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Lőrinc SZABÓ
( 1900 - 1957 )

» Erde, Wald, Gott (1922 )
» Du und die Welt (1932)
» Grillenmusik (1947 )
» Das sechsundzwanzigste Jahr (1957)

Biographie

1900 (31. März) in Miskolc geboren
1919 Studium an der Budapester Philosophischen Fakultät begonnen; bedeutender als das Universitätsstudium waren jedoch die zwei Jahre, die er bei dem befreundeten ungarischen Dichter Mihály Babits wohnte
1921 eigene Beiträge, Übersetzungen und Rezensionen für die bedeutende modernistische Zeitschrift Nyugat (Westen), Mitarbeiter der Zeitschrift Est (Abendblätter)
1922 Erscheinen des ersten Gedichtbandes
1927 leitender Redakteur der eigenen, aber nur kurz erscheinende Zeitschrift Pandora; Mitarbeiter der Zeitung Pesti Napló (Pester Tageblatt)
1957 (3. Oktober) in Budapest gestorben

Wichtigste Preise
1932, 1937, 1944 Baumgarten-Preis; 1957 Kossuth-Preis

Erde, Wald, Gott
1922

"Die Gedichte in 'Föld, erdő, isten' habe ich bei Babits liegend geschrieben. Zuerst flossen aus meiner Feder nur unreife Werke. Den Einfluss von Babits sieht man ihnen nicht an, weil er von der reinlosen, jambischen Form verdeckt wird. Im Allgemeinen ist eher der Einfluss Stefan Georges bzw. dessen Hirtengedichte spürbar, vor allem was den Stil anbelangt." (Lőrinc Szabó, Vers és valóság, 2001, Gedicht und Wirklichkeit) Als junger Dichter war Szabó zur renommierten Zeitschrift Nyugat (Westen) gekommen und wurde von Mihály Babits als hoffnungsvolles Talent gefördert. Im literarischen Mittelpunkt der Hauptstadt, im Kaffeehaus Central, traf er auf die großen Literaten der Epoche wie Schöpflin, Árpád Tóth und Zsigmond Móricz. Zusammen mit Babits und Tóth übersetzte er Baudelaires "Blumen des Bösen". In seinem Debütband ist vor allem die Wirkung des Expressionismus, aber auch die der neuen Sachlichkeit ("A Bazilikában zúg a harang", In der Basilika dröhnt die Glocke, 1926) zu spüren; thematisch beschwört er eine Harmonie der Natur, eine bukolische, mit jugendlich pantheistischer Fantasie ausgemalte Welt. In den folgenden Gedichtbänden, "Kalibán!" (1923), "Fény, fény, fény" (1925) und "A Sátán Műremekei" (1926) feiert er einerseits die Errungenschaften der Technik und den Willen des Menschen, Großes zu schaffen ("Óda a genovai kikötőhöz", Ode an den Hafen von Genua), stellt aber andererseits auch die Grenzen des Daseins und die Schwindel erregende Kraft und Macht des Geldes heraus ("Grand Hotel Miramonti"). Dabei erprobt er sich auf der Suche nach dem eigenen Stil formal an verschiedenen metrischen Formen aus, vom Prosavers, über den englischen Blankvers bis hin zum freien Vers, und lotet dabei das Spannungsfeld zwischen avantgardistischen Möglichkeiten und klassizisierender Regelmäßigkeit aus.

Du und die Welt
1932

An der dichtungsgeschichtlichen Bedeutung des Bandes "Te meg a világ" ließ schon die zeitgenössische Literaturkritik keinen Zweifel. Auch die spätere Literaturgeschichte hat die herausragende Rolle dieses Werkes immer wieder bekräftigt. Wurden zunächst die Texte als Ausdruck des jeweils gegenteiligen Standpunktes des Dichters gelesen, gebührt der Verdienst dem ungarischen Literaturhistoriker Lóránt Kabdebó, eine Dialogizität der Gedichte, d.h. die besondere Konstitution des lyrischen Ichs, als eines der wichtigsten Kennzeichen der Lyrik Szabós herausgestellt zu haben. Diese dialogische Seinswahrnehmung ordnet die Dichtung Lőrinc Szabós in die weltliterarischen Strömungen der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts ein. Die Texte aus "Te meg a világ" wurden vor dem Hintergrund der Philosophie Bertrand Russells und dessen erkenntnistheoretischen Methode wahrgenommen, aber auch dem Einfluss Nietzsches zugerechnet. Neben der subjektiven Redeweise ist auch immer eine damit im Widerstreit stehende und darüber hinaus gehende depersonalisierte Perspektive in den Texten anwesend, wie es im Gedicht "Semmiért egészen" (Alles für nichts) eindrücklich vorgeführt wird: "Ich richt mich nicht nach neuen Rechten, / die viele heute fordern möchten. / Nach außen Sklave, will ich Herr / im Innern sein. / Nicht anders kann ich freun mich mehr / als nur nach meiner Norm allein." (Übersetzung: Annemarie Bostroem) Im Gegensatz zu den Texten der früheren Bände, wo sich Subjekt und Welt starr gegenüberstanden, weisen subjektive Rede und abstrakte Wahrnehmung nun auf die Unbestimmtheit der Dinge und verwischen die Grenzen zwischen Subjekt und Welt, wie es die Literaturwissenschaftlerin Mónika Dózsai anhand der Texte "Börtönök" (Gefängnisse), "Célok és hasznok között" (Zwischen Zielen und Nutzen) und "Testem" (Mein Körper) aufzeigt.

Grillenmusik
1947

Der aus 370 Gedichten zu je 18 Zeilen bestehende Gedichtband kann einerseits als Erinnerungskette von autobiografischen Episoden aufgefasst werden, andererseits als lyrischer Ausdruck der Zeitlichkeit des individuellen Seins, der sich nicht als bewusste Erinnerung gibt, sondern Sentenzen unwillkürlich erscheinen lässt, die sich jedoch einer Ordnung des Unterbrochenseins, der Wiederholung und der zyklischen Wiederkehr fügen. Konkrete Lebensbilder wechseln mit Texten, die die Intensität eines Erlebnisses oder einen Gedanken vertiefen. Jüngere Lesarten versuchen, die "Grillenmusik"-Texte gegen die autobiografische Referenz zu lesen, indem sie die sprachliche Verfasstheit der Gedichte in den Vordergrund rücken.

Das sechsundzwanzigste Jahr
1957

Der aus 120 Sonetten bestehende Zyklus - nach dem Vorbild Shakespeares - entstand nach dem Selbstmord Erzsébet Korzátis, die fünfundzwanzig Jahre lang ein Liebesverhältnis mit dem Dichter verband. Günther Deicke, der die deutsche Übersetzung anhand von Interlinearübersetzungen besorgte, würdigt das Werk als "eine materialistische Auseinandersetzung mit dem Tod, ein unbarmherziges Auseinanderfetzen des mystischen Schleiers, den alle Religionen über den Tod gezogen haben. Und eine Lobpreisung des Hiesigen, des Lebens, der irdischen Liebe, der Möglichkeit des Glücks, leidenschaftliche Klage auch um seine Grenzen. Empörung des Individuums schließlich gegen die Grenzen, welche die Materie ihm setzt, gegen die Vermassung auch in jeder Hinsicht, die den Menschen dem Staubkorn gleichsetzt oder allenfalls der Ameise und ihm die bürgerlichen Moralgesetze aufzwingt, die ihm die Kräfte fesseln."

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