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Biographie

1954 (14. Dezember) in Tótkomlós (Südwestungarn) geboren
1974-78 Studium an der Hochschule für Ökonomie in Pécs
1980-82 Studium der Soziologie an der Universität Budapest
1982-93 Mitarbeiter am Soziologischen Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften
seit 1992 Redakteur der Literaturzeitschrift Holmi

Wichtige Preise:
1998 Attila-József-Preis, Preis für das beste Buch des Jahres, Tibor-Déry-Preis; 1999 Gyula-Krúdy-Preis; 2000 Sándor-Márai-Preis; 2005 Kossuth-Preis

Kulakenpresse
1986, 1991

In dieser soziographischen Arbeit schildert Závada am Beispiel seines Heimatdorfes Tótkomlós die Auswirkungen der Stalinistischen Agrarpolitik in den Jahren 1945-1956. Parallel zur Geschichte des Dorfes wird beispielhaft die Entwicklung einer bäuerlichen Familienwirtschaft aufgezeigt. In einer überarbeiteten Fassung, die 1991 erschien, werden weitere Dokumente über das Schicksal der im Zentrum des Buches stehenden Bauernfamilie präsentiert. Die bekannten Dokumentarfilmer Bálint Magyar und Pál Schiffer nutzen das Werk als Grundlage für ihren Film "A Dunánál" (An der Donau, 1986). Die während der Filmaufnahmen geführten Interviews verdeutlichen noch die Authentizität des sozialen Hintergrunds und die Sprache des Buches.

Das Kissen der Jadwiga
1997

Ondris Osztatní, Sohn einer wohlhabender Gutsbesitzerfamilie, der mehrere Sprachen spricht und mit seinem Vater durch Europa reist, lernt auf einer dieser Reisen die geheimnisvolle Jadwiga kennen, und obgleich er von Anfang an das Gefühl hat, ihr nicht genügen zu können, wirbt er um sie. "Inständig muß ich dem Herrgott danken, daß ich diesen Tag erlebe", notiert er 1915, am Vorabend der Hochzeit in sein Tagebuch. Doch Dankbarkeit und Freude verfliegen bald. Jadwiga entzieht sich ihm in den Nächten, hüllt sich in Schweigen und geht eigene Wege. Die abgründigen und unauflösbaren Liebesverstrickungen des ungewöhnlichen Paares, das ein Leben lang nicht zueinander findet und doch nicht von einander lassen kann, stehen im Mittelpunkt dieses Romans. Zugleich wird die Geschichte einer slowakischen Minoritätenfamilie in Ungarn geschildert, die über zwei Generationen vom Ersten Weltkrieg bis in die achtziger Jahre reicht und in die politischen Geschehnisse dieser Epoche eingebettet ist. Den Hauptteil des Textes bilden die 1915 einsetzenden Tagebucheintragungen von Ondris. Nach dessen Tod 1937 ergänzt Jadwiga die Aufzeichnungen ihres Mannes mit eigenen Kommentaren und fügt die Ereignisse nach dessen Tod hinzu. Ediert wird schließlich von einer dritten Hand, dem zweitgeborenen Sohn Jadwigas, dessen Eintragungen 1987 enden und den endgültigen geistiger, moralischer und physischer Verfall der Familie widerspiegeln. Das Buch war in Ungarn eine literarische Sensation. Es fand die Anerkennung der Kritik und war zugleich mit über 100.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller. Es wurde verfilmt und mit zwei renommierten Literaturpreise ausgezeichnet.

Milota
2002

Auch der zweite Roman Závadas verknüpft eine Liebes- mit einer Familiengeschichte und spielt in einem slowakischsprachigen Dorf in der Tiefebene. Wie der vorhergehende Roman ist auch "Milota" aus tagebuchartigen Texten zusammengesetzt: aus den Lebenserinnerungen des 67-jährigen György Milota, die er auf ein Tonband gesprochen hat, und das Computertagebuch der 34-jährigen Erka Roszkos. Beide Texte sind so unterschiedlich wie ihre Verfasser. Die Erinnerungen Milotas haben einen barock ausladenden Charakter und schließen längere Ausführungen über die Bienenzucht ebenso ein wie eine Geschichte der Slowaken in der ungarischen Tiefebene von den Anfängen 1746 bis in die Gegenwart ein. Das Tagebuch Erkas dagegen erzählt eine Reihe komplizierten Liebesgeschichten, ist grüblerische Selbstprüfung und hat Bekenntnischarakter. Beide Protagonisten erinnern sich gleichzeitig und in voller Kenntnis der Aufzeichnungen des jeweils anderen, wie die wechselseitige Bezüge deutlich machen.

Das Vermächtnis des Fotografen
2004

Der dritte Roman Závadas setzt die Geschichte des Ortes bis in die Gegenwart fort und greift dabei auf einige Figuren aus den früheren Werke zurück. Titelheld ist Miklós Buchbinder, der jüdische Fotograf des Dorfes, der 1944 mit seiner Familie in ein Lager deportiert und umgebracht wird. Von ihm stammt ein Foto, auf dem alle wichtigen Personen der Geschichte zu sehen sind. Um dieses Vermächtnis dreht sich der Roman. Zunächst abhanden gekommen, gelangt das Foto in die Hände von Ádám Koren. Er ist der Enkel einer auf dem Foto abgebildeten Slowakin und die eigentliche Hauptfigur des Romans. In drei Handlungslinien werden die Jahre 1942 bis 1956, die 60er und 70er Jahre und schließlich die 80er Jahre geschildert. Dabei zeichnet Závada ein anschauliches und erstaunlich detailliertes Bild der komplexen Wandlungsprozesse, die die ungarischen Gesellschaft in dieser Zeit durchlaufen hat: das allmähliche Aufbrechen der semifeudalen ländlichen Strukturen der Vorkriegszeit, der Niedergang des bäuerlichen Lebens in den fünfziger Jahren, die heimlichen Rückkehr bürgerlicher Wertvorstellungen in Budapester Intellektuellenkreisen am Ende der Kádár-Zeit.

Unser fremder Körper
2008

Pál Závada, Idegen testünk (Unser fremder Körper), Magvető 2008, 391 Seiten In erster Person Plural zu schreiben ist schwer. Es könnte sogar verdächtig sein. Denn, wer soll dieses wir eigentlich sein? Pál Závada experimentiert vier Jahre nach seinem Meisterwerk A fényképész utókora (Die Nachwelt des Fotografen) wieder mit dieser Perspektive und deren sprachlichen Möglichkeiten. Im Mittelpunkt des Romans steht die Geschichte einer nächtlichen Unterhaltung. Im September 1940 treffen sich sechzehn Personen in der Atelierwohnung der Fotografin Janka Weiner. Vom Balkon der Wohnung hat man einen guten Ausblick auf die Donau und aus den Gesprächen bekommt man einen guten Einblick in die Situation der gesamten Gegend. Auf dieser Bühne wird die ganze Nacht geredet, gestritten, erinnert und spekuliert. Jeder hat mit jedem auf irgendeine Art zu tun und so gut wie niemand teilt die Ansichten der anderen. Die Ereignisse dieser Nacht werden von den in die Zukunft und in die Vergangenheit springenden Nebenerzählsträngen beleuchtet. Der Leser weiß, wann und wie derjenige in vier Jahren sterben wird, der heute Nacht noch lebt und Bohnensuppe isst. Der Roman berichtet unter anderem von dem Verschmelzungsversuch einer schwäbischen und einer jüdischen Familie (und dessen Scheitern), von der Situation in Siebenbürgen nach 1940 (dem Jahr des Zweiten Wiener Schiedsspruchs, nach dem Ungarn Nord-Siebenbürgen erhielt) und dem 1944 unternommenen Versuch der ungarischen Regierung, kurz vor Ende des Krieges noch die Fronten zu wechseln. In Závadas Schicksalsgemeinschaft stehen der regierungstreue Soldat, der bürgerlich-demokratische Journalist, der die Bauernschaft unterstützende Dorfforscher, der berühmt-berüchtigte Kommunist, der ehemalige Zwangsarbeiter und der Pfeilkreuzler-Pressechef eng beieinander. Die Truppe wird durch Janka Weiners Person (durch ihre Ausstrahlung, Empathie und Naivität) und eine Illusion zusammengehalten. Diese Protagonisten sind durch das Andenken an die gemeinsame, vertraute Kindheit miteinander verbunden, nach der sie das Leben in gänzlich unterschiedliche Richtungen verschlagen hat. Janka betont immer wieder die gegenseitige Verantwortung, was jedoch ab einem bestimmten Punkt unbegründet und thesenhaft wirkt. Dennoch: Závadas Methode und die Idee, der er sich verpflichtet, das heißt, sich der Aufarbeitung der Vergangenheitstraumata aus ästhetischer Sicht und auf eine den Leser unterhaltende Art zu nähern, verdient auf jeden Fall Anerkennung. Unser fremder Körper trägt bereits im Titel das offene Paradoxon: Das unsere ist das (oder der) uns fremd ist. Závadas Prosa macht jedoch statt auf das Fremde, auf das Eigene aufmerksam. Auf das Fremde an dem, was wir als unser eigen glauben und auf das Eigene in dem, was wir für fremd halten.

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