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Antal SZERB
( 1901 - 1945 )

» Cynthia (1932)
» Geschichte der ungarischen Literatur (1934)
» Die Pendragon Legende (1934)
» Novellen (1935)
» Reise im Mondlicht (1937)
» Das Halsband der Königin (1941-1944)

Biographie

1901 geboren in Budapest
1920 Studium in Budapest in den Fächern Hungarologie, Germanistik und Anglistik
1924 promoviert er über Ferenc Kölcsey
1924-29 längere Aufenthalte in Frankreich und Italien
1929-30 Studienreise nach London
1933 Szerb wird zum Vorsitzenden der Literarischen Gesellschaft Ungarns gewählt
1935, 1937 Baumgarten-Preis
1937 Lehrtätigkeit an der Universität Szeged; Vorträge im Ungarischen Radio (bis 1941)
1944 Szerb kommt ins Arbeitslager
1945 Szerb wird in dem westungarischen Lager Balf ermordet und in einem Massengrab verscharrt

Geschichte der ungarischen Literatur
1934

Szerb schrieb in seinem Tagebuch: "Es ist mir unangenehm, wenn man mich als Literaturwissenschaftler bezeichnet. Ich bin Schriftsteller, einer, der vorübergehend die Literaturgeschichte zu seinem Thema gemacht hat." Gewiß, es ist erstaunlich, von jemandem, der zwei so gründliche und exzellente Werke der Literaturwissenschaft hervorgebracht hat, solch eine Aussage zu hören. Doch liegt in dieser wahrscheinlich bereits die Begründung dafür, daß diese nicht nur sehr aufschlußreich, sondern äußerst amüsant sind. Szerb ist präzise in den Fakten, kann seine essayistische Ader jedoch nicht verleugnen, so daß wir ihm zwei Literaturgeschichten verdanken, die nicht nur Informationen vermitteln, sondern unentwegt zum nachdenken über das Gelesene anregen. Der einzige Vorwurf, den man Szerb machen kann, ist, daß es ihm fast bei jedem behandelten Autor gelingt, im Leser den unaufschiebbaren Wunsch zu wecken, sich näher mit eben diesem zu befassen und - außer Szerb - gibt es wohl wenig Sterbliche, die so viel Zeit und Kraft aufbringen können, sich mit kompletten Lebenswerken so intensiv auseinanderzusetzen. Hinter jeder seiner Zeilen spürt man die Leidenschaft für das Thema, die zu groß zu sein scheint, um zwischen zwei Buchklappen zu passen und sich daher unwillkürlich den direkten Weg hinaus, in den Geist des Lesers sucht.

Die Pendragon Legende
1934

Auf einer Soiree in London lernt János Bátky den Earl of Gwynedd (auch unter dem Namen Owen Pendragon bekannt) kennen. Die beiden führen eine angeregte Unterhaltung und am Ende des Abends lädt der Earl Bátky nach Wales auf das Schloß der Pendragons, Llanvygan, ein, denn er möchte diesem ermöglichen, die Raritäten der Familienbibliothek genauer unter die Lupe zu nehmen. Kurz danach erhält Bátky einen Anruf, in dem er davor gewarnt wird, auf das Schloß zu reisen, da sein Leben dort in Gefahr schwebe. Bátky jedoch versucht, dies zu ignorieren und fährt zusammen mit Maloney - den er bei seinen Studien zu Familiengeschichte der Pendragons kennengelernt hat - und Osborn Pendragon, dem Neffen des Earl, den er wiederum bei einem Essen bei Maloney getroffen hat - trotz aller Warnung nach Llanvygan. Bereits die Begrüßung verläuft jedoch etwas merkwürdig, in der ersten Nacht wird Bátky von seltsamen Geräuschen geweckt und er muß feststellen, daß jemand seinen Revolver geleert hat. Kurz darauf wird ein Mordanschlag auf den Earl ausgeübt, dem er nur knapp entkommt. Im allgemeinen ist Llanvygan kein besonders gemütlicher Ort: ein Ritter in voller Rüstung, mit Fackel und Hellerbarde galoppiert um das Schloß, auf den Gängen schleichen Gestalten in seltsamen Gewändern herum, die behaupten, die Hausdiener zu sein und an einem See entdeckt man einen riesenhaften, seltsam gekleideten Greis . . . Nach diesem Auftakt könnte man denken, es handele sich um einen klassischen Kriminalroman, doch ahnt man bereits, daß dem nicht ganz so ist. Verfolgt man das Schicksal unseres Helden weiter, wird diese Vermutung nur bestätigt, denn neben dem ausgeklügelten Plot, zeichnet sich der Roman durch viele weitere Stärken aus. An erster Stelle seien hier die äußerst sorgfältig ausgearbeiteten Charaktere zu erwähnen: alle Figuren werden, nachdem sie den Schauplatz der Handlung betreten haben, vorgestellt und im Laufe der Geschichte fügt der Autor weitere Elemente hinzu, die dieses anfänglich entstandene Bild ergänzen. Auffallend ist - und auch in diesem Punkt weicht dieser Roman von herkömmlichen Detektivgeschichten ab -, daß eben nicht nur der Protagonist, sondern auch die ihn umgebenden Figuren gut gezeichnet sind, das heißt nicht auf zwei, drei Eigenschaften reduziert bleiben. Besonders bei der Darstellung der Frauen - der mysteriösen Eileen St. Claire, der reizenden Cynthia Pendragon und der bodenständigen Lene Kretzsch - gelingt es dem Autor, uns drei vollkommen unterschiedliche, sehr lebendige Personen vorzustellen und sich somit von dem in den Abenteuer- und Kriminalromanen vorherrschenden Klischee, die Frauen lediglich als dekorative Elemente einzusetzen, abzugrenzen. Ohne die ganze verworrene Handlung verraten zu wollen, sollen hier noch ein, zwei wichtige Momente des Romans erwähnt werden: von Maloney erfahren wir immer wieder unglaubliche Geschichten aus Connemara (seinem Heimatort), Lene Kretzsch unterhält uns mit der Beschreibung ihres Versuchs, Osborn Pendragon zu verführen und in hier und da eingeschobenen Passagen erzählt uns der Autor verschiedene kulturgeschichtliche Episoden: zum Beispiel aus der Familiengeschichte der Pendragons oder über die Rosenkreuzer. Diese kleinen Exkurse - sowohl die mit wunderbaren Humor beschriebenen anekdotenhaften als auch die informativen, jedoch keineswegs trockenen kulturgeschichtlichen - lassen zuweilen die Frage aufkommen, ob Bátky/Szerb die Gruselgeschichte nicht nur als Anlaß genommen hat, um uns all diese schrulligen, geheimnisvollen Charaktere vorzustellen und uns von den lustigen, seltsamen und interessanten Begebenheiten am Rande des Geschehens zu berichten. "Die Pendragon Legende" könnte man als das Gegenstück der "Reise im Mondlicht" betrachten: man erkennt eindeutig Szerbs Stimme und dennoch scheint es zunächst eine andere Weltsicht widerzuspiegeln. Schaut man genauer hin, bemerkt man jedoch, daß das Anliegen hier dasselbe ist, wie bei dem drei Jahre später erscheinenden Roman und daß sich bei jenem nur die Perspektive geändert hat. Wie es der ungarische Literaturhistoriker György Poszler so treffend zusammengefaßt hat: "In der Pendragon Legende geht es ihm um das äußere Wunder. Das, was den Alltag besiegt. In der Reise im Mondlicht um das innere Wunder. Das, was vom Alltag besiegt wird."

Novellen
1935

Diese Erzählungen sind vor allem jenen Lesern zu empfehlen, die bereits zu den Antal Szerb-Liebhabern zählen. Dies soll nicht bedeuten, daß andere keine Freude an ihnen haben würden, nein, ganz im Gegenteil. Es geht lediglich darum, daß man Szerbs pathetisch-ironischen Stil am besten aus seinen Romanen kennen- und verstehen lernen kann. In den Romanen wird der Leser langsam in diese Welt eingeführt und in den Erzählungen bekommt er sofort ein Hoch-konzentrat vorgesetzt. Dies bezieht sich vor allem auf die sogenannte „zweite Periode“, auf die Erzählungen, die der Autor Anfang der 30er Jahre geschrieben hat. In jenen die vorwie-gend aus der ersten Hälfte der 20er Jahre stammen wird der Ton noch von einer strengen Ernsthaftigkeit, ja, teilweise von einem Pathos beherrscht – was den Leser zuweilen schmun-zeln läßt. Jedoch sind auch diese Texte lesenswert, da sie trotz der starken literarischen Bezü-ge bereits Ansätze jener späteren, ausgereifteren Welt zeigen, die wir aus den Erzählungen der 30er Jahre und Szerbs Romanen kennen. Diese kurzen Prosatexte begleiteten Szerb faßt während seiner gesamten literarischen Laufbahn – die erste Erzählung schrieb er 1921, das heißt mit zwanzig Jahren und die letzte 1937, in dem Jahr, als die Reise im Mondlicht er-schien. Aus der „ersten Periode“ sind vor allem Die Geschichte von Graf Pico und Monna Lianora und Der Tyrann hervorzuheben. Besonders bei der Letzteren zeigt es sich, auf welch eigene Weise Szerb die ihm zur Verfügung stehenden historischen Informationen zu einer fiktiven Geschichte zu verarbeiten vermochte. In der „zweiten Periode“ wird der zuvor eher pathetisch-ernste Ton von einem (selbst)ironisch-humorvollen abgelöst. Wir begegnen Cyn-thia, die wir bereits aus der Pendragon-Legende kennen (im Grunde ist diese Erzählung ein Fragment beziehungsweise eine Vorstudie zu der Romanfigur, sie funktioniert jedoch voll-kommen als eigenständiger Text); auch János Bátky läuft uns wieder über den Weg: in Made-lon, der Hund unter seinem eigenen Namen und in In St Cloud, auf einer Gardenparty bezie-hungsweise in In der Bibliothek unter dem „Pseudonym“ Tamás. Immer wieder stolpert jener verträumte Philologe durch diese Geschichten, der sich nach den Frauen, besser gesagt nach Der Frau, sehnt, jedoch nichts mit ihr anzufangen weiß, wenn sie ihm aus irgendeinem rätsel-haften Grund „in den Schoß fällt“. Und auch hier geht es wieder um die Verflechtungen des Realen und des Irrealen, des Nachweisbaren und des Unerklärlichen. Neben Madelon, der Hund, In der Bibliothek gibt es noch zwei andere Perlen in diesem Band: Die Liebe in der Phiole und Fin de siècle. Das Erste ist eine Art Persiflage seiner vierzehn Jahre zuvor ent-standenen Erzählung Der auserwählte Ritter. Er greift das Thema der Artus-Sage auf, be-gnügt sich jedoch nicht mehr mit der Widergabe einer bereits bekannten Geschichte – was er zwar interessant und stellenweise bereits sehr humorvoll zu gestalten weiß, wo man jedoch noch merkt, daß es nicht wirklich sein eigenes ist –, sondern greift den Geist der Legenden-bildung auf, erfindet seinen eigenen kleinen Sagensplitter und erzählt diesen in einem äußert ironischen Ton, den er nicht zuletzt durch das einstreuen unzähliger skurriler Elemente ent-stehen läßt. Ähnlich verhält es sich mit der Erzählung Fin de siècle. Hier läßt er den Leser die Welt dreier Londoner Schriftsteller der Jahrhundertwende (Tyrconnel, Dowson und Johnson) kennenlernen. Szerb hat seine Figuren in dieser Zeit und an diesem Ort angesiedelt, da diese Umgebung beinah schon klischeehaft mit der Dekadenz einer Epoche in Verbindung gebracht wird. Jedoch steckt auch eine gehörige Portion Selbstironie und Zweifel über die Zeit, in der der Autor selbst lebte, in dieser Geschichte. Diese Erzählungen sind schöne, ergreifende Variationen auf Szerbs vier Grundthemen: Die Geschichte, Die Literatur, Der Tod und Die Frau.

Das Halsband der Königin
1941-1944

"Das Halsband der Königin" kann in keine der herkömmlichen literarischen Gattungsschubladen eingeordnet werden. Es ist kein Roman, weder ein historischer, noch ein biographischer. Doch könnten die Figuren und ihre Beziehungen untereinander in einem Roman nicht glaubhafter gezeichnet sein und man erfährt viele interessante über das zentrale Thema - die Collier-Affäre um Marie Antoinette - hinausgehende Einzelheiten über die einzelnen Figuren. Szerb selbst nannte dieses Werk in seinem Vorwort schlicht und einfach eine "wahre Geschichte"; bezüglich der Gattung sagte er nur es sei für ihn ein Experiment. Ein sehr gelungenes, wie wir feststellen können. Denn Szerb begnügt sich nicht damit, die Begebenheiten zu schildern, sondern er bemüht sich, sie zu erklären, samt ihrer Voraussetzungen und ihrer Folgen sowie der Zusammenhänge zwischen den einzelnen geschichtlichen Ereignissen. "Das Halsband der Königin" ist mosaikartig aufgebaut; Szerb stellt die Hauptfiguren in einzelnen Kapiteln vor und erzählt dabei nicht nur ihren Lebensweg, sondern geht auch auf ihre Rolle in der Geschichte und der Gesellschaft des Ancien Régime ein. Nachdem er im ersten Kapitel das Collier "vorstellt", widmet er sich in den nächsten Jeanne de la Motte, Kardinal Rohan, Cagliostro (der an sich gar keine wesentliche Rolle in der Affäre spielt, doch da man das bis ins 20. Jahrhundert von ihm glaubte und er nach der Ansicht Szerbs auch eine sehr typische "Erscheinung" dieser Zeit ist, hat er ihm ein eigenes Kapitel zugedacht), der Königin und dem König. Jedoch handelt es sich dabei nicht um eine bloße Aneinanderreihung von Biographien verschiedener historischer Personen; vielmehr sind diese Schilderungen in eine äußerst abenteuerliche Geschichte eingebaut. Die Collier-Affäre wurde bereits oft literarisch verarbeitet und es liegt auch nicht in Szerbs Absicht, sie aus einem neuen Blickwinkel zu beleuchten. Seinem Buch liegt ein gründliches Studium der bisherigen Schilderungen der Affäre zugrunde, aber auch anderer Werke, die sich der Epoche im allgemeinen oder bestimmten Persönlichkeiten widmen (z.B. das Drama "Der Gross-Kophta" von Goethe über Cagliostro oder Stefan Zweigs "Marie Antoinette"). Er bezieht sich oft in indirekten oder direkten Zitaten auf diese Quellen, doch wiederholt er nicht nur schon Gesagtes, sondern benutzt die Aussagen der zitierten Autoren, um ein enorm vielseitiges Bild von der Zeit vor der Revolution zu zeichnen und er setzt sich auch kritisch mit den Arbeiten jener Historiker oder Schriftsteller auseinander; er polemisiert in dem für ihn typischen ironischen, geistreichen und eleganten Ton. In diesem mit unterhaltenden Anekdoten, interessanten kulturgeschichtlichen Informationen gespickten Buch führt Szerb den Leser in die Zeit des Ancien Régime, um ihn von seiner Grundthese zu überzeugen, daß die Collier-Affäre, als ein charakteristisches Phänomen des Untergangs des Ancien Régime, eine wichtige Rolle im Ausbruch der Französischen Revolution spielte. Und nicht nur das gelingt ihm - denn es gelingt ihm tatsächlich, auch wenn mancher, der diese Geschichte schon kennt, zunächst bezweifeln mag, daß solch eine im Grunde banale Affäre so gravierende Folgen haben kann -, sondern er führt uns das Leben im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts derart differenziert und anschaulich vor Augen, wie es weder in einem Geschichtsbuch noch in einem historischen Roman jemals möglich wäre, da diese durch ihre Gattung zu sehr an bestimmte Vorgaben gebunden sind. Wie gesagt, ein sehr gelungenes Experiment.

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Neuigkeiten aus dem UNGARISCHEN LITERARISCHEN LEBEN