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István ÖRKÉNY
( 1912 - 1979 )

» Familie Tót, Katzen-Spiel (1967,1963)
» Minutennovellen (1968)

Biographie

1912 (5. April) in Budapest geboren
1932-34 Ausbildung zum Apotheker; beginnt Chemiestudium an der Technischen Universität Budapest
1938-39 reist nach London und Paris
1940-42 Rückkehr nach Ungarn; schließt Studium mit Diplom eines Ingenieur ab
1942 Soldat im Zweiten Weltkrieg
1943-46 sowjetische Kriegsgefangenschaft
1949-56 Dramaturg an verschiedenen Bühnen, dann Verlagslektor
1958-63 Publikationsverbot wegen Teilnahme am Volksaufstand 1956; arbeitet in einem pharmazeutischen Betrieb; schreibt daneben weiter
1964 freier Schriftsteller
1971 Beginn der Ausgabe seiner gesammelten Werke
1979 (24. Juni) in Budapest gestorben

Wichtigste Preise:
1955, 1967 Attila-József-Preis; 1973 Kossuth-Preis

Familie Tót, Katzen-Spiel
1967,1963

Mitte der sechziger Jahre begann Örkény, einige seiner Kurzromane für die Bühne zu bearbeiten. Als erstes dieser Stücke wurde 1967 "Tóték" (Familie Tót) aufgeführt. Seit dieser Aufführung gilt Örkény als Begründer des ungarischen absurden Theaters. Die Handlung des Stücks spielt vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. Die Familie des Feuerwehrmanns Tót lebt in einen abgelegenen Gebirgsdorf im Nordosten Ungarns. Sie treibt die Sorge um das Wohl ihres Soldatensohnes um. Da wird in einem Brief der Besuch seines Kommandanten angekündigt, eines nervenkranken Majors, der in dem idyllischen Dorf seinen Heimaturlaub verbringen will. Bald nach seiner Ankunft beginnt der Major, die arglose, ihm ausgelieferte Familie zu terrorisieren. Er hält sie an, Tag und Nacht Medikamentenschachteln für das Rote Kreuz mit ihm zu falten. In der Hoffnung, damit etwas für den Sohn zu tun, erträgt die Familie seine Schikanen. Dann trifft die Nachricht vom Tod des Sohnes ein. Davon erfährt jedoch nur der Zuschauer, nicht die Tóts, weil der Briefträger des Dorfes die schlechten Nachrichten grundsätzlich nicht austrägt. Mit dem Offenbarwerden der völligen Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit des Handelns der Familie wandelt sich das Stück endgültig zur Groteske. Familie Tót wurde nicht nur in Ungarn, sondern auf fast allen bedeutenden europäischen Bühnen mit großem Erfolg gespielt. 1969 "Macskajáték" (dt. Katzen-Spiel) Auch dieses absurde Komödie geht auf einen Kurzroman aus den sechziger Jahren zurück. Örkény gestaltet darin die Geschichte einer Frau um die sechzig, die in einem sonderbaren Dreiecksverhältnis mit allen von der Leidenschaft diktierten Mittel um ihre Liebe, und damit um ihre Selbstbehauptung und Menschenwürde kämpft. Dieser Kampf gegen das Naturgesetz des Alterns erscheint komisch und hat dennoch Größe. Frau Orbán lehnt sich gegen die Einsamkeit auf und hilft dabei auch anderen aus der seelischen Not. Mit einem grotesken Katzen-Spiel, einem Miauen hinüber und herüber, bewahrt sie ihre Nachbarin Mäuschen vor der völligen Vereinsamung. Schließlich kommt ihre im Ausland lebende Schwester Gizi zu Besuch, und hat Teil an dem lächerlichen, doch zutiefst humanen Katzen-Spiel des Alters. Wie in Familie Tót bedient sich Örkény auch hier des Mittels der grotesken Überzeichnung.

Minutennovellen
1968

Örkénys literarischen Anfänge reichen in die vierziger Jahre zurück, in größerem Umfang publiziert wurde er jedoch erst in den sechziger Jahren. Schuld daran waren vor allem die politischen Verhältnisse. Auf Kriegsdienst und Gefangenschaft folgte der Terror der fünfziger Jahre, nach der Revolution 1956 wurde er mit einem mehrjährigen Publikationsverbot belegt. In diesen Jahren zwischen 1944 und 1968 hatte Örkény etwa vierhundert Mininovellen verfaßt, kurze Texte, oft nur eine halbe, selten mehr als drei Seiten lang. Sie erschienen 1968 unter dem Titel "Egyperces novellák" (Minutennovellen). Diese Gattung stellt etwas vollkommen Neues in der ungarischen Literatur dar, das weder eine Tradition noch Vorläufer hat. In den wenigen freien Stunden, die ihm die Weltgeschichte gelassen habe, sei er zur Kürze gezwungen gewesen, kommentierte Örkény lakonisch die Entstehung dieser eigenwilligen Prosaform. Präzise, scharf, sachlich kühl, mit einer Mischung aus Dramatik und abgründigem Humor werden darin Augenblicksstimmungen, absurde Alltagsbegebenheiten und kleine Schicksalsmomente beschrieben. In wenigen Zeilen die Essenz eines Lebens, in einem simplen Dialog die Absurdität einer Epoche aufzuzeigen - das ist die hohe Kunst Örkénys in dieser pointierten Kurzprosa.

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