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Gábor SCHEIN
( 1969 )

Biographie

1969 (2. Juli) in Budapest geboren
1988-1990 Studium der Hungarologie und Germanistik an der Universität Debrecen
1990-1993 Studium der Hungarologie und Germanistik an der Budapester Universität ELTE
1994-1996 Lehrtätigkeit am Institut für Germanistik an der Universität Debrecen (Neuere Deutsche Literatur)
1994-1996 Redakteur der literarischen Zeitschrift Határ
1995- Lehrtätigkeit am Lehrstuhl für Moderne Ungarische Literatur an der Budapester Universität ELTE
1996- Redakteur der philosophischen und theologischen Zeitschrift Pannonhalmi Szemle
1997 Promotion mit einer Doktorarbeit über die Poetik des Újhold-Kreise an der ELTE in Budapest
2000-2001 Franz Werfel-Forschungsstipendium und Wien-Aufenthalt
2003- Chefredakteur der akademischen Zeitschrift für ungarische Literaturgeschichte Irodalomtörténet

Lazarus
2004

"Lazarus" ist der zweite Kurzroman des jungen Dichters und Schriftstellers Gábor Schein. Sein erster Roman, "Das Buch Mordechais", ist mit einer alttestamentarischen Geschichte in Beziehung gesetzte heutige Familiengeschichte. Auch in seinem zweiten Kurzroman greift Schein zur Bibel, zur Erzählung von der Wiederweckung des Lazarus, um den Tod des Vaters aufzuarbeiten. Auch in diesem Roman schildert er im Grunde genommen eine Familiengeschichte, die Geschichte einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie im Ungarn der Kádár-Ära. Mit den Eltern geschieht eigentlich nichts, nichts Besonderes. Der Holocaust wurde, wie so kennzeichnend für viele jüdische Familien in Ungarn, verschwiegen, man redete ihn sich nicht von der Seele, womit das ohnehin schrecklich Trauma durch Scham und Selbsthass nur verstärkt wurde. Diese Familiengeschichte handelt eher von dem Schweigen und Verschweigen als von den Gliedern, welche eine Familie zusammenschweißen müssten. Der Roman verfügt über zwei Ebenen. Mal spricht Péter, der bereits erwachsene Sohn, zu seinem als M. benannten toten Vater, der ihm auf dem Totenbett untersagt hat, über ihn zu sprechen oder zu schreiben (Schein verweist auch auf Kafkas berühmten "Brief an den Vater", in dem der Körper des Vaters in ähnlicher Weise abstoßend erscheint), mal ist die Erzählperspektive eine narrative Außensicht. Diese Struktur verleiht dem Buch eine besondere Dynamik, und diese Rhythmik schafft die dramatische Spannung. Eine wichtige Figur des Romans ist der Großvater, Fotograf und Drucker, der zwar auch nichts erzählt hat, jedoch ein Lehrbuch für Fotografie geschrieben hat, in dem er über die Technik schreibt, mit welcher Klischees hervorgerufen werden. Dieses Buch liest der Sohn als eine Art versteckte Botschaft und versucht, daraus einen metaphorischen Sinn für sich zu erschließen, da ihn nur Schweigen umgibt. Im Roman heißt es: "Und wie schon früher, zwingt mich deine Stummheit, dieses gereizte, beleidigte Zurückweisen des Gesprächs, das mich, der ich immer Erklärungen wollte, Geschichten, welche die undurchdringbare Bitterkeit zumindest verständlich werden ließen, in die ausweglosesten Situationen drängte, auch jetzt wieder zu reden, nunmehr ohne jede Hoffnung auf Antwort, während ich deine Stummheit dennoch als Stummheit bewahren möchte. Nur das Reden kann deinen Tod verstummen lassen." Wie Béla Bacsó schreibt, Lazarus ist das Buch eines Versuchs, den Vater wiederzuerwecken.

Klagelieder
2005

In seinem letzten Lyrikband "Klagelieder" hat es den Anschein, als schließe der Dichter etwas ab, die Vergangenheit, die er sich bislang bemühte wiederzubeleben, neu zu schaffen. Hier nimmt er Abschied von der scheinbar endgültig verlorengegangenen Welt, in der höchstens die Sprache in der Lage ist, die Erinnerungen wachzurufen. Die vier Gedichte gleichen Titels, die Klagelieder, sind im Band (scheinbar) zufällig platziert, was dem Werk allerdings eine Dynamik verleiht, aus der drei Gedichtzyklen entstehen. Doch nimmt Schein nicht einfach Abschied von der Vergangenheit. Auch wenn das, was vergangen ist, nicht mehr wiederbelebt werden kann, und dies kann es nicht, auch dann muss es ein Weiter geben, und dieses Weiter kann seinen Ausgangspunkt wiederum nur in der Vergangenheit haben, denn von woanders kann es nicht ausgehen: "aus alten Steinen baut / die Erinnerung eine unbezwingbare Stadt". Aus der Wiederbelebung entsteht etwas, das in Beziehung zum Alten steht, doch neu und anders geartet ist.

Traditio – Fortsetzung und Verrat
2009

Der vielseitige (Dichter, Essayist, Übersetzer, Literaturwissenschaftler) Gábor Schein (1969) untersucht in seinem Band Traditio – Fortsetzung und Verrat auf verschiedenen Ebenen die Tradierung der Moderne und die Widersprüche der Modernität. In Scheins Perspektive bekommen das literarische Institutionssystem des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts, die Geschichte des Scheiterns der Assimilationsversuche der ungarischen Juden und die im Kontext der literarischen Übersetzung beleuchtete Dialektik des Eigenen und des Fremden nebeneinander Platz. Schein beschreibt die ständig neu entstehenden Gegensatzpaare (Politik-Literatur, ungarisch-jüdisch, Ästehtik-Ideologie, alt-neu, eigen-fremd) in ihrem historischen Umfeld und in ständiger Bewegung, in ihren aufeinander wirkenden Veränderungen durch den Verhältnisbegriff der Tradition.

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Neuigkeiten aus dem UNGARISCHEN LITERARISCHEN LEBEN