Autorenseite

István SZILÁGYI
( 1938 )

Biographie

1938 (10.Oktober) in Kolozsvár (Cluj-Napoca, Rumänien) geboren
1956 Gesellenbrief als Schlosser in Szatmár (Satu Mare)
1956-58 arbeitet in der Industrie; legte daneben das Abitur ab
1958-62 Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Kolozsvár
1963 Mitarbeiter der Zeitschrift Utunk (Unser Weg)
seit 1990 Chefredakteur der Zeitschrift Helikon in Kolozsvár

Wichtige Preise:
1975 Preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes; 1990 Attila-József-Preis; 1995 Tibor-Déry-Preis; 2001 Kossuth-Preis, 2002 Ungarischer Literaturpreis (zurückgewiesen); 2003 Márai-Preis

Steine fallen in versiegende Brunnen
1975

Schauplatz dieser tragischen, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert spielenden Liebesgeschichte ist Jajdon (wörtlich: Ort des Jammers), trotz des sprechenden Namens ein ganz und gar realer Ort in Siebenbürgen. Für ihre Heimat hat die reiche und stolze Ilka Szendy nichts als Verachtung übrig. Sie sieht in dem längst verstorbenen glorreichen Fürsten Rákóczi ihr männliches Ideal. So tötet sie ihren Geliebten, den Weinbergarbeiter Dénes Gönczi, stößt seinen Leichnam in einen Brunnen und beginnt, wie in der Ballade, Steine in den Brunnen zu werfen. Das Herantragen der Steine wird für Ilka bald zur Zwangshandlung. Dennoch bewahrt die Schilderung des Geschehens bis zum Schluß ihren realistischen, konkreten Charakter. Der Roman zeigt nicht nur die Träume und Halluzinationen eines zerstörten Geistes, sondern stellt zugleich die reale Ereignisse der Außenwelt dar. So handelt er zwar von der allmähliche Auflösung einer Persönlichkeit, bewahrt aber dennoch den Glauben an die Möglichkeit, das Geschehen zusammenhängend zu erzählen.

Geweihgestrüpp
1990

Der fast siebenhundert Seiten umfassenden Roman spielt in einem von der Welt völlig abgeschnittenen Ort irgendwo in den Bergen. Ein Verwundeter erlangt das Bewußtsein wieder. Er liegt vor einer Felsenhöhle, aus dem Inneren dringen Hammerschläge an sein Ohr. Drei Männer hatten ihn zwischen herabgefallenen Steinen in den Bergen gefunden und seine Wunden versorgt. Der Mann versucht, sich in seiner neuen Umgebung zu orientieren und versteht bald, daß die drei wortkargen Männer in der Felsenhöhle seit ewigen Zeiten mystische Schwerter schmieden. Ihr Leben wird von strengen Gesetzen bestimmt. Die Zeit hat aufgehört zu existieren und es gibt kein Entkommen von diesem Ort. Stück für Stück wächst der Mann in die seltsame Gesellschaft hinein. Er erlernt das Schmieden, beteiligt sich an der einmal jährlich stattfindenden Jagd, kocht und musiziert mit den drei Männern und nimmt schließlich sogar an ihren geschichtlichen Disputen teil. Szilágyi zeichnet eine monumentale Vision von beklemmender Genauigkeit. Mehr und mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Mythos und Wirklichkeit.

Zeit der Raben
2001

In dem mit beeindruckender Sprachkraft gestalteten historischen Roman spürt Szilágyi abermals die Grenzen narrativen Darstellens auf und geht der Frage nach, inwieweit das Erzählen überhaupt möglich ist. Die Geschichte spielt am Ende des 16. Jahrhunderts in einer fiktiven Stadt namens Revek, irgendwo in der ungarischen Tiefebene. Das Land ist dreigeteilt, die Lage der Bevölkerung unheilvoll, die Bedrohung durch die Türken allgegenwärtig. Der erste Teil des Romans schildert, wie der Erzähler, ein Schreiber Namens Tentás (Tintner) mit Klugheit und Geschick seinen Meister, den Priester Lukács Terebi, aus der türkischen Gefangenschaft befreit. Im zweiten Teil berichtet ein Bursche aus Revek, wie sich die jungen Männer der Stadt in den Jahren 1593-94 auf den Dienst im Heer und den bevorstehenden Kampf gegen die Türken vorbereiten. Am Ende steht die Beschreibung einer blutigen Schlacht, in der viele ungarische und deutsche Soldaten ihr Leben lassen. Die abgeschlagenen Köpfe der getöteten Türken aber werden zu Pyramiden gestapelt. Es beginnt die Zeit der Raben, die in Scharen herbeifliegen, um den Toten die Augen auszuhacken. "István Szilágyi ist ein Schriftsteller besonderer Art. Ein geborener Erzähler, kühl und sachlich, von tiefem Geschichtsbewußtsein erfüllt und zugleich ein wacher, moderner Skeptiker, was das Erzählen und die Möglichkeiten sprachlicher Darstellung betrifft." (Ferenc Takács)

Irrfeuer
2009

Irrfeuer ist ein zeitbeständiger Erzählband. Dies trifft in vielfacher Hinsicht zu. Der in Siebenbürgen lebende István Szilágyi ist in erster Linie Romancier, der an seinen großen Romanen zudem Jahrzehnte arbeitet. Bei ihm ist das Formen und Schleifen eines Textes ein langsamer Prozess. Mit diesem Buch gewährt er uns nun einen Einblick in seine Werkstatt. Szilágyis erste Publikationen waren Erzählungen und seine späteren, großepischen Meisterwerke – vor allem der Roman Stein fällt in versiegenden Brunnen, der mittlerweile zu den Klassikern der ungarischen Literatur der jüngsten Vergangenheit zählt – sind vor allem aus diesen kürzeren Texten entstanden. In diesem Sinne haben Szilágyis Erzählungen ihre Zeitbeständigkeit bereits bewiesen. Und Zeit ist wichtig, sie ist sogar eine der zentralen Kategorien dieser Prosa. Hier werden archaische, prähistorische, historische und posthistorische, also heutige Zeiten nebeneinander gespült. Diese Welt ist bekannt und fremd zugleich. Kennzeichnend für Szilágyis Schreibkunst, und daher auch für seine Erzählungen, sind die balladenhafte Struktur, die Auslassungen, der Schwung der gesprochenen Sprache, das fragmentarisch Dramatische der Dialoge, die Unaufdringlichkeit des Paralbelhaften, die Selbstverständlichkeit des psychologischen Realismus, die unerwarteten mysthischen Wendungen und das Aufzeichnen eines moralischen Horizontes. Szilágyi wählt oft Grenzsituationen. Eine der längeren Erzählungen (Kibic, der Waise) kreist zum Beispiel um die bedrückende Atmosphäre der letzten Nacht eines Menschen, sowie um den Innenmonolog des zum Tode verurteilten. Neben den Zeitebenen spielen in dem Band auch Räume eine wichtige Rolle. In Irrfeuer erwachen seit Jahrhunderten abgeschottete Dörfer und seit Jahrhunderten offene Kleinstädte Siebenbürgens zum Leben.

PDF-Download

Neuigkeiten aus dem UNGARISCHEN LITERARISCHEN LEBEN