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Miklós VÁMOS
( 1950 )

Biographie

1950 (29. Jan.) in Budapest geboren
1970 – 1975 Diplom an der juristischen Fakultät der Budapester Universität ELTE
1975 – 1992 Dramaturg beim Filmstudio Objektív
1988 – 1990 Fulbright-Stipendium und Gastdozent
1990 Berichterstatter für Osteuropa bei der amerikanischen Wochenzeitung The Nation
1991 – 1999 Direktor des Verlags Ab Ovo
1994 Moderator einer beliebten literarischen Sendung im Ungarischen Fernsehen

Preise:
1984 Attila-József-Preis, 2000 Camera Hungaria, 2002 Pro Cultura Urbis, 2003 Columbus-Preis

Stimm fröhlichein
1983

Der Protagonist dieses Romans ist Öcsi, ein sechsjähriger Junge, der gerade den Kindergarten beendet hat und in die erste Klasse kommt. Die Geschichte spielt in den fünfziger Jahren, genauer gesagt 1955/56. Der Roman erzählt ein Jahr aus dem Leben dieses kleinen Jungen, und zwar aus dessen Perspektive. Es ist eine dankbare Entscheidung, wenn ein Schriftsteller die unglaublichen Situationen, das Groteske einer Epoche aus dem Blickwinkel eines Kindes schildert, denn die kindliche Reinheit und die ehrliche, naive Verwunderung heben die schwerwiegenden Probleme in der Welt der Erwachsenen, das heißt in dem als Gesellschaft bezeichneten Gebilde noch in viel stärkerem Maße hervor. Der Junge findet sich in seinem Umfeld, wo er insgeheim Religionsunterricht bei Schwester Angelika, einer einstigen Nonne, besucht, wo ihm die Vergangenheit seines Vaters, die Welt der Politik, nicht ganz klar sind, wo ihm die Freundschaften und Liebesbeziehungen undurchsichtig erscheinen, nur schwer zurecht. In jener Welt, in der ein merkwürdiger Nebel das Problem des Judentums verhüllt. Das heißt in einem Umfeld, in dem nichts "normal" ist. Die Sprache des Romans spiegelt die Perspektive wider. Wenngleich nicht Öcsi selbst die Geschichte erzählt, denn sie ist in der dritten Person Singular geschrieben, so ist die Sprache doch eine kindlich holperige, wodurch eine besonders witzige Wirkung erzielt wird, liest man die politischen Phrasen jener Zeit in diesem Stil. Als das Werk im Jahr 1983 das erste Mal erschien, wurden aus politischen Gründen bestimmte Passagen gestrichen, der vollständige Text konnte erst in den Neuausgaben nach der Wende erscheinen.

Vom Lieben und Hassen
1995

Der Roman von Miklós Vámos besitzt zwei Protagonisten. Eine der Hauptfiguren ist die Mutter, die Witwe Maros, die andere hingegen ihr Sohn László, Komiker und Fernsehjournalist, deren Monologe nebeneinander stehen. Trotz dessen hat man eher den Eindruck, die Mutter stünde im Mittelpunkt, eine manisch depressive alte Frau, denn auch die Geschichte des Sohnes handelt im Grunde genommen von ihr. Die Geschichte beginnt mit dem versuchten Selbstmord der Mutter, die vom Sohn gerettet wird. Auf den beiden Ebenen entfaltet sich dann das außerordentlich komplizierte Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. In dieser Beziehung spielen dann auch die Nebenfiguren eine Rolle, die von der Mutter ständig beschimpft werden: ihre Tochter Sára, die Frau des Sohnes, Zsuzsa, sowie dessen hoffnungslose Liebe, Vera, beziehungsweise die Ärztin Dr. Gizella Bartosik, die die Mutter mit längst veralteten Methoden (Elektroschock, kalte Dusche) behandelt und deren Verhältnis zu der Patientin trotz dieser Methoden doch als menschlich bezeichnet werden kann. Vámos beschreibt die verschiedenen Beziehungen mittels absurder Geschichten außerordentlich tiefgehend, er bietet ein genaues Bild der Krankheit selbst, durch die Sprache der Mutter stellt er die manischen und die depressiven Phasen authentisch dar. Der Leser weiß zuweilen nicht, ob er beim Lesen dieser Geschichten weinen oder lachen soll, denn die Geschehnisse sind selbstverständlich traurig, und doch möchte man manches Mal lachen. Der Roman ist (wie auch die Mutter) nämlich trotz aller Tragik durchaus lebensbejahend. So heißt es in der Ankündigung der deutschsprachigen Ausgabe: "Vom Lieben und Hassen ist eine Tragikomödie um die Vergeblichkeit menschlichen Wollens und ein leidenschaftliches Plädoyer für die Lust am Leben - selbst in seinen furchtbarsten Augenblicken." Dieses Gefühl wird schließlich vollkommen absurd und surreal, als die Mutter, die am Ende des Romans tatsächlich stirbt, ihren Monolog selbst als Tote fortführt. Ihr Sohn hingegen, der trotz allem ein guter Junge war, denn er hat sich um seine Mutter, die ihm das Leben schwer machte, gekümmert, beginnt einerseits zu lachen, als er den Grabstein erblickt, da sich seine Mutter um zehn Jahre hat verjüngen lassen, andererseits kommt er dahinter, dass seine Mutter eine besondere Frau gewesen ist, denn sie hatte so mutig gelebt, wie er selbst es nie gewagt hätte.

Buch der Väter
2000

Nach dem Roman "Vom Lieben und Hassen", einer komplizierten Beziehung zwischen Mutter und Sohn, schrieb Vámos sein Buch der Väter. Während er in seinem Mutter-Buch das Beziehungssystem innerhalb einer Familie, eine Mikrowelt, schildert, handelt es sich bei Buch der Väter um einen großangelegten Familienroman. Es ist die Geschichte der Familie Stern-Csillag, zuweilen auch Sternovszky, in erster Linie die Geschichte der erstgeborenen Jungen, die im Jahr 1706, in der verworrenen Welt des Rákóczi-Freiheitskampfes, im Jahr einer totalen Sonnenfinsternis beginnt und heute, genauer gesagt, zur Zeit einer ebensolchen Sonnenfinsternis im Jahr 1999 endet. Das Werk besteht aus zwölf Kapiteln: Dies sind die zwölf Generationen der Familie Csillag beziehungsweise dreihundert Jahre in der Geschichte der Ungarn. Die Väter maschieren auf, abweichend von dem Vater-Roman Péter Esterházys "Harmonia Caelestis" nicht quasi "zusammengeknetet", sondern jeder für sich, mit seiner eigenen Geschichte. Die sich nacheinander aufreihenden Väter und Söhne besitzen ein besondere Eigenschaft: Sie leben nicht nur ihr eigenes Leben, sondern sind durch Visionen in der Lage, das Schicksal ihrer Väter wachzurufen und zu erfahren. Dabei ist ihnen selbstverständlich das "Buch der Väter" behilflich, ein altes Heft, in das jedes männliche Familienmitglied, das heißt die Väter, seine Erfahrungen und Gedanken niederschreibt. Auf diese Weise wird deutlich, dass die Familienmitglieder, obschon sie in verschiedenen Epochen leben, von anderen Sorgen gequält werden, doch eigentlich alle dasselbe wollen: Sie wollen vorankommen, Krisen überstehen, lieben, ihre normale menschliche Welt aufbauen. Ein Ziel, das wohl die überwiegende Mehrheit der Menschen vor Augen hat. Vámos bemüht sich, seine Geschichten auch sprachlich in die entsprechende Zeit zu versetzen, denn sie erklingen immer in der Sprache der jeweiligen Epoche und dies wirkt keineswegs gezwungen, sondern sehr authentisch so wie auch die Darstellung des historischen Hintergrunds. Alexander Kudascheff schreibt zu dem Roman: "Das Buch der Väter ist ein Roman über 300 Jahre europäische Geschichte, ein Buch über Juden und Nichtjuden, ein Buch, das die Erinnerung bewahren will - getreu der jüdischen Einsicht, dass nur in der Erinnerung die Erlösung liegt."

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