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Miklós SZENTKUTHY
( 1908 - 1988 )

» Robert Barock (1927 / 1991 )
» Prae (1934 )
» Das Brevier des Heiligen Orpheus (1939/1993)

Biographie

1908 in Budapest geboren
1931 Abschluss des Anglistik-Studiums in Budapest
1928 Reisen durch Europa
1931/32, 1948 Studium in England
1949-1958 als Lehrer tätig
1988 in Budapest gestorben

Preise:
1948 Baumgarten-Preis; 1977 Attila-József-Preis; 1982 Milán-Füst-Preis; 1988 Kossuth-Preis

Robert Barock
1927 / 1991

Den Roman "Robert Barock" schrieb Szentkuthy außergewöhnlich früh, im Alter von nur neunzehn Jahren. Darin liegt auch begründet, dass sich der Roman mit den Problemen der Jugendlichen beschäftigt, es handelt sich im Grunde genommen um das Tagbuch eines Jugendlichen, ist jedoch in einer Weise geschrieben, die den späteren bedeutenden Prosaschriftsteller bereits erahnen lässt. Wer anderes könnte Robert Barock sein als Szentkuthy selbst? Wessen Sorgen, Gedanken, Gefühle, Probleme, Zweifel oder Sehnsüchte könnte ein neunzehnjähriger junger Mann schildern als seine eigenen? Das Pseudonym, hinter dem er sich verbirgt, ist das einzige, das in diesem Roman nicht er ist. Doch auch dieses Pseudonym, Robert Barock, ist gewissermaßen eine Projektion seines späteren schriftstellerischen Programms. Was beschäftigt Robert Barock? All das, was auch andere Jugendliche beschäftigt. Das Verhältnis zum Vater, die gerade auftauchende, noch unentdeckte Sexualität, und im Falle Barock-Szentkuthys eine tief verwurzelte Religiosität. Der puritanisch erzogene Bürgersohn aus Buda versucht, sich von seinen Eltern zu lösen, in seine eigene Welt zu finden, wobei er nicht allein mit seinen Eltern ringt, sondern auch mit sich selbst. Genauer gesagt, ringen in ihm das Heilige und die Sexualität miteinander, da es sich bei der Religiosität Barocks nicht einfach um einen tief verwurzelten Glauben handelt, man könnte sie vielmehr als Fanatismus bezeichnen, er befindet sich wie in einem Rauschzustand. Was seine Gefühle angeht, ist Robert ein pubertierender Jugendlicher mit einer übersteigerten erotischen Fantasie, sein Intellekt hingegen ist eher altklug, wobei ihm auch das Erlebnis der Askese nicht fernsteht. Was er sucht, ist nichts anderes als die harmonische Liebe, die sanften Gefühle zum weiblichen Geschlecht. Robert Barock ist neben alldem, wie bereits angedeutet, ein vorausweisender Roman, es ist nicht nur die Beschreibung der Sorgen und Kämpfe eines Jugendlichen, sondern wirft auch Szentkuthys schriftstellerische Laufbahn voraus. Neben all den erotischen Sehnsüchten formuliert er nämlich auch einen anderen, der sich später dann erfüllt: "Ich möchte schreiben, unglaublich wilde, von Kokain berauschte Märchen."

Prae
1934

Auch das Werk "Prae" schrieb Miklós Szentkuthy sehr jung, im Alter zwischen zwanzig und vierundzwanzig Jahren. Die Kritiker halten es bis zum heutigen Tag für eines seiner Hauptwerke wie auch er selbst, wenngleich er es zunächst als eine Vorarbeit zu seinem großen Werk vorgesehen hatte. Doch es ist wesentlich bedeutender gelungen als eine solche: Das Buch ist die Skizze eines fiktiven, zukünftigen Romans. Szentkuthy erstellt mit großem stilistischen Können Novellenentwürfe zu seinem vorgestellten Roman, er erzählt von wirklichen und fiktiven Romanen mit wirklichen oder fiktiven Personen, erörtert metaphysische, ethische und philosophische Fragen, während er die Dialoge seines Romans, den zu schreiben er beabsichtigt, von Gestalten aus der Mythologie oder der Weltliteratur sprechen lässt. Es ist durchaus kein Zufall, dass er sich einst den Namen Robert Barock gab: "Prae" gleicht einer mit Verzierungen und Prunk gefüllten Barockkirche. Das als Vorarbeit vorgesehene Werk ist die fantastisch-wundersame Welt eines vollkommen reifen Autors. Antal Szerb schreibt zu dem Buch: "Wir besitzen kein weiteres Buch, das so intelligent ist wie 'Prae'. Es erklimmt in einer leichten, spielerischen, ironischen und unvergleichlich individuellen Weise die höchsten Gipfel des europäischen Geistes. Dass dieses Buch auf ungarisch geschrieben wurde, wird eines der bedeutenden Zeugnisse unserer ungarischen Kultur werden."

Das Brevier des Heiligen Orpheus
1939/1993

Ähnlich wie bei Szentkuthys Buch "Prae" sind sowohl Kritik als auch der Autor selbst der Ansicht, dass es sich bei dem fünfbändigen Werk mit dem Titel "Das Brevier des Heiligen Orpheus" um dessen Hauptwerk handelt. Es hat sogar ein wenig den Anschein, als sei jedes Buch Szentkuthys, ja alles, was er jemals zu Papier brachte, Teil des "Heiligen Orpheus". Aus diesem Grund kann auch das, was der Autor selbst im Zusammenhang mit seinem Werk "Prae" äußerte, nämlich dass es sich um die Vorarbeit zu einem großen Werk handle, durchaus berechtigt sein. Dieses Werk, dessen Gattung (Roman? Essays? Kulturgeschichtliche Aufätze?) äußerst schwer zu bestimmen ist, schrieb Szentkuthy viele Jahrzehnte lang, von 1935 bis 1983. Im weltliterarischen Vergleich pflegt man meist die Namen von Joyce und Proust in diesem Zusammenhang zu erwähnen, da sich auch in ihren Werken Wirklichkeit und Mythos vermischen. Doch was ist die Wirklichkeit? Szentkuthys Ansicht nach sind auch Joyce und Proust vollkommene Realisten, und er selbst ein Hyperrealist, denn in seinen philosophischen Überlegungen zur Wirklichkeit und zu den (erhabenen und lächerlichen) Mythen "greift er der Wirklichkeit voraus", als schaffe er in der Zeit vor der Entwicklung der Computer eine Art virtueller Wirklichkeit. Er war sich dessen bewusst, dass sein neuer großer Roman, trotz aller barocker Bezüge, einer neuen Sprache und Struktur bedurfte, und was er im Bereich der Neuerungen erreichen wollte, erreichte er auch, die Poetisierung seiner epischen Sprache war eine seiner bedeutendsten Leistungen. Über "Das Brevier des Heiligen Orpheus" schreibt Gyula Rugási: "Das Fundament für die Orpheus-Reihe von Szentkuthy bedeutet das Umfassen der zweitausend Jahre christlicher Zivilisation in einer einzigen Einheit, ihre Darstellung auf einer einzigen dramatischen Bühne." Und obgleich man auch diesem Buch, wie allen seinen Büchern, mit den zwiespältigen Gefühlen von Zweifel und Begeisterung begegnete, kann "Das Brevier des Heiligen Orpheus", dieser nahezu fünfzig Jahre von Szentkuthys schriftstellerischem Lebenswerk umfassende Textfluss, wohl mit Recht als eines der bedeutendsten Prosawerke des 20. Jahrhunderts betrachtet werden.

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