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Béla ZSOLT
( 1895 - 1949 )

» Peinliche Angelegenheit (1935)
» Blitzschlag (1937)
» Neun Koffer (1980)

Biographie

1895 in Komárom geboren (auf dem Gebiet Österreich-Ungarns)
1918 Journalist in Nagyvárad [Großwardein/Oradea, Rumänien]
1920 oppositioneller, linksorientierter Journalist in Budapest
1925 Mitarbeiter bei den Zeitungen Világ, Magyar Hírlap und Újság
1929 – 1938 Redakteur der literarischen Zeitschrift A Toll, ab 1930 fester Mitarbeiter
1942 – 1943 als jüdischer Zwangsarbeiter 19 Monate in Kriegsgefangenschaft in der Ukraine
1944 wartet im Ghetto von Nagyvárad auf die Deportation, es gelingt ihm mit gefälschten Papieren zu fliehen
1945 kommt nach Bergen-Belsen, emigriert danach in die Schweiz
1945 als Leiter der Ungarischen Radikalen Partei Chefredakteur der Wochenzeitung der Partei, Haladás
1947 Abgeordneter der oppositionellen Bürgerlichen Radikalen Partei
1949 in Budapest gestorben

Peinliche Angelegenheit
1935

Béla Zsolt, der zur zweiten Generation von Schriftstellern um die Zeitschrift Nyugat gehörte, begann seine schrifstellerische Laufbahn zunächst als Dichter und fand als solcher bei Endre Ady und Mihály Babits durchaus Anerkennung. Wirklich bekannt wurde er dann doch als Publizist, seine Tätigkeit als Prosaschriftsteller ist im Grunde genommen fast in Vergessenheit geraten. Das Thema seiner Romane ist jenes bürgerliche, jüdische Umfeld, aus dem er selbst stammte, zu dem Intellektuelle, Klein- und Großbürger gehörten und deren Leben zwischen den beiden Weltkriegen zum Scheitern verurteilt war. Der Protagonist des Romans "Peinliche Angelegenheit" ist der Oberarzt Sándor Hell, ein sehr sensibler und gebildeter Mann, der das Gefühl hat, in seinem ganzen Leben nur gedemütigt worden zu sein. Er ist ein echter Intellektueller, die geistige Anspruchslosigkeit der Kaffeehausgesellschaften empfindet er als abschreckend, doch sehnt er sich danach ein anderer zu sein, als er ist, gerade das Gegenteil möchte er sein, ganz vom Instinkt geleitet. Hell sehnt sich nach einer Art Katharsis, und dieses Erlebnis tritt ein, als ihn sein junger Kollege, der hartnäckige und ehrgeizige Szatyor, dem er es versucht eine zeitlang gleichzutun, eines Tages arg verprügelt. Bereits zu Beginn des Romans erfährt man, dass ihn seine attraktive und junge Frau, die er im Übrigen nicht liebt, worüber er sich schon seit der Hochzeitsreise im Klaren ist, betrügt. Der Leser sieht die übrigen Figuren des Romans immer durch Hells Brille, was zweifelsohne in gewissem Sinne der Blickwinkel eines neurotischen Menschen ist. Letztendlich bedeutet die Frau, genauer gesagt, die Tatsache des Betrugs jenen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt - Hell begeht Selbstmord.

Blitzschlag
1937

Auch in seinem Roman "Blitzschlag" erforscht Béla Zsolt sein eigenes Umfeld, die Welt des jüdischen Bürgertums. Gleichzeitig schreibt er, indem er hinter die Maske des scheinbar unbedeutenden, grauen Kleinbürgers András Schwarz schlüpft, sehr emotional und vollkommen aufrichtig von seinen Erinnerungen an die Kleinstadt an der Donau (Komárom, seine Heimatstadt), an den düsteren Vater und die elegante, doch Wein und Schnaps ausschenkende Mutter. Diese Erinnerungen halten die kleinbürgerlichen Bande der Familie aufrecht, Schwarz (Zsolt) konnte die politische Untätigkeit, die Unterwürfigkeit der Familie nicht ertragen. Er wurde, davor fliehend, zum oppositionellen, auch dem Sozialismus zuweilen nicht abgeneigten linksorientierten Publizisten. Im Roman ist die äußere Welt vorherrschend, es scheint, als ob Béla Zsolt die Gesellschaft durch das Leben seines Protagonisten Schwarz' analysieren, die äußeren, das heißt gesellschaftlichen Gründe für seine eigene Abwendung von der Generation seiner Eltern und deren Glaubensbekenntnis aufdecken wollte, doch das Werk ist in Wirklichkeit das tiefste Selbstbekenntnis des Autors. Das Niederschreiben seiner Erinnerungen ist durch den innersten Antrieb motiviert. Das Übrige, die Trennung von der Familie, die Anfeindungen, die hoffnungslose Leere der Zeit, dann der Krieg und die Niederlage sind, wenn auch nicht einfache Kulissen für seine inneren Kämpfe, denn sie verstärken das Gefühl der Entwurzelung eines jeden Kindes aus einer magyarisierten jüdischen Kleinbürgerfamilie, so doch nicht als der Hauptgrund zu betrachten. Dieser Hauptgrund steckt in ihm, Schwarz (Zsolt), selbst. "Blitzschlag" ist mindestens so sehr eine Selbstenthüllung wie eine Kritik an der damaligen Gesellschaft.

Neun Koffer
1980

"Neun Koffer" ist das letzte große epische Werk von Béla Zsolt und zugleich der erste Holocaust-Roman der ungarischen Literatur. Gleich 1945 begann er mit dem Schreiben, als er aus der Schweiz, wohin er auf der Flucht aus einem Konzentrationslager gelangt war, heimkehrte. Der Roman erschien zunächst als Fortsetzung in Zeitungen. "Neun Koffer" ist der Roman vom Ghetto in Nagyvárad [Oradea/Rumänien], der Roman von den Illusionen Béla Zsolts (und anderer). Zugleich ist er auch als Dokument ein außerordentlich wichtiges Werk, da Zsolt das Leben im Ghetto mit soziografischer Genauigkeit beschreibt. Er beobachtet, wie die Deportationen aus Nagyvárad am 20. Mai 1944 ihren Anfang nehmen. Das noch vollkommen frische Erlebnis schildert er derart suggestiv, doch zugleich sachlich, dass es auch den heutigen Leser erschaudern lässt. Wie im Film: die Gendarme schauen gleichmütig, gewissermaßen erleichtert zu, wie die Menschenmenge gehorsam, von selbst in den Todeszug steigt, die Schwächeren und Langsameren treiben bereits sie selbst mit dem Gewehrkolben voran. So schreibt Susanne Simor: "Die akribische Schilderung des Lebens und Sterbens im Ghetto wirkt schockierend authentisch und tagebuchartig direkt." "Neun Koffer" ist selbstverständlich nicht nur ein Roman vom Holocaust, sondern auch die Autobiografie Zsolts. Auch seine inneren Kämpfe beschreibt er anschaulich, wie er sich versucht, gegen die Ungerechtigkeit dem ungarischen Volk gegenüber einzusetzen, doch als Antwort zu hören bekommt, Juden sollen sich nicht in die Angelegenheiten der Ungarn einmischen. Nachdem ihm Freunde bei der Flucht aus dem Ghetto halfen, denkt er während der Reise im Zug doch, auch wenn ihn hier keiner braucht, so lebt er doch für diese Heimat. Für diese Heimat, in der dieser Roman erst über dreißig Jahre nach seinem Tod erscheinen konnte.

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