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Péter NÁDAS
( 1942 )

» Ende eines Familienromans (1977)
» Buch der Erinnerung (1986)
» Die Bibel und andere alte Geschichten (1988)
» Parallele Geschichten 1-3 (2005)
» Tagebuch vom Hinterland (2006)
» Sirenlied (2010)
» Auf einer phantastischen Reise (2011)

Biographie

1942 (14. Oktober) in Budapest geboren
1961-1963 Ausbildung in Journalistik und Fotografie
1965-1969 Fotoreporter für die Zeitschrift Nők lapja (Blatt der Frau)
1965 in der Zeitschrift Új Írás (Neues Schreiben) erste Novellen veröffentlicht
1982 Gast des Berliner Künstlerprogramms der DAAD
1991 mit dem "Buch der Erinnerung" auf Lesereise in Deutschland
1993 Mitglied der Literatur- und Kunstakademie Széchenyi

Preise:
1978 Milán-Füst-Prämierung; 1980 Preis des Kelemen-Mikes-Kreis, Holland; 1985 Attila-József-Preis; 1986 Örley-Preis, Prämierung "Buch des Jahres"; 1990 Gyula-Krúdy-Preis; 1991 Österreichischer Staatspreis für Europäische Literatur; 1992 Kossuth-Preis; 1995 Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung; 1998 Vilenica-Preis; 1999 Prix du Meilleur Livre Étranger, Frankreich; 2001 Großer Soros-Preis; 2003 Franz-Kafka-Preis der Tschechischen Republik

Ende eines Familienromans
1977

Der Erzähler, ein etwa siebenjähriger mutterloser Junge, wohnt in Ungarn bei seinen Großeltern, während sein Vater als Politoffizier der Spionageabwehr an der ungarisch-jugoslawischen Grenze arbeitet. Der Großvater, der vor der Gegenwart in die Vergangenheit flüchtet, entwirft für seinen Enkel eine Familiengeschichte, die die Geschichte des jüdischen Volkes erzählt. Aus der Perspektive des Kindes beleuchtet Nádas den psychischen Skandal des stalinistischen Personenkults in den fünfziger Jahren in seiner ganzen Tragweite. In den ersten neun Kapiteln werden die Geschehnisse im noch unschuldigen Bewusstsein des Kindes aufgenommen und in mythische, märchenhafte Zusammenhänge gestellt. Der kindlich-naiven Wahrnehmung der Welt sind scharfe Detailbeschreibungen aus dem Alltag gegenübergestellt, die Erzählungen des Großvaters liefern gleichsam einen fiktiven geschichtsphilosophischen Hintergrund, in dem die eigene Familie in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gerückt wird. Der Großvater erzählt die Geschichte des Volkes, das den Messias nicht erkannte und darum seit zweitausend Jahren zu sühnen hat. Nach dem Tod der Großeltern und dem Verschwinden des Vaters wird Péter Simon in eine staatliche Erziehungsanstalt eingewiesen, in der er keine Persönlichkeit hat, wo Schweigen und Drill herrschen und seine Kindheit an der herrschenden Ideologie zerbricht. Der bereits 1972 fertig gestellte Roman konnte wegen der Zensur erst 1977 in Ungarn erscheinen.

Buch der Erinnerung
1986

Die Hauptgestalt des Romans ist ein ungarischer Schriftsteller, der sich Anfang der siebziger Jahre zu einem Studienaufenthalt in Ost-Berlin aufhält. Mittels geschickter Verzahnung mehrerer Romanebenen gelingt es Nádas, ein Fresko der Zeit zu entwerfen. Der Protagonist arbeitet selbst an einem Roman, dessen Held sein Alter ego verkörpert: einen dreißigjährigen Deutschen, der erotische Abenteuer erlebt. In einer dritten Erinnerungsschrift geht es um die Kindheit in der stalinistischen Epoche, um die zerstörerische Wirkung der herrschenden Ideologie. Edit Erdödy bescheinigt Nádas einen Anspruch auf Vollständigkeit: "Es wird einerseits nach der absoluten Vollständigkeit der Wahrheit, andererseits aber nach dem sprachlichen Ausdruck der Wahrheit gestrebt. Dieser Anspruch bestimmt auch die Weltanschauung, die Philosophie des Werkes. Mensch und Natur, lebende und leblose Welt werden hier als ein zusammenhängender Organismus dargestellt, in dem Materie und Geist - solange der vergesellschaftete Mensch das empfindliche Gleichgewicht nicht zerstört - sich in Symmetrie und Harmonie zueinander befinden." Eva Haldimann würdigt den von der ungarischen Kritik als Opus magnum bezeichneten Roman folgendermaßen: "Das Empfinden, Denken und Schreiben von Nádas lässt jene Tabus hinter sich, die für Thomas Mann, Marcel Proust oder Robert Musil noch bindend waren. Sein Roman ist eine osteuropäische Schule der Gefühle, die die Analyse dieser Vorbilder weiterführt und vertieft." Und Iris Radisch ist von dem kanonischen Status des Romans schon jetzt überzeugt: "Das klingt wie Kirchenglocken, das riecht nach 19. Jahrhundert, nach leerer Festlichkeit und hausväterlichem Bürgersinn und ist doch Wort für Wort von Péter Nádas, Ungar, Eremit, Dorfbewohner, österreichischer Staatspreisträger, 54 Jahre alt und einer der bedeutendsten Romanciers unserer Zeit. Sein 'Buch der Erinnerung', 1986 in Ungarn, 1991 in Deutschland erschienen, ist, was das Lexikon einmal einen Epochenroman nennen wird."

Die Bibel und andere alte Geschichten
1988

Die deutschsprachige Sammlung "Minotaurus" (1997) enthält neun Erzählungen aus den Jahren 1963 bis 1975, in denen Nádas die Menschen der Budapester Vorstädte genau in den Blick nimmt. In der Erzählung "Die Mauer" geht es um einen Parteisekretär, der sich als Einsiedler in einer virtuellen Welt eingerichtet hat. Auch hier wird wieder aus der Perspektive des Kindes erzählt, um der immer schon ideologielastigen Rhetorik zu entgehen. Auch in dem Text "Das Lamm" nimmt wieder ein Kind die Rolle des Erzählers wahr und unternimmt den Versuch, das Geschehen - den Antisemitismus im nationalkommunistischen Gewand - aus seiner Position zu deuten: "Ich ekelte mich vor den Fäusten meines Vaters, und ich ekelte mich vor dem Gekreisch meiner Mutter. Ich ekelte mich, weil mein Vater, dessen Faust die Macht in der Familie darstellte, unbedingten Respekt verlangte, und wenn ich mich bedingungslos auf die Seite der Macht geschlagen hätte, hätte ich meine Mutter aus ganzem Herzen ablehnen müssen. Hätte ich mich hingegen bedingungslos auf die Seite meiner Mutter gestellt, hätte ich meinem Vater die Macht absprechen müssen, und da er mit seinem Verhalten die Ordnung der Welt um mich verkörperte, hätte ich die Weltordnung ablehnen müssen."

Parallele Geschichten 1-3
2005

2005 Parallele Geschichten 1-3 (Jelenkor): Stumme Landschaft, In der tiefsten Nacht, Der Atem der Freiheit. -- Der dreibändige Roman von Péter Nádas bedeutet für die ungarische Literatur die größte Herausforderung der vergangenen Jahre. Es handelt sich um ein seit zwanzig Jahren entstehendes Werk, auf das lange gewartet wurde und dessen Autor einen bedeutenden Stellenwert in der Reihe der europäischen Romanautoren einnimmt. Das Werk wurde in Ungarn innerhalb von einigen Monaten zu einem Erfolg, die kritische Rezeption ist allerdings gemischt, so wurde es in literarischen Salons viel kritisiert, doch haben bislang nur wenige ihre Kritik auch niedergeschrieben. Wie jedes neuartige, experimentelle Werk löst es aufgrund seiner Radikalität, Unförmigkeit, Unabgeschlossenheit, der Ablehnung gewohnter Lösungen vielerlei Befremdung aus. Und auch aufgrund der Offenheit, mit der es über die Sexualität und den Körper spricht. Die bisherige Rezeption zieht unter anderem Parallelen zu den Werken von Musil, Proust, Hermann Broch, Canetti und Dostojewski. Das Werk taucht mittels der parallelen Geschichten von Personen, die einander häufig nicht einmal kennen, in die ungarischen und deutschen gesellschaftlichen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts ein und versucht eine Antwort auf die Frage zu finden: Wie ist der Mensch, genauer gesagt, was ist der Mensch. Es erscheinen unzählige Handlungsstränge und zahlreiche Figuren. Die Struktur richtet sich nicht nach logischen, und vor allem nicht nach symmetrischen Schemen. Und doch sind die Geschichten durch die Schauplätze, die Figuren oder Motive miteinander verknüpft und ergeben gemeinsam ein großes Tableau. Das Bild verfügt jedoch über keinen Mittelpunkt, die Geschichten laufen nicht auf einen bestimmten Punkt zu, es gibt keine Erklärung, kein abschließendes Urteil, keine Richtung auf eine Entwicklung oder einen Untergang hin. Die Handlung baut auf zwei Familiengeschichten auf. Die eine dieser Geschichten ist jene der ungarischen Familie Lippay-Lehr, die andere jene der deutschen Familie Döhring. Mit diesen beiden Hauptsträngen beginnt der Roman, doch wechseln sie einander nicht ab, sondern sind nur vereinzelt durch konkrete Elemente oder Figuren miteinander verbunden, und doch berühren sie einander durch analoge Entsprechungen wie etwa den Motiven von Mord, dem Dasein als Waise, Judentum, Rassenschutz, Masturbation, Nacktheit, Gerüchen oder Geheimnissen, Rätseln. Die Handlung beginnt in Berlin im Jahr des Mauerfalls im Tiergarten, wo eine Leiche gefunden wird. Die Ermittlungen führen über den ganzen Romanverlauf zu keinem Ergebnis, doch im Mittelpunkt derselben steht Carl Maria Döhring, der für sich die Geschichte seiner Familie samt der Schrecken zur Hitler-Zeit aufarbeiten will. Die Budapester Familiengeschichte ist äußerst verzweigt, ein wichtiger Teil ist die Liebesbeziehung zwischen Ágost Lippay und Gyöngyvér Mózes, deren beinahe hundertfünfzig Seiten lange, zuweilen unterbrochene Liebesszene eine Bravour des Romans darstellt. Durch diese Familiengeschichte zeichnet sich das vielfältige Bild der ungarischen Gesellschaft von den dreißiger bis zu den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ab: angefangen von einem jüdischen Holzhändler aus der Provinz aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bis hin zum Zigeuner, der in der Kádár-Ära als Straßenarbeiter arbeitet, von in der Welt des Sozialismus heruntergekommen lebenden einstigen großbürgerlichen Damen bis hin zu den neuen politischen Funktionären proletarischer Herkunft. Es ist verblüffend, wie nah in diesem Gesellschaftsbild die Mentalität der Welt der Horthy-Zeit und der Kádár-Ära aneinander rückt. Das Oberhaupt der Familie Lippay-Lehr, der alte Professor, war beispielsweise vor dem Krieg der geistige Vater der ungarischen Rassenschutzbewegung, in den fünfziger Jahren ist er dann einer der wichtigsten Berater der kommunistischen Regierung, ganz zu schweigen von den gesegneten Aktivitäten der Hausmeister, die sich durch alle politische Regime ziehen. Der deutsche Strang der Geschichte dient als Kontrapunkt zur ungarischen Geschichte, gewissermaßen zu deren Nuancierung. Die Handlungsführung ist bewusst derart gestaltet, dass die Beziehungen der Figuren zueinander die Aufmerksamkeit auf die Schattenseiten der gesellschaftlichen Verhältnisse richten: Beispielsweise wird die Geliebte von Kristóf Demén, der jüdischer Herkunft ist, in den sechziger Jahren jene Klára Vay, deren Vater unter Horthy der Hauptverantwortliche für die Deportation der Juden war. Der Roman vereint in sich die Besonderheiten des Krimis, des Familienromans, des Liebesromans, des Entwicklungsromans und des Lagerromans, auch der Keim einer nicht ausgearbeiteten Geschichte über die Revolution 1956 ist zu entdecken. Er beschäftigt sich eingehend mit der Problematik des Faschismus und des Holocaust. Die Figuren erscheinen immer in voller Körperlichkeit, der Leser erfährt regelmäßig über ihre körperlichen Gebrechen ebenso wie über ihre sexuellen Sehnsüchte, denn der Reichtum der Sinnlichkeit ist in diesem Roman ohne die vollkommene Darstellung des Menschen nicht möglich. Das leidenschaftliche anthropologische Interesse des Romans wird durch die Beschäftigung mit genetischen, psychologischen, kriminalistischen, sexologischen, pathologischen, ethologischen und theologischen Problemen weiter vertieft, die jene schriftstellerische Erfahrung darlegen, nach der die Geheimnisse der Welt und des Menschen letzten Endes nicht entschlüsselbar sind. "Die ungarische Literatur verfügt über nur wenige wirklich große Romane. Die Parallelen Geschichten gehören sicher dazu." Csaba Károlyi, Élet és Irodalom "Der ausdauerndste und radikalste Analytiker der ungarischen Literatur führt uns in das homogene Geflecht der scheinbar sehr fernen Fälle und Gestalten." József Tamás Reményi, Népszabdság "...dieser Roman ist ein Fiasko, das riesige Fiasko eines großen Schriftstellers … das gesamte Werk scheint außerordentlich ungelöst." István Margócsy, 2000 "...das Buch Parallele Geschichten ist gerade dadurch außergewöhnlich, dass es aus dem Fiasko eine großangelegte Form macht, sich mit nicht weniger als dem Fiasko zufrieden gibt." Ákos Szilágyi, 2000

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