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György SPIRÓ
( 1946 )

» Gefangenschaft (2005)

Biographie

4. April 1946 Geboren in Budapest
1963-70 Studium der ungarischen, russischen und
serbokroatischen Literatur in Budapest
1972 Soziologiestudium an der Hochschule der Journalisten
1971-75 Redakteur beim Corvina Verlag, unterrichtet an der
Hochschule für Film und Theater in Budapest
1975-77 und 1978-79 Dramaturg am Nationaltheater
1978-81 Osteuropa-Forschung an der Ungarischen Akademie der
Wissenschaften, Kandidat der Literaturwissenschaften
1986-92 Direktor des Csiky Gergely Theaters in Kaposvár
1992-95 Direktor des Szigligeti Theaters in Szolnok
1990-97 Unterrichtet an der Hochschule für Film und Theater in
Budapest, habilitierter Dozent an der Universität
Budapest


Preise:
1982 Attila-József-Preis; 1989-97 Széchenyi-Professoren-Stipendium; 1990 Erzsébet-Preis; 1993 Tibor-Déry-Preis; 1994 Imre-Madách-Preis; 1997 Ernö-Szép-Auszeichnung; 1998 Lorbeerkranz der Republik Ungarn; 2006 Kossuth-Preis

Gefangenschaft
2005

Der vierte Roman von György Spiró war die Sensation des Jahres 2005 in Ungarn. Spiró schreibt in allen seinen vier Romanen von dem Verhältnis des Individuums zur Geschichte. Das jetzige Werk spielt im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt im Römischen Reich, zur Zeit der Entstehung des Christentums. Es beschäftigt sich jedoch nicht mit dem Urchristentum, sondern mit jener politischen und geistigen Welt, die im ersten Jahrhundert herrschte, so erscheint hier das Christentum selbst - entsprechend seines damaligen Stellenwertes - nur als eine unwesentliche Sekte. Gefangenschaft ist ein wahrer Abenteuerroman. Der Protagonist des Romans, der römische Jude Uri (Gaius Theodorus), ist von schwacher Gestalt, ein hässlicher kurzsichtiger junger Mann, den sein Vater, sein kleines Vermögen riskierend, in eine Delegation stecken lässt, die die Steuer der römischen jüdischen Gemeinschaft nach Jerusalem bringt. Uri durchreist das halbe Reich (die erst große, globalisierte Welt der Weltgeschichte), er gelangt nach Judäa, dann nach Alexandria und schließlich zurück nach Italien. Mal sitzt er in Jerusalem im Gefängnis (möglicherweise zusammen mit Jesus), mal isst er mit Pilatus zu Abend, mal muss er unter einfachen judäischen Bauersleuten als ärmlicher Heimatloser arbeiten, mal verwöhnen ihn alexandrinische Huren, dann hat er wieder die Möglichkeit, Schüler am berühmten Gymnasium zu werden, später überlebt er das alexandrinische Pogrom im vielleicht ersten Getto der Weltgeschichte. Nach Rom heimgekehrt muss er die Schulden seines zwischenzeitlich verstorbenen Vaters zurückzahlen, während er mal der Sekretär der reichsten jüdischen Würdenträger ist, mal bei Bauarbeiten der Kaiser arbeitet, mal ein besitzloser Heimatloser ist, weil ihn gerade seine römischen Glaubensbrüder ungerechterweise als Nazarener abstempeln und er deswegen seine Heimatstadt verlassen muss. Während seines aufregenden Lebens voller Wendungen geschehen mit ihm unzählige Dinge (beispielsweise übt er mehrere Dutzend Berufe nacheinander profimäßig aus). Uri ist eigentlich eine zeitgenössische intellektuelle Figur: Er liest unglaublich viel, spricht Sprachen, versteht sich auf Millionen Sachen, ist ein kluger Kopf. Unzählige Male gerät er in Lebensgefahr, manches Mal hat er auch Glück, und doch bringt er es letzten Endes zu nichts. Obwohl er mit der Zeit auch eine Familie gründet, stirbt er doch einsam und verlassen, im Elend. Der letzte Satz lautet: "Ich will noch immer leben, dachte er, und wunderte sich." Seine Verwunderung ist kein Wunder, nach alldem, was mit ihm geschehen ist. Nach wirklich historischen Abenteuern ist Uri in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden, er erhebt sich über die gegebene politisch-religiöse Welt. Er erkennt, dass es das beste ist, wenn er sich zurückzieht, versteckt, so kann er am Leben bleiben. Dabei durchschaut er mit seinem scharfen Verstand die Situation. Er kennt die Welt der römischen und jüdischen Vornehmen, gehört aber nicht wirklich dazu. Er kennt die geistigen Bewegungen der Zeit, doch hält er sie fern von sich. Uri ist ein wahrer klassischer Romanheld, durch dessen Geschichte die ganze Welt beschrieben werden kann, in der er gelebt hat. Das Werk ist zudem ein ausgezeichneter historischer Roman, der Leser erhält gründliche und genaue Schilderungen von den politischen, wirtschaftlichen, geografischen, militärischen und religiösen Verhältnissen der Zeit, von den Besonderheiten des alltäglichen Lebens. All dies und die Handlung, die voller Wendungen steckt, verlocken den Leser dazu, die Geschehnisse gespannt zu verfolgen. Am Ende jedoch müssen wir uns darüber Gedanken machen, wozu das alles? Wozu die Kämpfe, die Religionen, wozu soll man kämpfen? Hat das überhaupt Sinn? Warum ist letztendlich der Massenmord das, was die Geschichte bestimmt? Warum vertrauen die Menschen auf immer neue Dinge, wenn sie doch enttäuscht werden? Die dämonische Natur der Geschichte zeichnet sich in diesem sensationellen Roman ab. "Sowohl historisch als auch ethisch ist ein ganz besonders bedeutendes Gleichnis entstanden... es gibt keinen literarischen Tisch, der unter "Gefangenschaft" nicht zusammenbrechen würde..." István Margócsy, Élet és Irodalom "Dieses Buch ist das große Ereignis des Jahres." Pál Závada, Népszabadság "Es würde nicht überraschen, wenn ihn die Literaturhistoriker in Kürze als den Neuinterpreten und Erneuerer des postmodernen Romans bezeichnen würden..." Gergely Mézes, Magyar Hírlap "...von der ersten Seite an liest er sich unglaublich gut... Der auf dem riesigen Quellenmaterial aufbauende Roman ist sowohl unter historischem als auch literarischem Gesichtspunkt gleichermaßen authentisch." Magda Ferch, Magyar Nemzet

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