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Ernő SZÉP
( 1884 - 1953 )

» Drei Wochen in 1944 (1945)
» Natalia (2008)

Biographie

1884 (30. Juni) in Huszt (heute Huszt, Ukraine), Schulzeit in Debrecen
ab 1903 in Budapest als Journalist, Kolumnen- und Chansonschreiber, Mitarbeiter bei der 1908 neu gegründeten Zeitschrift Nyugat (Westen)
1914 als freiwilliger Krankenpfleger und Kriegsberichterstatter im Ersten Weltkrieg
1920-1921 Emigration in Wien
ab 1925 Mitarbeiter der Zeitung Az Újság (Die Zeitung), dem Sprachrohr bürgerlich-liberaler Ideen
1920-1930 gefeierter Bühnenautor
1944 wegen seiner jüdischen Herkunft interniert, mit Hilfe der schwedischen Botschaft für kurze Zeit gerettet, im Oktober für drei Wochen zur Zwangsarbeit deportiert
nach 1948 Leben in Armut, zum Mitglied der Petőfi-Gesellschaft gewählt
1953 (2. Oktober) in Budapest gestorben

Drei Wochen in 1944
1945

Wegen seiner jüdischen Herkunft musste Ernő Szép 1944 den gelben Stern tragen und von dem Hotel, in dem er mehr als dreißig Jahre gehaust hatte, zwangsweise in ein so genanntes "jüdisches" Haus umziehen. Von dort aus wurde er von Pfeilkreuzlern zusammen mit anderen älteren Männern, die "wegen eines Geburtsfehlers eine jüdische Einteilung erhalten hatten", in ein Arbeitslager deportiert. Nach drei Wochen kehrte er zurück: "Was vom nächsten Tag, vom 10. November, an mit mir und uns allen geschah, werde ich nicht mehr erzählen. Das darf man, nach meinem Gefühl, nicht niederschreiben und nicht glauben." 1945 wurde das schmale Buch über drei Wochen Zwangsarbeit herausgegeben, danach durfte es vierzig Jahre nicht mehr erscheinen, um dann nach der Neuausgabe 1984 innerhalb kürzester Zeit vergriffen zu sein. "Ernő Széps Büchlein ist grundverschieden von allem, was wir zu diesem Thema in der Literatur lesen können. Der Ton ist jener der Konsternation, der Ironie auch; mit der scheinbar leichten Feder des Feuilletonisten berichtet er genau von allem, gibt eine Reihe lebendiger Porträts und Nahaufnahmen und kann gleichzeitig nicht daran glauben, was hier geschieht. Als er die Erlebnisse dieser drei Wochen zu Papier bringt, kennt er bereits weit Furchtbareres - davon wird er nicht schreiben. [...] Das Erschrecken des Kulturmenschen, der diese Kultur in sein Buch hinüberrettet." (Eva Haldimann)

Natalia
2008

"Ich war Ernő Szép." Mit diesem bitteren und zugleich mutigen Satz stellte sich Ernő Szép in den letzten Jahren seines Lebens vor. Seine Bitterkeit und sein Mut waren eins mit seiner Naivität, Reinheit und geistiger Brillanz. Er gehörte zu den depressiven Humoristen, die, allein durch ihre Gleichgültigkeit, die Existenz einer einzigen Wahrheit proklamierenden Ideologien oder Machtsystemen stets im Weg sind. Denn nach der Rückkehr aus dem Zwangsarbeitslager wollte er nicht Lenins Ideen folgen - was in Ungarn ein Beruf, ja ein Schicksal für sich war. "Natália" ist in Ungarn dieses Jahr zum ersten Mal erschienen. Auch dieser späte, mattglänzende Erfolg hat etwas Ernőszéphaftes an sich. Széps Lebenswerk wartet fortwährend darauf, entdeckt zu werden. Man sollte endlich aufhören, nur die reizende Kaffeehausgestalt in ihm zu sehen, denn er war auch ein bedeutender Literat. (Dezső Tandori leistet mit seinen ausgezeichneten Essays über Ernő Szép in dieser Hinsicht viel.) Der Protagonist von "Natália" ist der neunzehnjährige Ernő Szép, der nach Budapest kommt, um dort sein Abitur zu machen. Algebra ist etwas, was er überhaupt nicht versteht, dafür geht ihm das Gedichteschreiben leicht von der Hand. Er entscheidet sich, die Schule abzubrechen und sein Brot mit Schreiben zu verdienen (so gesehen haben wir es mit einem Werk aus der Gattung der Sciencefiction zu tun). Auf der letzten Seite des Romans wird er schließlich Mitarbeiter der Tageszeitung Budapesti Napló, wie es uns seine abgebildete Visitenkarte beweist. Zugleich kann man aber auch in dem Roman als Ganzem Ernő Széps Visitenkarte sehen. In seinen Rückblicken lernen wir die damaligen Kaffeehäuser, die kleinen Dichter und selbstvergessenen Choristen jener Zeit kennen, aber auch die Kleinbürger, mit denen der junge Szép gemeinsam eine Wohnung in der Lázár Straße mietete. Sein Erinnerungsfluss wird fortwährend durch verschiedene plötzlich auftauchende Anekdoten oder unvergessliche Gestalten unterbrochen, um dann zum Ausgangspunkt zurückzukehren oder seine großzügige Zusammenfassung der kleinen Begebenheiten an einer anderen Stelle fortzusetzen. Die Titelfigur von "Natália" heißt ursprünglich Rózsi und ist eine, aus Liebeskummer und vor ihrer Hochzeit nach Budapest geflohene, wunderschöne junge Frau, die nach ihrem schweren Schicksal als Dienst-, Freudenmädchen (wie man das damals so schön sagte) in der Lázár Straße wird. Nun wollen wir nicht mehr verraten, als dass sich die Haupt- und die Titelfigur in der Lázár Straße treffen, ebenso, wie Ernő Szép, nach den vielen bitteren und grausamen Erlebnissen, die ihm widerfahren sind, auch jemanden trifft, nämlich sich selbst vor vierzig Jahren. Dies ist wahrhaftig eine Begegnung "mit einem jungen Mann" und zugleich ein Geständnis über seine innige Liebe zur Lyrik und Literatur im Allgemeinen. Es ist der "Ich wurde zu Ernő Szép"-Roman. "Natália" ist ein ausgezeichnet geschriebener Rückblick, mit unglaublichen Einlagen und nicht wenigen genialen Sätzen.

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