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Biographie

1930 (11. März) in Budapest geboren
1944-1945 ist er während der Szálasi-Diktatur gezwungen, sich zu verstecken
1948 erlangt er das Abitur in Budapest
1948-1950 ist in der Landeszentrale des Nationalverbandes Ungarischer Studenten tätig
1950 verliert seine Stellung; ab Herbst Militärdienst
1952 wird verhaftet, zur Zwangsarbeit gebracht
1953 Rehabilitation
1954-1956 Redakteur der Zeitschrift Jövő Mérnöke an der Budapester Technischen Universität
1956 druckt als erster die von den Studenten formulierten Forderungen während der Revolution
1957 Kritiker bei der Zeitschrift Film, Színház, Muzsika, später (1970) deren Redakteur
1961-1964 Studium am ungarischen Lehrstuhl in Budapest
1975 stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift Film, Színház, Muzsika
1989- freischaffender Schriftsteller
1990-1993 Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes
1992-1996 Vorsitzender der László-Németh-Gesellschaft

Preise:
1985 Attila-József-Preis; 1986 Buch des Jahres; 1989 Gedenkmedaille László Németh; 1992 Gedenkmedaille für 1956; 1994 amerikanischer Lebenswerkpreis der Getz Corporation; 1996 Buch des Jahres; Offizierskreuz des Verdienstordens der Republik, 1997 Tiszatáj-Preis; Imre Nagy-Plakette; 2000 Sándor Márai-Preis; 2000 Goldmedaille des Staatspräsidenten; 2005 Kossuth-Preis

Die Akten der Untersuchung. Bericht vom Prozess in Tiszaeszlár
1976

Im Frühjahr 1882 verschwand in Tiszaeszlár ein vierzehnjähriges Mädchen, Eszter Solymosi, deren Leichnam man später im Fluss fand. Mit dem Mord an dem Mädchen wurden die ortsansässigen Juden beschuldigt, man behauptete, sie hätten einen Ritualmord begangen und das Blut des Mädchens in die Matze zum Feiertag gemengt. Die Anschuldigung beruhte auf einer einzigen Aussage eines fünfjährigen Jungen und wuchs zu einer Angelegenheit von landesweiter Bedeutung an, selbst die großen Zeitungen berichteten und sie wurde im Parlament zum Thema. Der Prozess begann 1883, die Verteidigung der Angeklagten übernahm Károly Eötvös, ein liberaler Rechtsanwalt, und der Prozess endete mit der Freisprechung der in den Schmutz gezogenen Angeklagten. Iván Sándor beschäftigte dieses Thema bereits seit langer Zeit, in den sechziger Jahren schrieb er sogar ein Drama mit dem Titel "Tiszaeszlár". Wie er selbst sagt, interessierte ihn die Technik der Schauprozesse, die Entstehung von irrationalen Mythen, die auf fingierten Anschuldigungen basieren. Die Akten der Untersuchung ist ein essayistischer Roman, eine historische Soziografie. Sándor beschäftigt sich darin eingehend mit Károly Eötvös selbst, gibt einen Überblick über die ungarische Geschichte und durchdenkt, was wohl dazu geführt haben mochte, dass der Antisemitismus sich zum Ende des 19. Jahrhunderts fast allgemein verbreiten konnte. Dabei verwendet er zahlreiche Dokumente, zeitgenössische Artikel der ungarischen und internationalen Presse. Er schildert die unmittelbare Vorgeschichte, stellt die Entstehung der Anklage dar, die "Fabrikation" der Konzeption, den Verlauf des Prozesses, so beispielsweise das Verhör des fünfjährigen Jungen und seines dreizehnjährigen Bruders. Bei seinem historischen Überblick kommt er allerdings nicht in der Zeit des Prozesses zum Ende, sondern führt ihn ganz bis zur Gegenwart des Schreibens fort. Man erfährt, dass die Legende des Ritualmordes in dem Dorf bis zu den siebziger Jahren erhalten geblieben ist, ja, vielleicht auch bis in unsere Tage.

Geliebte Liv
2002

Der Roman handelt von der Suche dreier Menschen - László Zoltán, Gábor Szekér und Liv - nach ihrer Vergangenheit und Gegenwart, von der Revolution 1956 und dem halben Jahrhundert danach, vom Theater und von der Liebe. Man könnte sagen, es ist ein historischer Roman, man könnte aber auch sagen, ein Liebesroman. László Zoltán ist Dramaturg am Theater, er erhält die Genehmigung, an den Proben eines namhaften polnischen Regisseurs in Paris teilzunehmen. Liv lebt in Paris, ihre Mutter ist eine ungarische Jüdin, die Mauthausen überlebt hat, und Gábor - Livs Freund - ist 1956 als Emigrant nach Frankreich gekommen. Sie ziehen zu dritt durch Paris, während sich zwischen Liv und László allmählich eine Liebesgeschichte entfaltet. Für László bedeutet das Regietagebuch seines Vaters, der von den Nazis in den Tod getrieben wurde, gewissermaßen eine Stütze, für Gábor sind es die Erlebnisse von 1956, und Liv, die das Gefühl hat, keine eigene Geschichte zu haben, klammert sich an die Erlebnisse der beiden Männer. In den Nebenfiguren kann der Leser die wirklichen Personen des ungarischen Theaterlebens und der Kunst wiedererkennen. Die drei Personen, die an den Ecken des Dreiecks stehen, durchleben die Geschichte des jeweils anderen, erleben erneut die Schicksalswenden des 20. Jahrhunderts, den Weltkrieg, 1956, 1968 und die Veränderungen im Jahr 1989, das heißt die nicht aufgearbeiteten Traumata. So erscheint beispielsweise in der Person Leutnant Tóths der Offizier des kommunistischen Geheimdienstes, der László Zoltán versucht zu überzeugen, als Spitzel tätig zu werden, jedoch ohne Erfolg. Danach darf László nicht mehr nach Paris reisen, Liv pendelt zwischen Paris und Budapest. Gábor gelangt als Ingenieur nach Algerien, wo er mit der Last der Heimatlosigkeit ringt, bis er schließlich bei einer Explosion sein Leben verliert. Tóth taucht auch nach der Wende wieder auf, nun bereits in einer wichtigen Position des Außenministeriums, wie jemand, der schon immer im Dienst der Demokratie gestanden hätte. Der Erzähler ist im Grunde genommen László, doch lässt er auch immer andere zu Wort kommen, die Erzählung ist von Texten anderer Figuren durchwoben. Somit entfaltet ein Roman, der gleichzeitig einen Ich-Erzähler besitzt und doch auch als polyphoner Roman bezeichnet werden kann.

Nachforschung
2006

Es ist schwer zu sagen, wer (oder vielleicht auch was) der eigentliche Held von Iván Sándors neuem Roman ist. Der vierzehnjährige Junge, der in den furchtbaren Monaten des Jahres 1944, nach dem Einmarsch der Deutschen und der Machtübernahme durch die ungarischen Nationalsozialisten, von seiner Familie getrennt, versucht, sich im belagerten Budapest zu verstecken, zu fliehen, am Leben zu bleiben? Vielleicht der Erzähler selbst, der seinen eigenen einstigen Fußspuren folgt und so die Vergangenheit wieder erlebt, neu schreibt, wobei er bemüht ist, die Spuren, Schauplätze und Zusammenhänge von damals zu finden? Oder Carl Lutz, der mutige (oder eher im Laufe der Handlung mutig werdende) Schweizer Diplomat, der sich den offiziellen Befehlen widersetzt und das Leben von mehreren Hundert, ja Tausend Menschen rettet, indem er ihnen Schutzpässe ausstellt und für den fortwährenden Schutz der mit dem Judenstern gekennzeichneten Häuser sorgt? In dem sorgfältig komponierten Roman Iván Sándors spielen außer den Menschen noch Raum und Zeit eine bedeutende Rolle. Der Erzähler spaziert mit dem Leser durch die Straßen verschiedener Stadtteile Budapests: von Zugló nach Óbuda, von Terézváros in die Innenstadt. In ihren Schritten hört man das Echo vieler Tausender anderer Schritte. Genau dies ist die andere spannende Grundidee, die die Poetik des Romans ausmacht und sich konsequent durch das gesamte Buch zieht: Vergangenheit und Gegenwart sind keine eigenständigen, voneinander abgegrenzte Zeiteinheiten, sondern eine simultan präsente Erfahrung; wir sind mit zwei Protagonisten gleichzeitig in zwei Zeiten, stehen außerhalb der Zeit und sind dennoch mitten in dessen Fluss. In dem gemeinsamen Raum, dem wirklichen Raum aus dem Jahr 1944 und von heute stehen verschiedene Zeitfragmente nebeneinander, das Erzählte wird zeitgleich. Der in naher Zukunft auch auf Deutsch erscheinende Roman "Spurensuche" ist wohl das am meisten gelungene Stück aus Iván Sándors Lebenswerk. Ein mit autobiographischen Elementen offen durchwobener historischer Roman. Aber auch ein Roman der nach dem Weshalb und dem Wie der historischen Ereignisfolgen fragt, ein Geständnis, das die Konfrontation mit der Vergangenheit befürwortet und sich dieser auch stellt. Und ein Essayroman, der nach den letzten, philosophischen Möglichkeiten und Chancen der Beschreibbarkeit und Erzählbarkeit fragt.

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