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Biographie

1950 (4. Dezember) in Sopron geboren
1970 – 1975 Studium der Fächer Hungarologie und Anglistik an der Budapester Universität ELTE
1975 – 1982 Bibliothekarin in der Gorki-Bibliothek in Budapest, ab 1978 am Lehrstuhl für Anglistik der Budapester Universität
1982 – 1986 Redakteurin beim Helikon-Verlag
ab 1986 freischaffende Dichterin und Übersetzerin
1988 – 1989 Lyrik-Stipendiatin der Soros-Stiftung in London
1990 Gast des Internationalen Schriftstellerkongresses in Iowa
1994 zu Gast bei Poetry International

Preise:
1980 Graves-Preis; 1986/1991 Tibor-Déry-Preis; 1988 Attila-József-Preis ; 1989 Buch des Jahres; 1992 Soros-Lebenswerkpreis; 1997 Lorbeerkranz der Republik Ungarn; 2003 Ungarischer Literaturpreis; 2003 Márai-Preis

Im Schatten der Schlange
2002

Im Schatten der Schlange ist der erste Roman von Zsuzsa Rakovszky, der auf (beinahe) überraschende Weise große Anerkennung fand. Auf beinahe überraschende Weise aus jenem Grund, da Rakovszky seit bereits über zwei Jahrzehnten zu den herausragenden VertreterInnen der ungarischen Lyrik gehört, ihr Name also in der Literatur keineswegs ein unbekannter ist. "Im Schatten der Schlange" ist ein historischer Roman, er spielt im 17. Jahrhundert in Leutschau - in der heutigen Slowakei - sowie in Sopron. Die Erzählerin ist die beinahe achtzigjährige Ursula Binder, geborene Orsolya Lehmann. Die alte Frau erzählt ihr Leben, genauer gesagt die ersten dreißig Jahre, die für die damalige Zeit wohl kaum gewöhnlich verlaufen sind. Sie verliert ihre Mutter sehr früh, wird im Alter von siebzehn Jahren schwanger - der Vater des Kindes ist der Neffe ihrer Patentante -, doch stirbt das Kind bald, sie wird zur Frau ihres Vaters, des Apothekers Lehmann, der sich an ihr vergeht und von dem sie tatsächlich nicht weiß, ob er ihr leiblicher Vater ist, während sie die Rolle ihrer eigenen Stiefmutter spielt, ist an zwei indirekten und einem tatsächlichen Mord beteiligt. Die Geschichte der ganzen Familie ist eine Serie von Verbrechen und Geheimnissen. Von Verbrechen, die, kämen sie ans Tageslicht, im 17. Jahrhundert mit dem Tod bestraft würden. Die historische Epoche, in welcher der Roman spielt, die Zeit des Kampfes zwischen Papisten und Reformierten, die Bedrohung durch die Habsburger und dann wieder durch die Osmanen, dient allerdings nur als Kulisse. Die eigentliche Frage ist die persönliche Schicksalsgeschichte, die Geschichte von Leid, Liebe und Leidenschaft, die Geschichte einer Frau. Ingeborg Sperl schreibt: "Rakovszky geht es um Introspektion vor einem historischen Hintergrund, nicht um einen historischen Roman an sich. Das Gefühl, kein eigenes Leben zu haben, seines eigenen Wollens und Fühlens vollkommen beraubt zu sein, ist das Hauptthema. Die Autorin, die sich auf keine ausgefallenen Erzählkonstruktionen einlässt, entwickelt dennoch suggestive Naturschilderungen und einen elegischen Ton, der, ohne manieristisch zu wirken, Authentizität und Spannung verleiht." Erzählt wird von der Lebensgeschichte nur jener Abschnitt, der von Geheimnissen, die verschwiegen werden und enthüllt werden könnten, bestimmt ist. Nachdem Orsolya mit einem Arzt flieht und ein sozusagen gewöhnliches Leben beginnt, ist die eigentliche Geschichte zu Ende. Über diese Jahre handeln nur einige wenige abschließende Abschnitte. Der Roman ist durchgängig in der leicht archaisierenden Sprache einer Frau geschrieben, die in ihrer eigenen Zeit als aufgeklärt und gebildet galt.

Das Jahr der Sternschnuppe
2005

Der zweite Roman von Zsuzsa Rakovszky ist ebenfalls ein historischer Roman, und auch er spielt in Sopron, einem wichtigen Schauplatz ihres ersten Werkes. Die Zeit ist allerdings eine andere, die Handlung spielt in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, das Jahr, auf das der Titel verweist, ist das Jahr der ungarischen Revolution 1956. Die Erzählperspektive ist nun jene einer fünfjährigen Halbwaisen, Piroskas, die die damalige Zeit zu Leben erweckt, und sicherlich irrt man nicht, wenn man vermutet, der Roman sei autobiografisch inspiriert. Die zentrale Figur im Leben des Mädchens und somit auch des Romans ist seine Mutter, die ganz für das Kind lebt, ihr Leben nach ihm ausrichtet. Auch aus diesem Grund entscheidet sie sich zwischen zwei Männern für den einfacheren, weniger aufregenden, doch zuverlässigeren Pista statt für den wesentlich interessanter scheinenden Bartha. Doch bleibt die Figur der Mutter bis zum Ende verschwommen und kristallisiert sich nicht vollkommen heraus, denn der Leser sieht sie ja nur mit den Augen des fünfjährigen Mädchens, ebenso wie die erdrückende Welt der fünfziger Jahre, das Grau, das in einem krassen Gegensatz zur Fantasiewelt des Kindes steht. Die Struktur des Romans bestimmen die Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, durch die die Erzählung unterbrochen ist. Es scheint nur zunächst so, als stünden sie in keiner Verbindung zu der Geschichte, denn aus den am Anfang stehenden Briefen lässt sich eine Vorgeschichte herauszulesen, durch die der Leser vieles von den Figuren und den Umständen erfährt - so etwa von dem plötzlichen Tod des Vaters. Am Ende des Romans dann vervollständigt sich das Bild. Während der Revolution fielen, wie wir wissen, die (roten) Sterne, doch kommt dies im Roman nicht explizit zur Sprache, obschon das Jahr 1956 auf jeden Fall einen Wendepunkt im Werk darstellt: Die Großmutter und die alte Frau, die Piroska großzieht, Nenne, sterben, Bartha geht ins Ausland, und die Mutter heiratet Pista. Die Zeit Piroskas im Kindergarten, deren qualvolle Welt im Grunde genommen den damaligen Zustand des Landes symbolisiert, ist vorbei. Die Geschichte handelt von den zwischenmenschlichen Beziehungen, der Suche nach den Grenzen zwischen Mutter und Tochter, Frau und Mann, Mann und Kind, von ihren Bemühungen, sich in einer Welt voller Schwierigkeiten zurechtzufinden, wenn "die Dinge in einem unbewachten Augenblick auf die andere Seite der Grenze hinübergleiten".

Zurück in der Zeit
2006

Der Band mit den gesammelten Gedichten Zsuzsa Rakovszkys ist nicht nur metaphorisch ein Weg zurück in der Zeit, sondern auch im tatsächlichen Sinne, denn er beinhaltet - ergänzt mit neuen Gedichten - beinahe alle früher bereits erschienen Gedichte, von ihrem ersten Band aus dem Jahr 1981 bis heute. Beim Lesen des Bandes kann der Leser die "Entwicklung" ihrer Lyrik mitverfolgen. Rakovszky ist eine äußerst "bildliche" Dichterin, das Aufbauen eines geheimnisvollen Bildes ist ein Kennzeichen ihrer Kunst, wobei ihre bildliche Welt und die Metaphern einen sehr speziellen, individuellen Platz in der ungarischen Lyrik einnehmen. In ihren Bildern erhebt sie den Alltag durch die poetische Sprache formuliert in die Lyrik, beziehungsweise lässt sie in ihren dramatischen Monologen die uns meist wohlbekannten Gestalten des Alltags sprechen. Die Zeit ist ein zentrales Motiv Rakovszkys, auch in einem ihrer früheren Bände (Egyirányú utca/Einbahnstraße) beschäftigt sich die Dichterin eingehend mit der Frage der Zeit, mit dem Gegensatz von "es vergeht nie" und "kommt nie zurück". Die Einbahnstraße erscheint als die Metapher für die Zeit selbst, denn was im Fluss der Zeit geschieht, ist unwiederholbar. Doch hat es dem Anschein, dass beim Kampf zwischen "es vergeht nie" und "kommt nie zurück" dieses Mal das Erstere den Sieg davongetragen hat. Dieser Band mit gesammelten Gedichten scheint zu belegen, dass ein wertvolles dichterisches Lebenswerk zurückkehren kann, dass es lohnt, den Weg zurück in die Zeit zu unternehmen, denn all das, was die dichterische Laufbahn Zsuzsa Rakovszkys, die als ungewohnt einheitlich und kontinuierlich bezeichnet werden kann, charakterisiert, zeichnet sich deutlich in ihm ab und vergeht sicherlich nicht.

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