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Janos TEREY
( 1970 )

» La vraie Varsovie. Le Livre des Complaintes (1995)
» Paulus (2001)
» Wohnsiedlung Nibelungen (2004)
» Tafelmusik (2008)

Biographie

1970. am 14. September in Debrecen geboren
1985-89 Árpád-Tóth-Gymnasium, Debrecen
1989-91 Pädagogische Hochschule Budapest
1992-96 Studium der Philologie an der Budapester Universität
1997–98 Redakteur des Cosmopolitan Magazins

Zahlreiche Preise, u.a.: Attila-József–Preis, Milán-Füst-Preis und den Preis für das beste Drama des Jahres 2003

Paulus
2001

Zum besseren Verständnis von Téreys Roman in Versen, empfiehlt es sich sein bisher einziges Prosawerk "Termanns Vermächtnis" zu Rate ziehen. Mit Hilfe von Dantes "Göttlicher Komödie", Puschkins "Onegin" und Mészölys "Saulus", erschließt sich einem das Wesen des Werkes leichter, denn der Autor baut seine Werke auf ein literaturhistorisches, vielschichtiges und homogenes Fundament. Auf einer solchen Grundlage ist er bemüht, neue Konstruktionen hervorzubringen. Térey tritt die Flucht nach vorn an, aus der intertextuellen Welt des Zitierens und Zitiertwerdens. Einerseits beschäftigt er sich, statt mit der biblischen Wandlung des Saulus zum Paulus, einem transzendentem Prozeß also, eher mit der Errichtung des Gebäudes des Christentums. (Die alttestamentarische Thematik ist nur sehr am Rande im Text präsent.) Andererseits entwickelt er auf dreihundert Seiten eine Onegin-Paraphrase und zum Dritten eine oszillierende, auseinanderbrechende Paulus-Figur. Ein Dreigestirn, biblischer Paulus, der deutsche General und der ungarische Hacker bilden eine Dreifaltigkeit zu verschiedenen historischen Zeiten und in neun Kapiteln. In drei Kapiteln tritt der deutsche General Paulus, der große Verlierer von Stalingrad, der in sowjetische Gefangenschaft gerät, auf. Der dritte Kopf der Trinität, ist ein Budapester Hacker namens Pál, also Paul Kemenszky. Jeder der drei hat nicht nur eine Gegenfigur, sondern seine Eigenheiten. Dem Autor am nächsten steht der Budapester Junge, der sich im Nachtleben vergnügt, Irrungen und Wirrungen der Gefühle und der Sexualität erlebt und reist in das gespentische ehemalige Ostpreußen, nun westlichster Vorposten Russlands. General Paulus dient zunächst Hitler-Deutschland, dann als Mensch der stalinistischen Sowjetunion, beide Male als Außenseiter, als seelenloser Karrierist. Teréys "Paulus" wurde von der ungarischen Kritik als "großes postmodernes Gesamtkunstwerk" apostrophiert.

Wohnsiedlung Nibelungen
2004

"Wohnsiedlung Nibelungen. Welcome to Ragnaröck". Götterdammerung als globalisiertes Boulevardstück, mit Lesbi-Show, DJ, anthrax-coolen Reimen, und Rap statt Sprechgesang. Das Buch umfasst vier Stücke, die eine Einheit bilden. Dem Prolog "Wotan würfelt" folgt "Rheinpark", eine schwarze Komödie, "Siegfrieds Hochzeit" und am Ende steht das Katastrophenspiel "Hagen oder die Brandrede". Téreys Ausgangspunkt bildet Friedrich Hebbels Dramatisierung der Nibelungensage, die der Autor gekonnt in die Jetztzeit transplantiert. An dem utopischen Schauplatz, Worms, einer Metropolis, eine Collage zusammengestückelt aus Attributen des Frankfurter Bahnhofviertel, dem Kölner Dom, Berlin Mitte und den Zwillingstürmen der New Yorker Welthandelszentrums, treffen die wohlbekannten Helden der "Edda" und der "Götterdämmerung" aufeinander, doch nicht als hehre Recken und Schufte der alten Sagen, sondern als Geschäftsleute, Börsianer, Medienmacher in einer Konsumgesellschaft, deren Apokalypse kurz bevor steht. Die Frauen haben Spaß, die Männer leiden und die Schicksalsgöttinnen, die Nornen der Neuzeit weben die Fäden in einem Fernsehnachrichtenstudio á la CNN. Die Welt ist monopolar geworden, selbst das "Böse" wirft keinen Schatten mit scharfen Konturen mehr. Doch wo verlaufen die Risse, an denen die Welt zerbrechen wird? In der Tetralogie entsteht ein kapitalistisches Familiendrama und mit dem Untergang des Nibelungengeschlechts erhebt Térey eine Zivilisation zum Symbol, die sich selbst als Krone der Schöpfung sieht, eine schöne, neue Welt, in der alle Probleme gelöst scheinen. Der Dichter betrachtet die Welt aus dem Blickwinkel des Mythos. "Die Geschichte, besser gesagt, die heutige Zivilisation nimmt er wie ein Stratege unter die Lupe, der neben dem Schlachtentisch stehend, verschiedene Situationen, verschieden Fallen ausprobiert, und beobachtet, wie die Gegner einander ins Verderben reißen und sich gegenseitig vernichten", schreibt László Földényi über János Térey. "Er läßt keinem eine Chance." Wortgewaltig. Außerordentlich eindrucksvoll ist die sprachliche Schöpferkraft des Autors und seine profunde Kennerschaft des neuzeitlichen Argots.

Tafelmusik
2008

János Térey ist wohl der aktivste und schwungvollste Autor der zeitgenössischen ungarischen Literaturlandschaft, der seinen Elan häufig zur Widerbelebung vergessener oder scheintoter literarischer Genres einsetzt. Diesmal hat er einen Ausflug ins bürgerliche Theater, ins Konversationsdrama gemacht, welches er auf dem Budaer Királyhágó Platz stattfinden lässt. Auf diesem Ur-Budaer Platz hat Győző, ein Geschäftsmann, Mitte dreißig, sein nobles Café-Restaurant namens White Box. Außer dem Eigentümer und den Kellnern befindet sich an diesem Februarnachmittag noch Kálmán Donner, Győzős alter Freund (oder eher früherer Freund) und Unfallchirurg im St. Johannes Krankenhaus, der sich gerade von seiner Frau, Alma, der zielstrebigen Anwältin, scheiden lässt, weil er von ihrer Affäre mit der Opernsängerin Delfin, mit der auch Győző ein flüchtiges Verhältnis hatte, erfahren hat. Und so weiter. In der White Box hat jeder mit jedem ein Hähnchen zu rupfen. Die Anwesenden führen bis spät in die Nacht an der Oberfläche plätschernde, in der Tiefe jedoch immer spannungsgeladenere Gespräche. Die Figuren unterhalten sich in einer Sprache, die sich von der des Alltags deutlich abhebt und deren Rhythmus durch das Versmaß antiker Dramen bestimmt wird. Hierdurch entsteht ein fruchtbarer Kontrast zwischen Thema und Sprechweise. In dem Stück geht es um reale Ereignisse, wie zum Beispiel dem Orkan am 20. August 2006, dem Nationalfeiertag Ungarns (einer der Höhepunkte des Stücks ist die Szene, als sich jeder daran erinnert, wie er diesen Tag verbracht hat) und den Unruhen im Herbst 2006 in der Hauptstadt. Térey bringt außerdem auch aktuelle Themen, wie die so genannte moralische Krise des heutigen Ungarn zur Sprache. Bei ihm wird die Aktualität, dieser Bezug zur Gegenwart jedoch nie zu einem leeren, journalistischen Griff. Während wir "außen" etwas über das Ungarn von heute und dessen kulturell-politischer Gespaltenheit erfahren, zeichnet sich "innen" die komplizierte Struktur der zwischen den Protagonisten bestehenden Konflikte ab. Als Ergebnis all dessen entsteht ein hervorragendes bühnentaugliches Kammerspiel - diese Bezeichnung ist allein schon wegen des musikalischen Aufbaus und der musikalischen Motive nahe liegend -, das jedoch auch beim Lesen großes Vergnügen bereitet. Dieses Stück hat mit Recht den Aegon-Preis 2008 für "Herausragende literarische Leistung des Vorjahres" bekommen. Und wir können gespannt sein, wohin sich János Térey in Zukunft wenden wird.

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