarischen Gesellschaft Revue passieren lässt - eine historische Epoche verabschiedet sich.

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