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Gergely PÉTERFY
( 1966 )

» Die B-Seite (1998)
» Die Traurigkeit des Feuerwehrhauptmanns (2000)
» Baggersee (2004)
» Mischibuch (2005)
» Tod in Buda (2008)

Biographie

1966 (31. Oktober) in Budapest geboren
1993 Studium der ungarischen und klassischen Philologie an der Budapester Loránd-Eötvös-Universität, PhD an der Universität Miskolc
seit 1994 Mitarbeiter der Universität Miskolc; Redakteur beim Rundfunk

Preise
1994 Zsigmond-Móricz-Stipendium, 1996 Soros-Stipendium, 2004 Berlin-Aufenthalt mit der Stiftung Preußische Seehandlung, 2003 Attila-József-Preis, 2004 Sándor-Márai-Preis

Die B-Seite
1998

Nach seinem Debütband "Félelem az egértől" (Angst vor der Maus), der Erzählungen in verschiedenen Tonlagen versammelte, legt Péterfy mit "A B oldal" (Die B-Seite) seinen ersten Roman vor, der - wie es der Klappentext verspricht - den Leser in die Atmosphäre der Jugendgeneration der siebziger und achtziger Jahre eintauchen lässt. In den Rezensionen wird daher die "Referentialität" als wichtigstes und vor allem hervorstechendstes Merkmal, das heutzutage im Allgemeinen etwas in den Hintergrund gedrängt erscheint, genannt. (István Csuhai) Mit einem fast soziografisch zu nennenden Text, der aber dennoch weder als eine Generationensoziografie oder gar als nostalgische Rückschau auf die Zeit daherkommt, entfaltet der Autor ein Beziehungstableau unter den Personen (Sculptor, König, Lovasy, Lexi, Bandikusz), das sich um Freundschaft und Liebe dreht und insbesondere die Jugendfreundschaft zwischen König und Sculptor unter die Lupe nimmt. Zeitlich umspannt der Text einen Tag, er ist in acht Kapitel (Morgen, Kaffee, Kleidung, Verkehrslinien, Vormittag, Mittag, Abend, Nacht) gegliedert, die sich wiederum in jeweils drei, auf die Schauplätze des Textes bezogene Abschnitte (Bartók, Frankel, Szentjánospuszta) und in einen Appendix gliedern. Aus dieser mathematischen Struktur lässt sich ein gewisser autobiografischer Bezug erkennen, wenn man unterstellt, dass das Produkt der Raum- und Zeitkoordinaten von 32 dem Lebensalter des Autors zum Erscheinungszeitpunkt des Romans entspricht. Die autobiografische Lesart wird sicherlich durch die Struktur des Icherzählers unterstützt, andererseits aber durch das Spiel mit den Rollen im Text in der Tradition des Kornél Esti von Dezső Kosztolányi aufgebrochen. Ebenso die lineare Lesart, die schon im Wechselspiel der Ort- und Zeitkoordinaten ständig unterbrochen wird. Hier handelt es sich um eine erzähltechnisch spielerische Auseinandersetzung der Generation der in den sechziger Jahren Geborenen mit den im Wandel begriffenen Werten und Mythen ihrer Zeit: "Dass alles mit einem Familienmythos, mit dem Mythos der Männlichkeit und der Tradition zusammenfällt, ist meiner Meinung nach eine Ausnahme im Vergleich zu anderen literarischen Werken, die eine ähnliche Thematik bearbeiten und in den letzten 25 Jahren erschienen sind." (Gábor Németh)

Die Traurigkeit des Feuerwehrhauptmanns
2000

Auch Péterfys zweiter Roman besteht aus eigenständigen Geschichten, die aufgrund verschiedener Berührungspunkte kompositorisch einen Text ergeben. Der ständige Ort des Geschehens, das Café Babylon, die einheitliche sprachliche Gestaltung und Erzählerstruktur garantieren die Romanform. Die Protagonisten kreisen allesamt um das Café Babylon, einem symbolträchtigen Ort. Sie leben in der Welt der Kunst, Literatur, Musik: Vihaross ist Redakteur der Zeitschrift Babylon, seine Frau Kamilla Grafikerin, Ernő ist Kameramann, Lovag ist Komponist und alkoholabhängig. Dieses Stammpublikum des Babylon ist in ein Netz von Liebes- und Familienbeziehungen eingebunden, das auch noch mit anderen Besuchern des Babylon besteht. Eines Tages bekommt Vihaross ein Manuskript in die Hand, das seine intimsten Geschichten und die seiner Freunde enthält. Dies setzt eine Reihe von Monologen in Gang, die in Selbstanalysen bzw. gegenseitigen Analysen mögliche Figurenkonstellationen beleuchten, immer mit dem Ziel, die Autorschaft des Schriftstücks aufzudecken. Die Geschichten werden wieder und wieder erzählt, aber immer anders. Sie entstehen im Babylon, der "Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden" (Offenbarung des Johannes, 17, 5). Das Babylon bildet einen eigenartigen Lebenskosmos für die Romanfiguren, so auch für Lovag: "Das Babylon bringt das freundschaftliche Gespräch hervor, denn meine Freunde sitzen im Baylon. In der Stadt - komisch, dass ich das sagen muss - habe ich keine Freunde, die Stadt ist für mich leer, ohne Liebe, sage ich zu mir im Babylon." Die Erzähltechnik, die Figurengestaltung und die Geschichten korrespondieren mit der Metapher des unvollendeten Turmes von Babel und erfordern vom Leser während der Lektüre die volle Aufmerksamkeit, so wie Kamilla Vihaross' Leseerlebnis beschreibt: "Er liebte es zu blättern, manchmal dachte ich, dass er am liebsten blätterte, um die beste Geschwindigkeit zwischen Lesen und Blättern sowie den idealen Rhythmus zum Blättern herauszufinden. In guten Momenten, so sagte er, fühlt er, dass der Rhythmus der Blätter und des Textes, der der Geschichte und der Sätze, Wörter und Bilder irgendeinem unbekannten, höheren Algorithmus gehorche und alles in einem idealen Augenblick zusammengehen kann, er selbst, seine eigene Geschichte, sein ganzes Schicksal, ein ganzes Buch, der beste Rhythmus des Blätterns."

Baggersee
2004

Das vierte Buch ist ein interessant durchkomponierter Text, der sich als Kurzroman oder auch als miteinander in Beziehung stehenden Erzählungen liest und an die Erzähltraditionen Miklós Mészölys, Ádám Bodors und Sándor Tars erinnert. Wie schon in anderen Texten offenbart sich auch hier ein gewisses soziografisches Interesse des Autors, der den Leser an einen Baggersee führt, an einen Platz, der außerhalb des Gesetzes liegt, der gestrandeten Menschen einen letzten Existenzort bietet und einen Ort von Zerstörung, Verfall und Armut darstellt. Neben dieser Symbolkraft ist der "Baggersee" eine geschlossene Welt und erzeugt eine poetisch-lyrische Struktur, in der die Geschichten passieren und die Figuren agieren. In den sechs übertitelten Geschichten treffen wir Kálmán, der sich nun doch nicht traut, die Witwe Katalin Vadász, die er über eine Zeitungsannonce kennengelernt hat, persönlich aufzusuchen. Wir lernen Anti Ragyás kennen, der einst zum Angel an den Baggersee kam und dann geblieben ist, weil seine Familie auseinandergefallen war. Irma, die im Getränkeausschank den eigentlich ungenießbaren Wein ihres Bruders ausschenkt, und der Wächter, der mit dem Erzähler im Dialog steht, bilden den Fixpunkt dieser trostlosen Welt, sie sind die verbindenden Elemente zwischen den einzelnen Figuren, die für sich genommen eine jeweils eigenständige Geschichte ausmachen. Die dazwischen geschobenen, durchgezählten Textpassagen beginnen immer mit der symbolhaften, magischen Feststellung des Wächters, die Besucher des Baggersees kämen um zu ertrinken; die Äußerungen des Wächters stellen aber auch eine Zivilisationskritik dar, in der die Magie der Natur, wie sie z.B. in Ádám Bodors Roman "Schutzgebiet Sinistra" anzutreffen ist, vollständig abhanden gekommen ist. "Dieses Buch ist lesenswert und gnadenlos zugleich. Raffiniert und dennoch einfach. Durchkomponiert und dennoch spröde." (Csaba Károlyi)

Mischibuch
2005

Mihály Bordombi, von allen nur Misi (Mischi) genannt, ist der Held von Péterfys Abenteuergeschichte für Kinder. Als der kleine Misi die Augen öffnet und feststellt, dass die Welt verschwunden ist, erschafft er sie sich neu. Er besteht Abenteuer mit dem Großen Mihaszna, den Herrschaftlichen und mit anderen in einer Welt, wo das Gute immer über das Böse siegt. Dieser märchenhafte und spannende Roman wurde vom Ministerium für nationales Erbe mit dem ersten Preis im Wettbewerb für die Muttersprache ausgezeichnet.

Tod in Buda
2008

Gergely Péterfys neuer Roman, Tod in Buda, entfaltet sich auf mehreren Ebenen zugleich. Die vordergründige und offensichtlichste ist die historische Ebene. Wir befinden uns Mitte der 80er Jahre des 17. Jahrhunderts, als die christlichen Truppen den Angriff der Türken auf Wien abwehren und diese dann 1686 aus der Budaer Burg vertreiben. Péterfy hat einerseits Dutzende von Quellentexten in seinen Roman eingebaut, andererseits aber auch Vieles erschaffen: seltsame Kreaturen, halb Mensch, halb Tier, eine aus zwei realen Gestalten zusammengesetzte dritte Figur, nur auf den Seiten des Romans lebende (und vor allem sterbende) Menschen. Dadurch verdeutlicht er die Zeiterfahrung der Geschichte, die Ewigkeit des Chaos und die Unendlichkeit des Augenblicks. Er zeigt uns, wie der welthistorische Maßstab gegebenenfalls über Barrikaden hinwegfegt oder Menschen wegspült. Und er rückt uns ins Bewusstsein, dass die Konstruktion, die wir Geschichte nennen, eine willkürliche und nachträgliche Kombination auseinander laufender Reihen von Ereignissen ist. Die Geschichte wird viel weniger von Gewinnern als von Überlebenden geschrieben. Die Überlebenden schreiben über die Toten. Und hier, auf dem Gebiet des Todes, ist die abstrakteste Ebene des Romans angesiedelt. In dieser Welt, in der „die liebende Frau gegen den Todesengel” um den Mann kämpft, verläuft die Ebene des Todes nicht senkrecht, sondern vielmehr parallel zu der des Lebens. Daraus folgt, dass sie womöglich immerwährend nebeneinander existieren. Der Tod ist in diesem Roman eine Selbstverständlichkeit und das wird gerade durch das Leben bewiesen. Hier ist die Geschichte kein Text, sondern ein Textil. Sie ist Fleisch. Und Péterfy webt diese Materie mit einer wahrhaftigen Todesdichtung, mit balladenhaftem Schwung zur Poesie. Zur Allegorie des verwesenden Körpers und der beflügelten Seele.

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